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Der Elul ist der sechste Monat, gerechnet ab Nisan, und der letzte Monat vor Tischri, dem Monat der Hohen Feiertage: Rosch ha-Schana, Jom Kippur und Sukkot. Elul liegt mitten im langen, heißen Sommer Israels und folgt auf die Monate Tammus und Aw, in denen verschiedene Katastrophen der jüdischen Geschichte in Erinnerung gerufen und betrauert werden: der Durchbruch der Stadtmauern und die Zerstörung des Tempels, die Sünde der zehn Kundschafter, die Sünde des goldenen Kalbes… Das Gedenken an diese Ereignisse gipfelt im 9. Aw, dem Fastentag Tischa be-Aw.
Doch wir haben über den vorangegangenen Monat Aw gelernt, dass es zugleich eine Zeit des Trostes ist. Die Zeit unmittelbar nach dem tragischen Tischa be-Aw und die folgenden sieben Wochen, die den gesamten Monat Elul einschließen, werden „die sieben Wochen des Trostes“ genannt. Der Schabbat nach dem 9. Aw heißt Schabbat Nachamu, und als Haftara wird Jesaja 40 gelesen, beginnend mit den bekannten Worten: „Tröstet, tröstet mein Volk“ (Jesaja 40,1).
Die zentrale Botschaft dieser Sommerzeit, trotz aller Erinnerungen an Tragödien, lautet also: Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht. Nun treten wir in den Monat Elul ein. Was können wir aus dem biblischen Bericht über diesen Monat lernen?
Nach der Überlieferung stieg Mose am ersten Tag des Elul auf den Berg. Wir befinden uns am Sinai zur Zeit des Auszugs aus Ägypten. Rufen wir uns kurz den Ablauf in Erinnerung: An Schawuot gab Gott Mose die Tafeln auf dem Berg Sinai. Danach blieb Mose 40 Tage auf dem Berg. Als er zurückkehrte und sah, dass das Volk ungeduldig geworden war und sich ein goldenes Kalb gemacht hatte, zerbrach er die Tafeln. Das geschah am 17. Tammus.
Dann flehte Mose Gott um Barmherzigkeit an – ein außergewöhnlicher Abschnitt der Fürbitte. Schließlich gewährte Gott ihm seine Bitte und sagte: „Ich werde barmherzig sein, wem ich barmherzig sein werde.“ Mose erhielt den Auftrag, neue Steintafeln zu behauen und noch einmal auf den Berg zu steigen. Die jüdische Tradition datiert dies auf den ersten Tag des Elul. Während Mose auf dem Berg war, offenbarte sich der Herr ihm auf eine neue Weise, wie sie zuvor keinem Menschen gezeigt worden war. Gott hatte Mose bereits seinen Namen JHWH offenbart, wie keinem Menschen zuvor. Mit Abraham hatte er gesprochen, doch seinen Namen – das heißt seinen Charakter – offenbarte er Mose. Nun sehen wir eine weitere Entfaltung dieser Offenbarung. Die endgültige Offenbarung geschah in Jesus, als das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte. Jesus sagte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14,9).
Hier im zweiten Buch Mose sehen wir diese fortschreitende Offenbarung: Gott offenbart sich Mose als ein Gott der Barmherzigkeit. In der jüdischen Tradition spricht man von den dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeit9, Midot ha-Rachamim, die wir in 2. Mose 34,6-7 finden:
„Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.“
Auch letzteres wird als Ausdruck von Barmherzigkeit verstanden, weil die Strafe nicht sofort kommt und auf drei bis vier Generationen begrenzt ist.
Nach vierzig Tagen steigt Mose mit den neuen Tafeln herab. Der Inhalt ist derselbe, doch die Bedingungen haben sich verändert: Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht. Gott entschied sich, seine Barmherzigkeit zu zeigen – sonst hätte das Volk nicht überleben können. Das bedeutet nicht, dass Sünde erlaubt ist, sondern dass Gott sich entschied, barmherzig zu sein.
Das weist voraus auf das, was am Kreuz geschah: Jesus sagte, dass kein Jota vom Wort Gottes vergehen wird. Auch hier sehen wir: Das Wort auf den zweiten Tafeln war identisch mit dem ersten. Gottes Wort ändert sich nicht. Der Lohn der Sünde ist weiterhin der Tod. Aber die Bedingungen haben sich verändert: Gott legte unsere Sünden auf seinen eigenen Sohn, damit wir Vergebung empfangen können. Gott bleibt gerecht und wahrhaftig – und wir werden gerettet. Das ist höchste Gnade. In Jesus, so formuliert es Johannes, wurde das Wort Fleisch und wohnte unter uns, voller Gnade und Wahrheit. So fand die Offenbarung von Gottes Barmherzigkeit, die Mose im Monat Elul empfing, ihre volle Erfüllung in Jesus.
Wann kehrte Mose zurück? Nach vierzig Tagen. Zählen wir: Er stieg am 1. Elul hinauf. Dreißig Tage später ist der 1. Tischri, Rosch ha-Schana, der Tag des Schofarblasens. Und zehn Tage danach? Die vierzig Tage auf dem Berg enden an Jom Kippur, dem Versöhnungstag. An diesem Tag kam Mose mit der Botschaft von Vergebung und Versöhnung herab.
Während des Monats Elul befinden wir uns also in einer Zeit des Wartens. Mose ist noch auf dem Berg, und wir wissen nicht, wie seine Mission enden wird. Diesmal ist das Volk wahrscheinlich vorsichtiger, aber auch ängstlicher. Es ist eine Zeit der Selbstprüfung, der Umkehr – im Sinne der Mahnung aus Haggai 1,7: „Richtet euer Herz auf eure Wege“ (hebräisch: simu lewawchem – achtet darauf, seid aufmerksam). Das Schofar wird nun jeden Tag geblasen, nicht nur zu Neumond oder an Feiertagen, sondern täglich. Die jüdische Tradition nennt es einen Weckruf, einen Ruf zur Buße.
Viele Schriftstellen rufen zur Umkehr auf, etwa:
„Wenn du dich bekehrst zu dem HERRN, deinem Gott, dass du seiner Stimme gehorchst, du und deine Kinder, von ganzem Herzen und von ganzer Seele in allem, was ich dir heute gebiete, so wird der HERR, dein Gott, deine Gefangenschaft wenden und sich deiner erbarmen und wird dich wieder sammeln aus allen Völkern, unter die dich der HERR, dein Gott, verstreut hat.“ (5. Mose 30,2-3).
Der Herr ruft Israel, wie in Jeremia 3,12 beschrieben: „Kehre zurück, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich nicht zornig auf euch blicken. Denn ich bin gnädig, spricht der HERR, und will nicht ewiglich zürnen.“ Das Wort „zurückkehren“, „schuwa“ bedeutet auch „umkehren“. Umkehr heißt auf Hebräisch Teschuwa. Sie ist eng mit Gottes Barmherzigkeit verbunden. Die Wiederherstellung Israels ist ein Akt göttlicher Barmherzigkeit. Von seinem Volk erwartet Gott Umkehr.
Das Neue Testament bringt dieselbe Botschaft. Johannes der Täufer rief: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe!“ und zitierte Jesaja: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn“ (Matthäus 3,2-3). Bemerkenswerterweise ist das wieder ein Zitat aus Jesaja 40, wo Gott verkündet, dass Israels Knechtschaft ein Ende hat und seine Schuld vergeben ist. Dies ist der Hintergrund für den Aufruf zur Umkehr.
Das Ziel des Monats Elul ist also der Ruf zur Umkehr, zur Vorbereitung auf den Monat Tischri mit Jom Kippur und dem Laubhüttenfest als Höhepunkt.
Mitten im Ruf zur Umkehr stehen Barmherzigkeit und Hoffnung. Deshalb wird der Elul auch der „Monat der Barmherzigkeit“ genannt. Eine jüdische Tradition sagt sogar: Wenn das Schofar ertönt, verlässt Gott seinen Thron des Gerichts und setzt sich auf den Thron der Barmherzigkeit. Gott sei dann nahbarer.
Bevor wir uns die Aussage aus christlicher Perspektive anschauen, betonen wir noch einmal das jüdische Verständnis von Zeit. Man unterscheidet zwischen normalem Alltag und Moedim, besonderen Zeiten der Begegnung mit Gott. Das sind die Feiertage, zu denen auch der Schabbat gehört. Juden sollen jede Woche Zeit und Energie investieren, um Gott näher zu kommen. Dabei empfangen sie neue Kraft, um ihren Alltag zu bewältigen.
Doch im Monat Elul „fließt“ diese Schabbat-Qualität in den Alltag hinein. Das Schofar erklingt täglich. Die Menschen sind gezwungen, inmitten ihres Alltags eine spirituelle Bestandsaufnahme vorzunehmen. Sie erleben den Herrn als nahbar. Er spricht zu ihnen. Sie können dieselbe Erfahrung der Nähe zu ihm machen wie sonst an einem Schabbat oder einem Chag (Feiertag).
Diesem Verständnis entstammt eine Redeweise, die die Situation im Monat Elul veranschaulicht: „Der König ist auf dem Feld.“ Das Bild ist folgendes: Normalerweise muss man viele Hürden überwinden, um eine Audienz beim König zu erhalten: einen Termin vereinbaren, an vielen Beamten vorbeigehen… und erhält dann vielleicht ein kurzes Gespräch. Man betritt den mächtigen Palast des Königs, wo alles von seiner Macht zeugt. Er sitzt auf dem Thron und übt Macht und Gericht aus.
Doch jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit verlässt der König seinen Palast und wandert durch die Felder. Das bedeutet, dass er ansprechbar ist. Jeder kann sich ihm nähern, und er wird ihm gnädig und wohlgesinnt sein. Genau das geschieht im Monat Elul mit denen, die sich demütigen und sein Angesicht suchen. Sie können ihm leichter begegnen als zu anderen Zeiten.
Was können wir als Christen aus dieser Tradition lernen? Wir wissen, dass Jesus gegenwärtig ist, wo immer zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. So groß ist die Kraft der Auferstehung. Dank Jesus ist der König immer anwesend und jederzeit ansprechbar. Denn wenn er uns ansieht, sieht er seinen einzigen Sohn, an dem er Wohlgefallen hat. Das ist ein wunderbares Privileg, das wir viel mehr nutzen sollten.
Das jüdische Verständnis des Monats Elul erteilt uns noch eine weitere Lehre: Unser geistliches Leben sollte sich nicht auf einen Tag in der Woche beschränken. Vielmehr sollte es alles durchdringen, was wir tun. Es sollte Teil unserer Arbeit, unserer Freizeit und unserer Beziehungen sein. Dies ist das Bild des Reiches, das Gott auf Erden errichten möchte. Gottes Reich ist ein Ort, an dem seine Gesetze in jedem Beruf und in jedem Bereich unseres Lebens gelten. Wir sind berufen, das Salz in unseren Nationen zu sein und die Gesellschaft als Ganzes zu prägen. Nationen, die von göttlichen Gesetzen geprägt wurden, haben immer gedeihen können: Es gibt weniger Korruption, weniger Gewalt und weniger Betrug. Es ist kein Zufall, dass der Teufel versucht, das göttliche Erbe in der westlichen Welt zu zerstören.
Zurück zu Elul: Der König ist nahbar und Buße fällt leicht, doch du musst die Initiative ergreifen. Er ist nah, er ist nahbar, aber du musst ihm begegnen. Er schafft günstige Bedingungen, aber der Mensch muss die Initiative ergreifen.
Im Hebräischen wird Elul als Aleph-Lamed-Waw-Lamed geschrieben und als Akronym interpretiert, das zu einer Zeile aus dem Hohelied führt: Ani Ledodi Wedodi Li – Ich gehöre meinem Geliebten und er gehört mir.
Das Hohelied Salomos ist ein Liebeslied und wird als Offenbarung der Liebesbeziehung gedeutet, die Gott sich zu uns wünscht. Es ist bemerkenswert, dass dieses Liebesthema im Bußmonat auftaucht. Doch es entspricht vollkommen der jüdischen Tradition. Im Bußmonat tritt Gottes Liebe deutlich hervor.
Wenn wir wissen, dass Gott uns liebt, fällt uns die Umkehr leichter. Gott ist Liebe, und Liebe vertreibt jede Furcht. Gott liebt uns und hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, der euch wieder in Furcht versetzt, sondern den Geist der Kindschaft, durch den wir rufen: „Abba, Vater!“
Deshalb ist das Liebeslied ein passendes Thema für den Bußmonat. Genau das lehrt auch das Neue Testament. Paulus schreibt im Römerbrief: „Verachtet ihr den Reichtum seiner Güte, seine Geduld und Langmut? Wisst ihr nicht, dass Gottes Güte zur Umkehr führt?“ (Röm 2,4). Gottes Güte führt zur Umkehr! Bemerkenswert ist, wie Paulus seine Worte wählt. Es scheint Absicht zu sein; er zitiert tatsächlich aus den Midot ha-Rachamim, den Eigenschaften der Barmherzigkeit. Er erwähnt die Güte, Barmherzigkeit und Langmut, die wir in 2. Mose 34 finden. Sie sollen verhärtete Herzen erweichen und den Weg zur Umkehr (Teschuwa) öffnen, was wörtlich „zurückkehren“ bedeutet, zurück in die Arme des Vaters.
Welch ein Unterschied zur Predigt billiger Gnade! Manchmal hören wir beschönigende Predigten über den liebenden Gott, die suggerieren, er könne nicht richten und Sünde sei bedeutungslos. Die biblische Botschaft sagt genau das Gegenteil: Gottes Liebe führt zur Umkehr.
Das ist die Bedeutung von „Ani Ledodi“. Es beginnt bei mir, ich ergreife die Initiative, ich komme zu ihm, ich gehöre ihm. Das ist der Kern. Wenn ich mich ihm nähere, nähert er sich mir. Er ist mein (Dodi Li). Jakobus sagt: Naht euch Gott, und er wird sich euch nahen.
Wie können wir das praktisch umsetzen? In der jüdischen Tradition ist der Monat Elul der Monat des verstärkten Bibelstudiums. Jesus sagte: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten und meinem Wort gehorchen.“ Unsere Haltung gegenüber dem Wort Gottes zeigt, wie sehr wir Gott lieben. Sich bewusst mehr Zeit für das Wort zu nehmen, ist ein guter Weg, diese Lektion im Alltag umzusetzen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Elul der Monat des Schofars, der Buße, der Barmherzigkeit und der Vergebung ist. Nutzen wir diese Gelegenheit und bereiten wir unsere Herzen auf den kommenden Monat vor, auf die Zeit, die im Laubhüttenfest ihren Höhepunkt findet.
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