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Der Aw ist der fünfte Monat des hebräischen Kalenders. Er gilt als der tragischste Monat in der jüdischen Geschichte. Am neunten Aw wurden sowohl der Erste als auch der Zweite Tempel in Jerusalem zerstört. Die jüdische Tradition fügt hinzu, dass an diesem Tag auch die zehn Kundschafter den schlechten Bericht über das Land brachten und sagten, dass sie nicht in der Lage seien, es zu erobern (4. Mose 13,31-33). In der neueren Geschichte wurden die Juden 1290 aus England und 1492 aus Spanien vertrieben. Und der Erste Weltkrieg begann am 9. Aw 1914.
Tischa be-Aw, also der 9. Aw, ist das bedeutendste Datum im Monat Aw und markiert den Höhepunkt von drei Wochen der Trauer, die im vorhergehenden Monat am 17. Tammus beginnen. Der 9. Aw ist ein Fasttag; das Buch der Klagelieder wird in den Synagogen gelesen und das Volk denkt über die Ursachen dieser Tragödien nach.
Der biblische Bericht über die Zerstörung des Ersten Tempels durch Nebukadnezar findet sich in Jeremia 52,12-14:
„Am zehnten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, der stets um den König von Babel war, nach Jerusalem und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser von Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer. Und das ganze Heer der Chaldäer, das bei dem Obersten der Leibwache war, riss alle Mauern Jerusalems ringsumher nieder.“
Dasselbe Ereignis wird in 2. Könige 25,8.10 beschrieben, wo fast derselbe Wortlaut verwendet wird wie in Jeremia, mit dem Unterschied, dass dort ein anderes Datum angegeben wird: „Am siebenten Tag des 5. Monats…“
Also: Wurde der Tempel am 7. oder am 10. Tag zerstört? Und warum wird die Zerstörung am 9. begangen? Der Talmud versucht, diese Daten in Einklang zu bringen, indem er die Ereignisse folgendermaßen beschreibt: Die Babylonier drangen am 7. Aw in das Tempelgebäude ein und feierten ihren Sieg ausgelassen, indem sie aßen und tranken und den heiligen Ort verwüsteten. Das setzte sich bis zum 9. des Monats fort. Gegen Abend des 9. Tages zündeten sie den Tempel an, und er brannte die ganze Nacht hindurch und noch weit in den 10. Tag hinein. So wurde der Tempel am 7. vom Feind betreten und entweiht und am 9. in Brand gesetzt, während der größte Teil des Brandes am 10. stattfand.
Diese Erklärung erscheint plausibel: Schließlich muss das Abbrennen eines so großen Gebäudes mehrere Tage gedauert haben. Ob man diese talmudische Darstellung nun akzeptiert oder nicht: Die Zerstörung des Tempels ist eine historische Tatsache, die in der Bibel bezeugt ist und in Erinnerung behalten werden sollte.
Und nun ein Gegensatz: Die sieben Wochen unmittelbar nach Tischa be-Aw bis in den Monat Elul hinein werden „die sieben Wochen des Trostes“ genannt. Manche Juden verwenden für diesen späteren Teil des Monats den Namen Menachem Aw. Das Wort „Aw“ bedeutet „Vater“, und „Menachem Aw“ bedeutet „tröstender Vater“. Menachem ist im Hebräischen eine Variante des Wortes Nachamu, das in Jesaja 40,1 erscheint – „nachamu, nachamu ami“: „Tröstet, tröstet mein Volk.“ Interessanterweise besteht in der jüdischen Tradition eine enge Verbindung zwischen Tischa be-Aw und dieser Stelle aus Jesaja. Der Schabbat nach dem 9. Aw wird Schabbat Nachamu genannt, und als Haftara8 wird der Abschnitt aus Jesaja 40 gelesen. Jüdische Gelehrte haben gesagt, dass die Wiederholung der Worte „nachamu, nachamu ami“ in Jesaja 40,1 dazu dient, Trost für jeden der beiden zerstörten Tempel zu spenden. Gott ist der Vater, und er tröstet sein auserwähltes Volk. Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht. Das ist die letztliche Botschaft des Monats Aw.
Das ist von besonderer Bedeutung für die ICEJ, denn „nachamu, nachamu ami“ war von Anfang an der Leitvers ihres Dienstes. Es ist gut zu wissen, dass dieser Vers in der jüdischen Tradition eng mit Tischa be-Aw und mit der Vorstellung verbunden ist, dass Gott sein Volk nach einer großen Tragödie tröstet. Wenige Jahrzehnte nach dem Holocaust, inmitten einer theologischen Wende im Christentum, die offiziell die Vorstellung zurückwies, die Juden seien Feinde Gottes, entstand eine solche Organisation, die den Trost Israels zur Leitlinie ihres Handelns machte. Das ist prophetisch bedeutsam.
Tatsächlich sagen jüdische Gelehrte, dass Zerstörung und Exil Hand in Hand mit Erlösung gehen. Jesajas Verheißung vom Kommen des Messias in Jesaja 11,1 – „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“ – folgt unmittelbar auf die Zerstörung, die in Kapitel 10 beschrieben wird und mit den Worten endet: „Der dichte Wald wird mit dem Eisen umgehauen werden, und der Libanon wird fallen durch einen Mächtigen“ (Jesaja 10,34). So enthält der Trost von „nachamu, nachamu ami“ bereits die Vorstellung vom kommenden Messias.
Das Thema Trost ist in der Bibel wichtig – nicht nur im Tanach: Paulus spricht davon in 2. Korinther 1,3-5:
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.“
Er nennt Gott den Vater der Barmherzigkeit – Aw ha-Rachamim – und den Gott allen Trostes – „Elohei kol ha-Nechama“. Das ist dasselbe Konzept wie in „nachamu ami“. Gott tröstet in Zeiten der Not. Bedrängnis und Trost gehören zusammen. Und hier lernen wir eine wichtige Botschaft: Die Quelle dieses Trostes ist das Leiden des Christus. Wir können getröstet werden, weil Christus für uns gelitten hat.
Dasselbe gilt für das Volk Israel. Wenn es im Lauf der Geschichte gelitten hat, hat Jeschua mit ihm gelitten. Und es kann heute getröstet werden, weil der Messias die Quelle des Trostes ist. Diese Wahrheit wird ihnen eines Tages offenbar werden, und wir bereiten den Weg, indem wir Israel trösten.
So zeigt sich, dass dieses „Israel Trösten“ nicht nur ein humanitäres Anliegen ist. Es ist zutiefst geistlich. Tatsächlich kann es nicht ohne Jesus geschehen. Dazu eine interessante Verbindung:
Die griechische Übersetzung in der Septuaginta von Jesaja 40,1 – „Tröstet mein Volk, spricht euer Gott“ – lautet „parakaleite ton laon mou“. Das Wort für „trösten“ hat denselben Wortstamm wie „Parakletos“, der „Tröster“, der im Neuen Testament für den Heiligen Geist verwendet wird.
Daraus folgt, dass ein solcher Akt des Tröstens göttliches Handeln ist; er ist vom Heiligen Geist inspiriert. Der Parakletos ist derjenige, der tröstet. Es ist mehr als bloß menschliche Anstrengung. Wenn Gott in Jesaja 40 sagt: „Tröstet mein Volk“, dann bedeutet das, dass Gott uns, den gläubigen Heiden, den Dienst des Trostes anvertraut hat – einen Dienst, der dem Wesen des Heiligen Geistes selbst entspricht. Wir können Israel nicht außerhalb des Heiligen Geistes trösten.
Schauen wir auf die Eigenschaften des Geistes im Neuen Testament. Jesus sagt in Johannes 14,16-17:
„Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“
Und in Johannes 16,7-10 sagt er:
„Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht.“
Wenn der Trost für Israel das Werk des Heiligen Geistes ist, können wir aus diesen Schriftstellen etwas über die Natur dieses Dienstes lernen. Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit, und die Welt kennt ihn nicht. Die Gegenwart des Heiligen Geistes bringt Gericht über die Herrscher dieser Welt.
Wenn wir Israel trösten, geraten wir unweigerlich in Konflikt mit dem Geist dieser Welt. Es ist ein Kampf um die Wahrheit. Es ist kein Zufall, dass die Feinde Israels Lügen benutzen: Sie leugnen die Existenz der Tempel und der jüdischen Geschichte; sie leugnen den Holocaust; sie behaupten fälschlich, die Juden seien Kolonialisten und Rassisten; sie haben viele Konflikte ausgelöst, indem sie vorgaben, die Al-Aqsa-Moschee sei in Gefahr, und so weiter.
Tatsächlich ist die Geschichte des Antisemitismus eine Geschichte von Lügen über Juden: die Ritualmordlegende, das Brunnenvergiften, die Hostienfrevel, die Weltverschwörung… Lügen, Lügen, Lügen.
Antisemiten trinken aus den vergifteten Brunnen des Teufels, der ein Lügner und der Vater der Lüge ist. Er will stehlen, töten und zerstören. Derselbe Geist, der die irrationalen Politiken der Nationalsozialisten inspiriert hat, stand hinter arabischen Unruhen und Gewaltkampagnen gegen Juden. Er hat auch das Regime im Iran geprägt, das die Zerstörung Israels zum obersten Ziel seiner Politik gemacht hat. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Es bringt ihrem eigenen Volk Leid und letztlich Zerstörung. Der einzige Grund, warum die Palästinenser bis heute keinen Staat haben, ist, dass die Zerstörung des jüdischen Staates für sie immer wichtiger war als der Aufbau ihres eigenen.
Indem wir Israel trösten, bringen wir dagegen Gottes Eigenschaften der Barmherzigkeit zum Ausdruck. Er ist der Vater der Barmherzigkeit und der Gott allen Trostes. Und er wird sein Volk wiederherstellen mit ganzem Herzen und ganzer Seele, wie es in Jeremia 32,37-42 heißt:
„Siehe, ich will sie sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoße in meinem Zorn, Grimm und großem Unmut, und will sie wieder an diesen Ort bringen, dass sie sicher wohnen sollen. Sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und ich will ihnen einerlei Sinn und einerlei Wandel geben, dass sie mich fürchten ihr Leben lang, auf dass es ihnen wohlgehe und ihren Kindern nach ihnen. Und ich will einen ewigen Bund mit ihnen schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun, und will ihnen Furcht vor mir ins Herz geben, dass sie nicht von mir weichen. Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun, und ich will sie in diesem Lande einpflanzen in beständiger Treue, von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Denn so spricht der HERR: Gleichwie ich über dies Volk all dies große Unheil habe kommen lassen, so will ich auch alles Gute über sie kommen lassen, das ich ihnen zugesagt habe.“
Gott, der Vater der Barmherzigkeit und der Gott allen Trostes, hat uns den Dienst des Trostes an Israel gegeben. Er hat uns seinen Tröster gegeben, der in uns wohnt und uns leitet. Die Welt kennt ihn nicht und kann ihn nicht annehmen, aber er ist stärker, und er bringt Gericht über die Herrscher dieser Welt. Es wird Konflikt und Leiden geben, aber Gott wird uns trösten, damit wir Israel trösten können.
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