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Der Adar ist der zwölfte und letzte Monat des hebräischen Kalenders. In einem Schaltjahr wird ein Adar II (Adar Bet) hinzugefügt – der einzige Monat, der zweimal vorkommen kann. Unmittelbar darauf folgt der Monat Nisan, der als „Anfang der Monate“ gilt (2. Mose 12,2).
In der jüdischen Tradition heißt es: „Wenn der Monat Adar kommt, wächst bei uns die Freude“ darüber, eine Zeit der Wunder zu begrüßen. Der hebräische Name „Adar“ ist mit dem Wort „adir“ verwandt, das Stärke und Macht bezeichnet. Adar war der letzte Monat, den das jüdische Volk vor dem Auszug aus Ägypten in der dortigen Sklaverei verbrachte. Die Freude im Adar wächst auch deshalb, weil er den Auftakt zu einer noch größeren Freude bildet: Die Wunder von Pessach. Dennoch beginnt er unter ganz anderen Vorzeichen.
Das prägende Ereignis ist das Purimfest, das am 14. Adar gefeiert wird. Die Geschichte dazu findet sich in der Estherrolle (Megillat Esther). Die Handlung spielt im Perserreich des 5. Jahrhunderts v. Chr. Haman, ein Nachkomme der Amalekiter und Berater von König Ahasveros, hatte geplant, alle Juden in Persien zu töten. Doch seine Pläne wurden von dem Juden Mordechai und seiner Cousine Esther, die Königin von Persien geworden war, vereitelt. Die Geschichte ist bekannt. Der Grund für das Purimfest wird in Esther 9,1-2 und 17 zusammengefasst:
„Im zwölften Monat, das ist der Monat Adar, am dreizehnten Tage, als des Königs Wort und Gesetz ausgeführt werden sollte, eben an dem Tage, als die Feinde der Juden hofften, sie zu überwältigen, und sich’s wandte, dass nun die Juden ihre Feinde überwältigen sollten, da versammelten sich die Juden in ihren Städten in allen Provinzen des Königs Ahasveros, um die Hand zu erheben gegen die, die ihnen übel wollten. Und niemand konnte ihnen widerstehen; denn die Furcht vor ihnen war über alle Völker gekommen. (…) Das geschah am dreizehnten Tage des Monats Adar, und sie ruhten am vierzehnten Tage desselben Monats. Den machten sie zum Tag des Festmahls und der Freude.“ (Esther 9,1-2+17)
Der Grund für das Festmahl und die Freude ist diese plötzliche Wendung des Schicksals: Die Feinde der Juden hatten gehofft, über sie zu triumphieren, doch das Gegenteil trat ein. Die drohende Vernichtung der Juden in Persien verwandelte sich auf wundersame Weise in einen Moment der Rettung. Mordechai erkannte, dass etwas geschehen war, dessen man gedenken musste:
„Und Mordechai schrieb diese Geschichten auf und sandte Schreiben an alle Juden, die in allen Provinzen des Königs Ahasveros waren, nah und fern, sie sollten als Feiertage den vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihr Schmerz in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten: dass sie diese halten sollten als Tage des Festmahls und der Freude und einer dem andern Geschenke und den Armen Gaben schicke.“ (Esther 9,20-22)
Purim wird bis heute gemäß Mordechais Anordnung gefeiert und gilt als das freudigste jüdische Fest. Männer werden dazu ermutigt, so viel Wein zu trinken, dass sie nicht mehr zwischen Haman und Mordechai unterscheiden können. Zu den Bräuchen gehören Masken und Kostüme. Männer treten sogar in Frauenkleidung auf. Es finden öffentliche Umzüge statt, die an die Karnevalsfeiern in katholischen Ländern erinnern. Der Anlass ist jedoch ein anderer: Karneval markiert den Beginn der Fastenzeit vor Ostern und damit das Ende des Fleischkonsums, während Purim die Feier einer wunderbaren Rettung ist.
Ein Aspekt, der den ausgelassenen Charakter der Feierlichkeiten erklärt, leitet sich von der Wendung ve-nahafoch hu (Est 9,22) ab; sie bedeutet, dass sich die Ereignisse ins Gegenteil verkehrten – alles wurde auf den Kopf gestellt. Vom Massaker zur Rettung, von der Niederlage zum Sieg, vom Kummer zur Freude und von der Trauer zum Festtag. Anstatt selbst vom König gewürdigt zu werden, musste Haman den vom König geehrten Mordechai im Triumphzug herumführen; anstatt alle Juden zu töten, wurde Haman selbst gehängt, und so weiter. Alles kehrte sich ins Gegenteil um. Diese große Rettung ist der Grund für das freudige Fest.
Nicht nur vollzogen die Ereignisse eine völlige Wende, sondern dies geschah auch noch sehr schnell. Die Vernichtung der Juden war über einen langen Zeitraum hinweg geplant worden. Haman hatte im Monat Nisan das Los geworfen, um den Termin für das Massaker festzulegen. Die Wahl fiel auf den Monat Adar, der erst elf Monate später lag. Man stelle sich nur die Schrecken vor, die die Juden in der Zwischenzeit durchleiden mussten. Wie viele bewahrten sich den Glauben, Gott auch in dieser aussichtslosen Lage zu vertrauen? Und dann erfolgte die Rettung innerhalb von nicht einmal fünf Tagen. Genau das ist das Wesen einer Revolution – auf modernem Hebräisch Mahapecha, ein Wort, das mit Nahafoch verwandt ist.
Eine weitere sehr auffällige Tatsache ist, dass das Buch Esther das einzige in der gesamten Bibel ist, in dem der Name Gottes überhaupt nicht vorkommt. Es ist, als hätte Gott sein Angesicht vor seinem Volk verborgen. Sie schreien zu ihm, doch nichts geschieht. Jüdische Kommentare nutzen sogar ein Wortspiel: Der Name Esther – der selbst wahrscheinlich babylonisch-persischen Ursprungs ist – klingt wie das hebräische Wort „histir“, was „verbergen“ bedeutet. Wir finden dieses Wort zum Beispiel in 5. Mose 31,17-18 im Zusammenhang mit einer Strafe, die Gott über sein widerspenstiges Volk verhängt:
„Da wird mein Zorn entbrennen über sie zur selben Zeit, und ich werde sie verlassen und mein Antlitz vor ihnen verbergen, sodass sie völlig verzehrt werden. Und wenn sie dann viel Unglück und Angst treffen wird, werden sie sagen: Hat mich nicht dies Übel alles getroffen, weil mein Gott nicht mit mir ist? Ich aber werde mein Antlitz verborgen halten [hester astir panai] zu der Zeit um all des Bösen willen, das sie getan haben, weil sie sich zu andern Göttern wandten.“
Diese Stelle im 5. Buch Mose ist für unser Verständnis von Purim von großer Bedeutung. Gott verbirgt sein Angesicht vor seinem Volk aufgrund all des Bösen, das es begangen hat. Wir können das in der jüdischen Geschichte beobachten. Zweimal wurden sie aufgrund ihrer Verfehlungen aus ihrem Land vertrieben. Sie wurden verfolgt, litten Not und wurden als Minderheiten über die ganze Welt verstreut. Die Lage war so aussichtslos, dass viele bezweifelten, dass Gott noch bei ihnen war. Genau deshalb findet sich dieser Abschnitt in der Tora: Gott wies Mose an, ihn als Lied niederzuschreiben, um künftige Generationen zu lehren und ihnen Hoffnung zu geben.
Der entscheidende Punkt ist, dass die Vertreibung nicht das Ende ist. Gott wird sich ihrer wieder erbarmen. Das kommt im Lied des Mose wunderbar zum Ausdruck, das mit folgenden Worten schließt (5. Mose 32,43):
„Preiset, ihr Heiden, sein Volk; denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und wird an seinen Feinden Rache nehmen und entsühnen das Land seines Volks!“
Gott hat die Kontrolle, auch wenn die Menschen es nicht sehen oder erkennen: Gottes Hand schützt sie weiterhin. Selbst wenn wir das Gefühl haben, die Dinge seien nicht so gelaufen, wie wir es erwartet hatten – wenn wir meinen, Gott habe unsere Gebete nicht erhört oder uns verlassen –, so lehrt uns die Bibel, dass es anders ist, als es den Anschein hat.
In dem Lied, das Gott Mose auftrug, die Kinder Israel zu lehren, werden sie ermahnt, auf die Geschichte zu blicken. In Vers 7 heißt es: Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht.
Durch den Blick auf die eigene Geschichte soll das jüdische Volk eine Lehre ziehen. Welche ist das? Es gab viele Zeiten, in denen es schien, als verberge Gott sein Angesicht; er griff nicht ein, und es herrschte großes Leid. Doch zugleich gelang es niemandem, das jüdische Volk von der Landkarte zu tilgen: weder dem Pharao noch Amalek, weder Haman noch der Inquisition, weder Hitler noch heute dem Iran. Die Juden sind noch immer da. Aus dieser Perspektive beginnen wir vielleicht, etwas zu erkennen, das zunächst verborgen schien. Wir sehen Gottes verborgene Hand hinter Ereignissen, die immer und immer wieder zur Rettung von Juden führen.
Das Purimfest vermittelt hierbei eine besonders eindrückliche Lektion. Mehrere historische Ereignisse fielen mit dem Datum von Purim zusammen. Es ist schwer, dabei nicht Gottes verborgene Hand zu sehen. So erlitt Josef Stalin an Purim 1953 einen Schlaganfall, der ihn lähmte. Er starb vier Tage später; dadurch wurden bereits geplante Pogrome gegen Juden in der Sowjetunion abgewendet. Ein weiteres Beispiel: Der Golfkrieg, in dessen Verlauf Saddam Hussein 39 Raketen auf Israel abfeuerte, endete am 28. Februar 1991 – genau an Purim. In Erwartung eines möglichen Chemiewaffenangriffs waren Gasmasken an alle israelischen Bürger ausgegeben worden. Es war eine Zeit großer Angst. Und dann, plötzlich, wandelte sich die Bedrohung in einen Sieg.
Selbst der Holocaust trägt Züge davon in sich. In den Nürnberger Prozessen wurden zehn führende NS-Verbrecher gehängt – eine Parallele zu den zehn Söhnen Hamans, die am Ende der Purim-Geschichte gehängt wurden. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass der Geist Amaleks in den Köpfen dieser Nationalsozialisten am Werk war.
Die Lehre von Purim lautet also: Auch wenn Gottes Hand in der Geschichte bisweilen unsichtbar erscheinen mag, wirkt er doch daran, Rettung zu bringen und sein Wort zu bestätigen. Dies ist die Botschaft des gesamten Monats Adar.
Übrigens: In einem jüdischen Schaltjahr, in dem ein ganzer Monat – der Adar Bet – hinzugefügt wird, feiert man Purim stets im zweiten Adar, sodass unmittelbar darauf der Monat Nisan folgt. Dafür gibt es einen Grund. Die Tatsache, dass der Monat Adar dem Nisan vorausgeht, schafft einen starken Kontrast. Der Nisan ist der Monat des Pessachfestes – eine Zeit offenbarer Wunder. Die zehn Plagen, die Teilung des Schilfmeers und all die Wunder in der Wüste: Es ist eine Zeit, in der Gottes Hand für jedermann sichtbar hervortritt. Selbst Feinde waren gezwungen, Gottes Macht anzuerkennen.
Im völligen Gegensatz dazu steht Purim als die Zeit des verborgenen Gottes. Sein Name wird nicht genannt, und er vollbringt kein sichtbares Wunder. Es ist auch eine Zeit, in der inbrünstiges Gebet und Fasten Großes bewirken. Man kann sagen, dass das dreitägige Fasten der Esther den Lauf der Geschichte in Persien und für das jüdische Volk verändert hat. Vielleicht waren das Gebet und das Fasten gerade deshalb so kraftvoll, weil Gottes Hand so verborgen blieb. Wenn man betet, ohne die Antwort zu sehen, übt man sich im Glauben. Der Glaube hat die Kraft, Geschichte zu verändern.
Wir haben es also mit diesem Gegensatz zu tun: dem sichtbaren Wirken Gottes im Monat Nisan und dem verborgenen Antlitz Gottes im Monat Adar. Der jüdische Gelehrte Nachmanides, auch Ramban genannt, lehrte, dass der Sinn des Monats Adar darin besteht, dass der Mensch dieses verborgene Antlitz Gottes erkennt. Es geht darum zu verstehen, dass alles, was geschieht, von Gott kommt – selbst wenn die Ereignisse anders verlaufen, als wir es erwartet oder gar erbetet haben. Genau deshalb ist das Gebet unter solchen Umständen so kraftvoll: inmitten der Verwirrung, wenn man die Dinge nicht versteht und die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt. Wer dann betet, zeigt, dass er weiterhin Gott vertraut.
Es ist eine wertvolle Lektion für jeden Gläubigen. Ist es Ihnen schon einmal so ergangen, dass Sie das Gefühl hatten, Gott erhöre Ihre Gebete nicht? Dass die Dinge nicht so verliefen, wie Sie es mit gutem Grund erwartet hatten? Wie muss es dann erst all den Gläubigen während des Holocaust gegangen sein? Wir tun gut daran, diese Lektion zu lernen: in allem die Hand Gottes zu erkennen.
Hier folgt die entscheidende Lektion: Nach Ansicht jüdischer Weiser lehrt uns der Gegensatz zwischen Purim und Pessach, wie es am Ende der Geschichte sein wird. Orthodoxe Juden erwarten, dass die Welt an jenem Tag auf revolutionäre Weise vom Verborgenen zur völligen Offenbarung übergehen wird. Genau wie damals in Ägypten: Nach 400 Jahren des Leidens war die Zeit gekommen, und die Hand des Herrn wurde sichtbar. Genau wie bei Josef: Seine Brüder hatten lange Zeit keine Ahnung, doch dann kam der Moment der Offenbarung. Und plötzlich ergab alles einen Sinn. Sie begriffen es. Sie verstanden, dass all dies geschehen musste, damit sich Gottes Plan erfüllen konnte.
Ebenso wird sich nach all der Verwirrung, in der Gottes Plan schwer zu verstehen ist, sein mächtiger Arm, Zroa, in einer gewaltigen Wendung der Ereignisse offenbaren. Wie Jesaja zu Beginn von Kapitel 53,1 sagt: „Wer hat unserer Botschaft geglaubt? Und wem ist der Arm des Herrn – Zroa – offenbart worden?“ Beten wir dafür, dass sich ihnen diese Zroa, die bei jeder jüdischen Familie in Form des Lammknochens auf dem Pessach-Tisch liegt, offenbaren möge.
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