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Horatio Spafford: Gott loben im Leid

Horatio Spafford: Gott loben im Leid

Karin Lorenz
Horatio & Anna Spafford halfen bei der Gründung der "American Colony". Foto: Schwestern der „American Colony“ beim Verteilen von Lebensmitteln an Bedürftige. Matson Eric, GPO-Archiv

Der große christliche Dichter Horatio Spafford starb vor 135 Jahren in Jerusalem. Sein Leben erinnert an die Geschichte Hiobs.

Erster Schicksalsschlag

Chicago im 19. Jahrhundert. Horatio Gates Spafford hat es als erfolgreicher Anwalt zu einem beachtlichen Vermögen gebracht. Einen großen Teil des Geldes investiert der tiefgläubige Christ und Familienvater in Immobilien, den anderen Teil in Wertpapiere.

Am 8. Oktober 1871 bricht in einer Scheune im Westen Chicagos ein Feuer aus. Bis die Feuerwehr eintrifft, stehen bereits zwei Straßenzüge vollständig in Brand und starke Winde treiben das Feuer weiter Richtung Stadtmitte. Es mangelt an Löschwasser, weil der Sommer lang, heiß und extrem trocken war. Innerhalb weniger Stunden verwandelt sich fast die ganze Stadt in ein riesiges Flammenmeer. Zwei Tage lang wütet das Feuer. Das Inferno geht als „großer Brand von Chicago“ in die Geschichte ein. Es gibt etliche Tote. 100.000 Menschen verlieren ihr Zuhause – und das Immobilienvermögen von Horatio Spafford verbrennt zu Asche.

Vernichtetes Vermögen

Es ist ein schwerer Schlag. Doch die Anwaltsfamilie ist mit dem Leben davongekommen, außerdem besitzt man ja noch die Wertpapiere. Die Eheleute Horatio und Anna Spafford nehmen den Schicksalsschlag hin und beten wie Hiob: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gelobt sei der Name des Herrn.“ Allerdings gehen die Geschäfte fortan schlecht. Die Wirtschaftslage ist angespannt. Nur zwei Jahre später kommt es zur großen Rezession. Die Aktien fallen ins Bodenlose. Viele Wertpapiere sind nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind.

Horatio und Anna nehmen die Krise zum Anlass, ihr Leben noch einmal neu ganz Gott anzuvertrauen. Vielleicht will Er sie an anderer Stelle einsetzen? Der in den USA bekannte Evangelist Dwight Lyman Moody hat eine mehrjährige Evangelisationstour in England gestartet und benötigt Unterstützung. Horatio und Anna beschließen, den Ruf anzunehmen und gemeinsam mit ihren vier Töchtern nach Europa zu reisen, um dort die Arbeit des Evangelisten zu unterstützen. Sie buchen sechs Tickets für die Atlantiküberquerung auf der „Ville de Havre“. Kurz vor der Abfahrt taucht ein geschäftliches Problem auf, das noch gelöst werden muss, ehe Horatio abreisen kann. Man beschließt, sich vorübergehend zu trennen. Anna soll gemeinsam mit den Töchtern, 2, 7, 9 und 12 Jahre alt, vorausfahren.

Tragödie auf See

Am 15. November 1873, einem Sonnabend, legt die „Ville du Havre“ in New York ab für die Überfahrt nach Le Havre. An Bord befinden sich 172 Besatzungsmitglieder und 141 Passagiere. Eine Woche später, am 22. November 1873, um 2 Uhr nachts, ereignet sich ein undenkbares Unglück: Die „Ville du Havre“ kollidiert mitten auf dem offenen Atlantik mit einem anderen Schiff, zerbricht in der Mitte und versinkt innerhalb weniger Minuten in den eiskalten Fluten. Überlebende berichten später von gnadenlosen Kämpfen um die wenigen Rettungsboote und Schwimmwesten. Von 313 Menschen an Bord können nur 87 gerettet werden.

Horatio Spafford: Ein Lied in der Nacht

Anna Spafford überlebt. Aber alle vier Töchter sind ertrunken. Das Telegramm, das Anna nach Chicago schickt, besteht nur aus zwei herzzerreißenden Worten: „Saved alone“ – als Einzige gerettet. Der Schmerz ist unermesslich. Doch die verwaisten Eltern halten fest an ihrer Liebe zu Gott. Als Antwort auf das tiefe Leid schreibt Horatio sein berühmtestes Lobpreislied: „It is well with my soul“. Horatio selbst nennt das Gedicht „A song in the night“, ein Lied in der Nacht. Es ist ein berührendes Glaubensbekenntnis, das in Deutschland unter dem Liedtitel „Wenn Frieden mit Gott meine Seele durchdringt“ bekannt ist. Horatio reist seiner Frau hinterher. Wie ursprünglich geplant unterstützen sie Moody in England. Sie selbst bleiben bescheiden im Hintergrund. Die Evangelisation wird ein voller Erfolg. Nach jeder Predigt entscheiden sich die Menschen in Scharen für Jesus. Allein an einem einzigen Abend versammeln sich bis zu 50.000 Menschen in London, um Moody zuzuhören. Der amerikanische Prediger wird als einer der größten Evangelisten des 19. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben.

Ermahnung statt Trost

Doch das Leid in der Familie Spafford hört nicht auf. Ein Sohn, der dem Ehepaar noch geboren wird, stirbt mit vier Jahren an Scharlach. Wie bei Hiob melden sich nun die Freunde zu Wort. Und wie bei Hiob ist es nicht Trost oder Mit-Leiden, das Horatio und seine Frau von ihren Glaubensgeschwistern erfahren. Stattdessen werden sie ermahnt, nach „verborgenen Sünden“ zu suchen. Die Schicksalsschläge werden als „Strafe Gottes“ bezeichnet. Trotzdem lassen sich Horatio und Anna nicht von ihrem Glauben an einen liebenden Gott abbringen. Sie suchen seine Nähe noch mehr als je zuvor – und dabei wird ihnen immer mehr bewusst: Ihr Gott ist der Gott Israels! Sie sind überwältigt von der jüdischen Identität Jesu. Es sind vor allem die Verse in Jesaja 53, die ihnen Trost schenken und an denen sie sich festhalten: „Wir aber glaubten ihn behaftet, von Gott geschlagen und erniedrigt. Er aber ward durchbohrt ob unserer Frevel, zermalmt um unserer Sünden, die Züchtigung für unser Wohl lag auf ihm, durch seine Striemen ward uns Heilung.“

Im Heiligen Land

Zwei weitere Töchter kommen zur Welt. Das Ehepaar schöpft neue Kraft, gründet eine messianisch-christliche Gemeinde und wandert 1881 ins Heilige Land aus. In Jerusalem investieren sie den Rest ihres Vermögens für eine junge biblisch-christliche Gemeinschaft, die als „American Colony“ bekannt wird. Die Mitglieder versorgen Waisenkinder, pflegen Kranke und eröffnen eine Suppenküche für bedürftige Bewohner der Stadt. Für ihren selbstlosen Einsatz genießen „die Amerikaner“ hohes Ansehen bei Juden und Arabern gleichermaßen. Horatio erkrankt im Heiligen Land allerdings an Malaria und erliegt der Krankheit wenige Jahre später im Alter von 59 Jahren. Er wird auf dem Zionsfriedhof südwestlich der Jerusalemer Altstadt begraben. Das einstige Anwesen der „American Colony“ ist heute ein Luxushotel. Doch die Lieder des Rechtsanwalts sind bis heute in vielen christlichen Liederbüchern auf der ganzen Welt zu finden.

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