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Christen und Israel – Neues Verständnis und Bewusstsein

Christen und Israel - Neues Verständnis und Bewusstsein

Karl Klanner
Baum mit tiefen Wurzeln, Symbolbild

Gemäß dem paulinischen Bild vom Ölbaum (Röm 11,17-24) sind die Christen als wilde Zweige in den edlen Ölbaum eingepfropft. Der Gott der Bibel hat sich das jüdische Volk erwählt, sich ihm offenbart und durch das Kommen Jesu, seinen Tod und seine Auferstehung ermöglicht, dass Nichtjuden, also die Gläubigen aus den Nationen, auch Teil dieses Ölbaums werden. Für viele Generationen war dieser wichtige Aspekt des christlichen Glaubens nicht erkennbar und relevant. Dabei sind den Juden die Schriften anvertraut (Röm 3,1) mit all den Verheißungen auf Jesus hin, der selbst sagt: „das Heil kommt von den Juden” (Joh 4,22 ELB). Alle von Jesus berufenen 12 Apostel, (fast) alle Schreiber der Bibel, der große Heidenapostel Paulus und sehr viele seiner Mitarbeiter waren Juden. Für Christen sollte es deshalb ein Gebot der Stunde sein, den Blick auf das jüdische Erbe neu zu schärfen und die jüdischen Wurzeln wieder neu zu entdecken. Vielleicht ist bei manchen Gläubigen auch eine grundlegende Bewusstseinsänderung und Neuorientierung in der Einstellung zum jüdischen Volk und Erbe erforderlich.

Beim Propheten Jesaja kann folgender Aufruf nachgelesen werden, der aufgrund der historischen Entwicklungen von ganz neuer Aktualität ist: „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist” (Jes 40,1 LUT). Dieser Vers ist ein Appell Gottes, sein Volk zu trösten und freundlich zu Jerusalem zu reden. Wer sonst als die Christen, die ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung dessen geistliche Erben (Gal 3,29) sind, könnte diesem Auftrag nachkommen?

Der Aufruf „Tröstet, tröstet mein Volk” ist sicherlich ein guter biblischer Ansatzpunkt und eine Anleitung für Christen, Solidarität mit dem jüdischen Volk und den in Israel lebenden Menschen zu zeigen. Die „Internationale Christliche Botschaft Jerusalem“ (ICEJ) hat diese Schriftstelle zum Leitmotiv ihres Dienstes gemacht. Es geht darum, den Juden mit Verständnis, Nächstenliebe zu begegnen und ganz praktisch zu helfen. Juden haben in der Geschichte oftmals erlebt, dass sie in schwierigen Zeiten letztlich ganz alleine waren. Eine wertschätzende Haltung und Gesinnung ihnen gegenüber mag manchmal noch viel wichtiger als eine materielle Unterstützung sein. Weltweit sind in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe überkonfessioneller Werke und Organisationen mit einer solchen oder ähnlichen Vision entstanden.

So gibt es heute viele Möglichkeiten, wie Christen den Prozess der Wiederherstellung Israels unterstützen können. Hier einige praktische Beispiele:

  • Persönliches und gemeinschaftliches Gebet für das jüdische Volk und Israel
  • Christliche Nächstenliebe: Unterstützung von Sozialprojekten zugunsten des jüdischen Volkes (Arme, Holocaustüberlebende, …)
  • Unterstützung der Alijah (Heimkehr der Juden nach Israel)
  • Besuch des Landes Israel und Kennenlernen der dort lebenden Menschen
  • Persönliches Engagement in der christlichen Gemeinde und der Gesellschaft
  • Regelmäßige Israel-Veranstaltungen in der christlichen Gemeinde.

Im evangelischen Kirchenjahr gibt es beispielsweise die Tradition des Israelsonntags (zehnter Sonntag nach Trinitatis)

  • Fortbildung durch Teilnahme an Seminaren, Konferenzen, Dialogforen, …
  • Freundschaftliche Kontakte zu jüdischen Gemeinden, Werken und Organisationen

 

Aus neutestamentlicher Sicht lässt sich begründen, dass die Christen aus den Nationen den Juden in gewisser Weise eine „irdische” Unterstützung schulden, weil sie von ihnen einen Anteil an geistlichen Gütern erhalten haben. Als die Gemeinden in Griechenland für die „Armen unter den Heiligen in Jerusalem” sammelten, stellt Paulus fest, dass eine Unterstützung der Juden durch die Christen angemessen und eine Verpflichtung ist: „Denn Mazedonien und Achaia haben beschlossen, eine Sammlung als Zeichen ihrer Gemeinschaft für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem durchzuführen. Ja, das haben sie beschlossen und sie sind auch deren Schuldner. Denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil erhalten haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen mit irdischen Gütern zu dienen” (Röm 15,26-27 EU).

Ein neues Verständnis und Bewusstsein erfordert in der alltäglichen Praxis auch ein entschiedenes Auftreten gegen jegliche Formen des oftmals tief verwurzelten Antisemitismus (siehe Begriffsverzeichnis). Der christliche Antijudaismus hat in Europa über Jahrhunderte hinweg den geistigen Nährboden dafür geschaffen, die Juden gesellschaftlich an den Rand zu drängen, zu diskriminieren, auszuweisen, zu verfolgen und in letzter Konsequenz zu töten. Auch wenn das jüdische Volk und der Staat Israel in den vergangenen Jahrzehnten durch islamistischen Terror bedroht werden und diese Anschläge weltweit medial stark präsent sind, wird von Christen oft übersehen, dass in der Geschichte durch sie selbst sehr großes Leid verursacht wurde. Deshalb ist eine interreligiöse Verständigung zwischen Juden und Christen bis in die Gegenwart verständlicherweise manchmal mit Hürden verbunden. Insbesondere wir Christen im deutschen Sprachraum haben gerade deshalb eine besondere historische Verantwortung.

Es ist natürlich nicht möglich, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Es ist aber sehr wohl möglich, heute und jetzt proaktiv zu handeln, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen und überall dort, wo Antisemitismus oder Antizionismus aufkeimt, klar Position zu beziehen – sei es im persönlich-privaten, beruflichen oder öffentlich-gesellschaftlichen Bereich.

Eine theologische Orientierungshilfe können dabei die „Seelisberger Thesen” aus dem Jahre 1947 bieten. Bedeutende jüdische und christliche Leiter trafen sich in Seelisberg (Schweiz) und formulierten auf der Grundlage der Forschungsergebnisse des französisch-jüdischen Historikers Jules Isaac (1877-1963) zehn Thesen für einen entschiedenen Kampf gegen Antisemitismus und als Basis für einen jüdisch-christlichen Dialog. Darin wird an das Gemeinsame des jüdischen und christlichen Glaubens erinnert und hervorgehoben, dass etwa derselbe Gott durch das Alte und Neue Testament zu allen spricht, Jesus von einer jüdischen Mutter aus dem Volk Israel geboren wurde und die ersten Jünger, Apostel und Märtyrer Juden waren. Auch die Liebe zu Gott sowie zum Nächsten ist für Juden und Christen gleich bindend. Zugleich gilt es zu vermeiden, das biblische und nachbiblische Judentum herabzusetzen, die Juden ausschließlich als „Feinde Jesu“ zu bezeichnen – insbesondere in der Vermittlung einer oberflächlichen Darstellung der Passionsgeschichte, die eine Abneigung und einen Hass gegen alle lebende Juden bewirken kann. Ebenso soll vermieden werden, einer Meinung Vorschub zu leisten, wonach die Juden ein verworfenes und für ständiges Leiden bestimmtes Volk seien.1

2022 wurden diese Thesen in Basel anlässlich einer, von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem zum 125. Jahrestag des Ersten Zionistenkongresses initiierten Feier bekräftigt und um sechs weitere „Zusatzthesen“ ergänzt. Demnach stellt der heutige Staat Israel einen Beweis für Gottes Bundestreue dar, dessen Existenzrecht unbestreitbar ist. Es wird bekräftigt, dass Jerusalem die ewige und ungeteilte Hauptstadt Israels ist. Alle Christen werden aufgerufen, jegliche Formen des Antisemitismus abzulehnen und zu bekämpfen, für den Frieden Jerusalems sowie für das Wohlergehen des israelischen Staates zu beten, Israel zur Seite zu stehen und weltweit Unterstützung zu zeigen. Ein Paradigmenwechsel in der schnell wachsenden evangelikalen Gemeinschaft wird freudig anerkannt, dass nämlich christliche Gemeinden und Denominationen auf allen Kontinenten mit einem zunehmenden Verständnis für die biblischen, hebräischen Wurzeln ihres Glaubens zu Freunden Israels und des jüdischen Volkes geworden sind.2

Bei einer Neupositionierung in Sachen Israel geht es aber auch darum, sowohl im Leben der christlichen Gemeinde als auch im Leben der einzelnen Gläubigen eine richtige Balance zu finden. Einerseits gilt es, dem jüdischen Erbe und einer Solidarität gegenüber dem jüdischen Volk und Land Israel einen angemessenen Platz zu geben. Andererseits darf diese neue Offenheit nicht dazu führen, dass Israel überhöht wird und Traditionen und Bräuche wieder in die christliche Praxis eingeführt werden, die laut dem „Apostelkonzil“ (Apg 15) für Heidenchristen keine heilsentscheidende Bedeutung haben. Um diese Gratwanderung in einer weisen Art und Weise zu bewältigen, werden besonders die Verantwortlichen in den Kirchen und christlichen Gemeinden nicht umhinkommen, offene theologische und praktische Fragen im Umgang mit dem jüdischen Erbe und dem heutigen Judentum ehrlich zu diskutieren und zu klären versuchen (z.B. zur Feier jüdischer Bräuche, zum Staat Israel und Nahostkonflikt, zu den messianischen Juden, zur Situation der arabischen Christen, der Araber …).

 

1 Vgl. International Council of Christians and Jews, Reports and Recommendations of the Emergency Conference of Anti-Semitism 14-16.

2 Internationale Christliche Botschaft Jerusalem, „Resolution anlässlich 125 Jahre Zionistenkongress in Basel“.

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