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Im vergangenen Jahrzehnt gab es mehrere große weltweite Erschütterungen. Doch die Kirche hat keine davon vorausgesehen. Welche Rolle falsche, echte und fehlende Propheten für uns heute spielen.
Joel gehörte zu den ersten hebräischen Propheten, die den „Tag des HERRN“ ankündigten. Wann genau er seine Botschaft verkündete, ist unklar, da er sie nicht mit der Regierungszeit eines bestimmten Königs verbindet. Jüdische Gelehrte des Altertums wie Raschi (Rabbi Schlomo Jarchi) und Radak (Rabbi David Kimchi) gingen davon aus, dass Joel während der von Elia angekündigten Dürre prophezeite (1. Könige 17,1), andere datieren ihn in die Regierungszeit der Königin Atalja.
Das Buch Joel steht ganz im Zeichen des kommenden „Tages des HERRN“. Der Apostel Paulus schreibt, dass dieser Tag wie „ein Dieb in der Nacht“ kommen wird (1. Thessalonicher 5,2) – völlig unerwartet, wie ein Dieb, der erscheint, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Nach den Worten des Apostels Petrus werden die Himmel vergehen und die Erde im Feuer schmelzen (2. Petrus 3,10). Es ist der große Tag der Abrechnung für die Menschheit. Oder, wie Jesaja sagt: „… denn es ist der Tag der Rache des HERRN, das Jahr der Vergeltung für die Rechtsache Zions.“ (Jesaja 34,8)
Auch der Prophet Zefanja beschreibt ihn: „Nahe ist der große Tag des HERRN (…) Ein Tag des Zorns ist dieser Tag, ein Tag der Angst und Bedrängnis, ein Tag der Verwüstung und Verheerung … Des HERRN großer Tag ist nahe, (…) dieser Tag ist ein Tag des Grimmes, ein Tag der Trübsal und der Angst, ein Tag des Unwetters und der Verwüstung, (…)“ (Zefanja 1,14–15).
Als Joel diesen Tag über die Welt kommen sah, rief er zunächst das ganze Volk zum Fasten, Gebet und zur Umkehr auf, denn: „wer weiß, ob er nicht umkehrt und es ihn reut und er Segen zurücklässt (…)“ (Joel 2,14). Joel erkannte den Ernst der Lage und rief das Volk dazu auf, sich zu versammeln und „zwischen Vorhalle und Altar“ zu weinen. Manche Ausleger sind der Auffassung, dass er die babylonische Eroberung bereits Jahrhunderte im Voraus sah.
Doch wie viele biblische Propheten reichte seine Vision noch weiter in die Zukunft. „Und danach wird es geschehen (…)“ – Joel empfing eine doppelte Vision für die Endzeit.
Zunächst sah er eine große Erweckung kommen: „Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen“ (Joel 3,1-2). Es wird eine Zeit großer geistlicher Erneuerung und Erweckung sein.
Viele Propheten, darunter Jesaja, Hesekiel und Sacharja, sahen eine ähnliche endzeitliche Erweckung für Israel. Als Petrus Jahrhunderte später in Jerusalem predigte, sprach auch er von „Zeiten der Erquickung“, die seinem Volk bevorstehen (Apostelgeschichte 3,20). All das bedeutet, dass wir vor dem großen und furchtbaren Tag des HERRN mit einer Ausgießung des Heiligen Geistes rechnen können, deren Zentrum Israel sein wird.
Joel sah noch eine zweite, weniger ermutigende Vision. Er sah das Tal Joschafat, was bedeutet „Der HERR richtet“. Gemeint ist ein Teil des Kidrontals östlich von Jerusalem. Es steht für Gottes Gericht über die Völker, wie auch andere Propheten es beschreiben. Während allen Menschen, „allem Fleisch“ die Möglichkeit offensteht, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu werden und den Namen des HERRN anzurufen, bringt Gott zugleich die Völker zum Gericht zusammen, vor allem aufgrund ihres Umgangs mit Israel.
Joel sah also sowohl Erweckung als auch Gericht für Israel und die Nationen. Diese Vision hatte nicht nur Joel, sondern sie findet sich bei nahezu allen Propheten der Bibel. Das bewegt mich, denn viele heutige prophetische Stimmen sprechen fast ausschließlich von Erweckung, Gemeindewachstum, Gesundheit und Wohlstand. Auch Joel sah Erweckung, doch zugleich warnte er sein Volk und die Nationen vor dem großen und furchtbaren Tag des HERRN.
Mich beschäftigt, dass die Kirche die großen weltweiten Erschütterungen des vergangenen Jahrzehnts weitgehend nicht vorausgesehen hat: die Covid-Pandemie, den großen Krieg in der Ukraine und natürlich den 7. Oktober. Nach dem schrecklichen Terrorüberfall auf Israel fragten wir uns bei der ICEJ, warum ihn praktisch niemand hatte kommen sehen. In gewisser Weise gleicht Israels Versagen im Sicherheitsbereich dem der Kirche: Wir alle wurden völlig überrascht.
Amos erklärt: „Gott der HERR tut nichts, er offenbarte denn seinen Ratschluss seinen Knechten, den Propheten“ (Amos 3,7). Dennoch hören wir immer wieder Aussagen wie: „Dieses Jahr wird dein bestes Jahr“ oder „Eine neue Zeit des Wohlstands bricht an.“ In den vergangenen fünfzig Jahren habe ich unzählige Male gehört, dass Deutschland vor einer Erweckung stehe. Wahrscheinlich haben Sie Ähnliches über Ihr Land gehört. Nur wenige Stimmen, etwa der Bibellehrer David Pawson, sahen Entwicklungen wie die zunehmende Islamisierung seines Landes, des Vereinigten Königreichs, bereits vor 25 Jahren voraus.
Propheten, die ausschließlich gute Zeiten ankündigen, sind kein neues Phänomen. Es gibt sie, seit es das Volk Gottes gibt. Jeremia und Hesekiel tadelten die Propheten ihrer Zeit, weil sie nur Frieden und Wohlergehen verkündeten und das kommende Gericht Gottes nicht erkannten (Hesekiel 12,24).
Warum ist die Prophetie so einseitig geworden? Vor allem deshalb, weil sie den Wünschen unseres Herzens entspricht. Wer wünscht sich nicht Wachstum und Wohlstand? Dagegen tun wir uns schwer mit harten Worten der Zurechtweisung und des Gerichts.
Der Prophet Habakuk stand vor genau diesem Dilemma. Er rang mit den schwierigen Zeiten, die Israel erlebte, und rief zu Gott: „Wie lange?“ Doch Gott antwortete ihm nicht mit den Worten: „Mach dir keine Sorgen. Gute Zeiten kommen.“ Stattdessen sagte er: „Du meinst, jetzt sei es schlimm? Das ist erst der Anfang. Ich werde die Chaldäer senden, um Israel zu richten.“
Gott leitete seine Antwort sogar mit den Worten ein: „Schaut hin unter die Völker, seht und verwundert euch! Denn ich will etwas tun zu euren Zeiten, was ihr nicht glauben werdet, wenn man davon sagen wird“ (Habakuk 1,5).
Hätten auch wir Mühe gehabt zu glauben, wenn der Herr für das Jahr 2020 eine weltweite Pandemie angekündigt hätte und dass Kirchen auf der ganzen Welt geschlossen würden und große christliche Werke zusammenbrechen würden? Selbst die israelischen Sicherheitsbehörden nahmen die Warnzeichen in den Tagen und sogar Stunden vor dem schrecklichen Angriff aus Gaza nicht ernst.
Vielleicht sind Sie versucht zu denken, dass der prophetische Dienst des Neuen Testaments stärker von Gnade und Ermutigung geprägt sei. Doch ein genauer Blick in das Neue Testament, besonders in die Apostelgeschichte, zeigt, dass sich dort dieselbe Ausgewogenheit prophetischer Botschaften findet wie im Alten Testament.
„In diesen Tagen kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia. Und einer von ihnen mit Namen Agabus trat auf und sagte durch den Geist eine große Hungersnot voraus, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; dies geschah unter dem Kaiser Klaudius“ (Apostelgeschichte 11,27-28). Diese prophetische Botschaft über eine weltweite Hungersnot veranlasste die Gemeinden, eine besondere Sammlung für die Gläubigen in Israel vorzubereiten.
Vielleicht hätte ein Prophet vom Typ des Agabus heute Covid vorausgesagt. Derselbe Agabus weissagte später eindrucksvoll, dass Paulus in Jerusalem gefesselt und den Heiden ausgeliefert werden würde (Apostelgeschichte 21,10-11). Er war nicht der einzige Prophet mit einer so schweren Botschaft für Paulus. In Apostelgeschichte 20,23 sagt Paulus: „Der Heilige Geist bezeugt mir in allen Städten, dass Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten.“ Bemerkenswert ist, dass Paulus dies als Gottes Wort für sein Leben annahm.
Vielleicht möchten Sie glauben, all das betreffe unsere Zeit nicht, weil der Tag des HERRN noch in weiter Ferne liege. Joel nennt jedoch einen ganz konkreten Zeitpunkt, wann sich diese Prophetien erfüllen werden: „Denn siehe, in jenen Tagen und zur selben Zeit, da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, will ich alle Völker zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinabführen und will dort mit ihnen rechten wegen meines Volks und meines Erbteils Israel, weil sie es unter die Völker zerstreut und sich mein Land geteilt haben“ (Joel 4,1-2).
Es wird die Zeit der Wiederherstellung Israels sein, in der die Völker versuchen, das Land Israel aufzuteilen. Nie zuvor hat eine Zeit diese Beschreibung so sehr erfüllt wie die heutige.
Das bedeutet: Wenn Sie aus einem Land kommen, das Israel fortwährend des Völkermords, der Apartheid und anderer Unwahrheiten beschuldigt, gleichzeitig aber zu den tatsächlichen Gräueltaten in Nigeria oder im Kongo schweigt, dann sollte die Kirche alarmiert sein. Sie sollte nicht nur gute Zeiten erwarten, sondern Gott auch um eine echte prophetische Warnung für ihr Land bitten.
Wir müssen verstehen, dass das Brüllen des Löwen von Juda nicht nur ein Ruf zur Erweckung ist, sondern auch – und vielleicht sogar zuerst – ein Ruf zum Gericht und zur Rechenschaft vor Gott. Deshalb brauchen wir in unserer Zeit eine Rückkehr zu einem echten prophetischen Dienst, der den Mut hat, der Kirche und den Nationen auch unbequeme Wahrheiten zu prophezeien.
Wir beten, dass während des diesjährigen Laubhüttenfestes der Weckruf Gottes zu hören sein wird, mit Worten der Ermutigung und der Erweckung, aber auch mit den notwendigen Worten der Zurechtweisung und der Umkehr. Beten Sie mit uns, dass der HERR tatsächlich von Zion her brüllen wird.
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