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Wie bereits im ersten Abschnitt angeführt, führte die frühchristliche Diskussion über den Umgang mit dem jüdischen Erbe zu großen Spannungen innerhalb der christlichen Gemeinden. Der Apostel Paulus nimmt im Brief an die Römer ausführlich zum Verhältnis von Juden und Heiden Stellung. Er hat diese Gemeinde nicht selbst gegründet und besucht, aber in Griechenland zwei ihrer Mitglieder – Aquila und Priscilla – kennengelernt. Aufgrund eines Ediktes des römischen Kaisers Claudius, wonach die Juden Rom verlassen mussten, verließen sie die Hauptstadt, arbeiteten mit Paulus in Korinth und Ephesus zusammen und kehrten nach dem Tod des Kaisers wieder nach Rom zurück. Es ist anzunehmen und naheliegend, dass es nach ihrer Rückkehr in der mehrheitlich heidenchristlichen Gemeinde Fragen und Probleme in Bezug auf das Verhältnis von Juden und Christen gab und Paulus, der die beiden sehr schätzte und in seinen Schriften drei Mal erwähnte (Röm 16,3; 1 Kor 16,19; 2 Tim 4,19), davon erfuhr und deshalb auf diese Thematik einging.
Er setzt sich mit der besonderen Berufung der Israeliten im Hinblick auf das Evangelium auseinander: „Was haben dann die Juden für einen Vorzug, oder was nützt die Beschneidung? Viel in jeder Weise! Vor allem: Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat” (Röm 3,1-2 LUT). Seine vorerst sehr positive Antwort – viel in jeder Hinsicht – beinhaltet den Hinweis, dass den Juden die Schriften anvertraut sind. Ein paar Verse später relativiert er jedoch seine eigene Aussage: „Was sagen wir [= Juden, Anm.] denn nun? Haben wir einen Vorzug? Gar keinen” (Röm 3,9 LUT) und begründet dies damit, dass alle Menschen sündig seien und der Erlösung durch Jesus bedürfen. Diese scheinbar widersprüchlichen Positionen bringen die paradoxe Situation der Juden zum Ausdruck. Denn einerseits sind sie als Volk durch die Bünde Gottes erwählt, die Erlösung der Menschheit in Existenz zu bringen, andererseits bedürfen sie als einzelne Individuen genauso der Gnade und Barmherzigkeit Gottes durch den Glauben, um zum ewigen Heil zu gelangen.
Paulus stellt die Frage, ob Gott nun sein auserwähltes Volk verstoßen hat, weil ein Teil der Juden Jesus nicht angenommen hatte: „So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat” (Röm 11,1-2 LUT). Das ganze Kapitel 11 des Römerbriefes ist eine klare Absage gegen jegliche Art von Ersatztheologie. Gottes Berufung und seine Verheißungen für das Volk Israel sind auch nach dem Kommen Jesu weiterhin gültig.
Weiter schreibt Paulus: „Nun frage ich: Sind sie [= Juden, Anm.] etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihre geringe Zahl Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Vollzahl! Euch aber, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, weil ich hoffte, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. Denn wenn schon ihre Zurückweisung für die Welt Versöhnung bedeutet, was wird dann ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?” (Röm 11,11-15 EU).
Wiederum bekräftigt Paulus, dass die Juden nicht gefallen sind, sondern dass durch ihre Verfehlung, also durch die Nichtannahme des Evangeliums, erst den Heiden und Nationen das Heil widerfahren konnte. Wenn nun ihre Verfehlung Reichtum für die Heiden und ihre geringe Zahl Versöhnung für die Welt ist, welch große Auswirkungen wird dann erst ihre volle Zahl bringen! Er ringt innerlich mit seiner Herkunft und „wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen” (Röm 9,3-4 LUT).
Das Bild vom Ölbaum macht die bleibende Berufung Israels noch klarer.
„Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig; und ist die Wurzel heilig, so sind auch die Zweige heilig. Wenn nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden, du aber, der du ein wilder Ölzweig bist, in den Ölbaum eingepfropft wurdest und Anteil bekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Nun wirst du sagen: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft werde. Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht überheblich, sondern fürchte dich! Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er auch dich nicht verschonen. Darum sieh die Güte und die Strenge Gottes: die Strenge gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du in der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden. Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur aus wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, um wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum” (Röm 11,16-24 LUT).
Weil die Wurzel des Ölbaums heilig ist, deshalb sind es auch die Zweige. Die Heidenchristen wurden als wilde Zweige in den Ölbaum eingepfropft, während einige natürliche Ölzweige wegen ihres Unglaubens herausgebrochen wurden. Die Warnung des Paulus an Gläubige aus den Nationen ist ganz klar: Rühme dich nicht, denn die Wurzel trägt dich und nicht umgekehrt! Gott hat die natürlichen Zweige nicht verschont und wird auch die wilden nicht verschonen. Er vermag die natürlichen wieder einzupfropfen. Dieses Bild vom Ölbaum zeigt in sehr anschaulicher Weise, wie Christen zum jüdischen Erbe stehen sollen, nämlich in einer Haltung des Respekts und Ehrfurcht gegenüber der natürlichen Wurzel.
Im Blick auf die künftige Rolle Israels und dem Verhältnis zur christlichen Gemeinde stellt Paulus fest: „Denn ich will euch, Brüder und Schwestern, nicht in Unkenntnis über dieses Geheimnis lassen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Retter, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen. Und das ist der Bund, den ich für sie gestiftet habe, wenn ich ihre Sünden hinwegnehme. Vom Evangelium her gesehen sind sie Feinde, und das um euretwillen; von ihrer Erwählung her gesehen aber sind sie Geliebte, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes” (Röm 11,25-29 EU).
Zunächst wird die Rolle Israels als Geheimnis beschrieben, also als etwas, was verborgen ist und sich nicht aufklären lässt. Auf einem Teil Israel liegt eine Verstockung (2 Kor 3,14), bis die Vollzahl der Heiden – die Zahl der Heiden in den Nationen, welche das Evangelium angenommen haben – erreicht ist. Danach wird „ganz Israel“ gerettet werden (Jes 59,20). Schließlich stellt Paulus fest, dass die Juden zwar „Feinde“ des Evangeliums, aber von ihrer Erwählung her „Geliebte um der Väter willen” sind, denn ihre Berufung ist unwiderruflich.
Zusammenfassend kann aufgrund der angeführten Schriftstellen in Bezug auf die Erwählung und Berufung des Volkes Israel festgehalten werden, dass diese unwiderruflich ist. Die Rolle der Juden bleibt auch für Paulus ein Geheimnis und lässt sich nicht einfach auflösen, aber Israel hat weiterhin eine zentrale Rolle im göttlichen Heilsplan und die Christen sollten – im Bild vom Ölbaum gesprochen – nie vergessen, dass sie als eingepfropfte, wilde Zweige von der natürlichen Wurzel getragen werden.

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