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Der Monat Ijar ist der zweite Monat im hebräischen Kalender nach dem Nisan. In gewisser Weise ist er ein Monat der Neuanfänge. Er ist der erste Monat nach dem Auszug aus Ägypten, als die Israeliten ihre Reise in das Verheißene Land begannen. In diesem Monat, der auch Zif genannt wird, begann König Salomo mit dem Bau des Tempels (1. Könige 6,1). Auch die erste Zeit nach der Auferstehung Jesu, in der er sich seinen Jüngern mehrfach offenbarte, fällt teilweise in diesen Monat. Und im Monat Ijar wurde nach fast zwei Jahrtausenden der Staat Israel wiederhergestellt. In jedem dieser Fälle begann eine neue Zeit, eine neue Phase, eine völlig neue Erfahrung. Man könnte sogar von einem Paradigmenwechsel sprechen.
Im Hebräischen wird Ijar mit den Buchstaben Alef–Jod–Resch geschrieben. In der jüdischen Tradition versteht man diese Buchstaben als Akronym, das auf ein Ereignis hinweist, das kurz nach dem Auszug aus Ägypten geschah. In 2. Mose 15,26 sagt Gott: „So will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt.“ Nimmt man die Anfangsbuchstaben der Worte „Ich bin der HERR, dein Arzt“ (אני י-י רפאך), entsteht ein Akronym, das genauso geschrieben wird wie der Monatsname „Ijar“ (אייר). Deshalb gilt Ijar in der jüdischen Tradition als eine gute Zeit für Heilung. Auf dieses Thema kommen wir später noch einmal zurück.
Zunächst wollen wir uns die Begebenheit aus 2. Mose 15 genauer ansehen. Nachdem die Israeliten Ägypten verlassen hatten, begann ihre Wanderung durch die Wüste. Ihre erste Erfahrung war schwierig. Es war die erste in einer Reihe von Prüfungen. In 2. Mose 15,22-26 lesen wir:
„Da ließ Mose Israel vom Schilfmeer aufbrechen, und sie zogen zur Wüste Schur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste und fanden kein Wasser. Da kamen sie nach Mara; aber sie konnten das Wasser von Mara nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher nannte man den Ort Mara. Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken? Er schrie zu dem HERRN, und der HERR zeigte ihm ein Holz; das warf er ins Wasser, da wurde es süß. Dort gab er ihnen Gesetz und Recht und versuchte sie und sprach: Wirst du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und merken auf seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt.“
Für ein Sklavenvolk war die ganze Reise eine völlig neue Erfahrung. Sie hatten die wunderbare Rettung vor der Armee des Pharao erlebt, das Gericht über Ägypten und die Teilung des Schilfmeeres. Vielleicht dachten sie: „So sieht also ein Leben mit dem Herrn aus! Er wird alles für uns tun und sich um alles kümmern.“
Wahrscheinlich waren sie überrascht, als Herausforderungen und Prüfungen kamen. Man stelle sich vor: Die erste Erfahrung, nachdem sie trockenen Fußes durch das Meer gezogen waren, war eine Wüstenwanderung. Die ersten Tage in Freiheit gleichen einer Wüste? Kein Wunder, dass sie bald anfingen, von den angeblich vollen Fleischtöpfen in Ägypten zu träumen.
Das gilt auch für das Leben eines Gläubigen. Manche Menschen kommen zum Glauben, nachdem sie Gottes wunderbare Macht erlebt haben. Und selbst wenn jemand ohne sichtbare Zeichen und Wunder zum Glauben kommt, bleibt es doch immer ein Wunder, wenn der Heilige Geist Jesus unserem Herzen offenbart und unser Leben verändert. So oder so – am Anfang haben wir alle die Kraft Gottes erlebt. Und dann kommen Prüfungen und Herausforderungen. In seinem Gleichnis vom Sämann spricht Jesus über Menschen, die das Wort aufnehmen, und warnt davor, dass manche Samen keine Frucht bringen werden. Zwei Gründe sind für unser Thema wichtig:
„Der aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es alsbald aufnimmt mit Freuden; aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so kommt er alsbald zu Fall. Der aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der trügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht.“ (Matthäus 13,20-22)
Wir können sicher sein, dass wir als Gläubige Prüfungen erleben werden. Dann sollen wir wie der Same sein, der auf guten Boden fällt. Wie Jakobus schreibt, kann das Durchstehen von Prüfungen zu einem fruchtbaren Leben führen:
„Liebe Brüder und Schwestern! Betrachtet es als besonderen Grund zur Freude, wenn euer Glaube immer wieder hart auf die Probe gestellt wird. Ihr wisst doch, dass er durch solche Bewährungsproben fest und unerschütterlich wird. Diese Standhaftigkeit soll in eurem ganzen Leben ihre Wirkung entfalten, damit ihr in jeder Beziehung zu reifen und tadellosen Christen werdet, denen es an nichts mehr fehlt.“ (Jakobus 1,2-4)
Kehren wir nun zu den Israeliten zurück, die vor ihrer ersten großen Prüfung standen, und zwar einer lebensbedrohlichen Situation: Sie hatten kein Wasser. Ohne Wasser ist man in der Wüste verloren.
Als sie schließlich Wasser fanden, war es bitter. Was für eine Enttäuschung! Was wollte der Herr sie dadurch lehren? Sie waren noch nicht vertraut mit Situationen, in denen sie Gott wirklich vertrauen mussten. Das Leben eines Sklaven ist zwar nicht besonders erfreulich, aber sein Herr sorgt für seine Bedürfnisse. Ein Sklave hat keinen Raum für eigene Initiative, trifft keine Entscheidungen und gehorcht einfach. Er gewöhnt sich daran, dass jemand für ihn entscheidet.
Diese Sklavenmentalität kenne ich sehr gut aus der Zeit, als ich unter dem Kommunismus in der Tschechoslowakei lebte. Und das Überraschende ist: Manche Menschen mögen sie sogar. Manche ziehen es vor, versorgt zu werden und keine Entscheidungen treffen zu müssen. Als die Freiheit kam, waren sie enttäuscht, weil sie plötzlich die Wahl hatten und Veränderung, Risiken und Krisen auf sie zukamen. So wie die Israeliten über Mose murrten, klagen solche Menschen über ihre Leiter. Sie erwarten, dass jemand über ihnen alles für sie regelt. Die Erwartung der israelitischen Sklaven, dass Gott alles für sie tun würde, war also in Wirklichkeit Ausdruck einer Sklavenmentalität.
Genau diese Haltung wollte der Herr verändern. Deshalb ließ er sie durch viele Prüfungen gehen. Sie sollten lernen, ihm zu vertrauen.
Wer gerade in eine schwierige Situation geraten ist, kann anfangen zu klagen und anderen die Schuld geben. Oder er kann fragen: Herr, was willst du mich hier lehren? Herr, zeige mir, wie du diese Situation siehst. Wie willst du mich dadurch verändern? Der Monat Ijar ist ein Monat neuer Anfänge. Das Neue, das Gott uns beibringen will, ist vielleicht genau das: durch Prüfungen hindurch standhaft zu bleiben.
Der Monat Ijar ist in der jüdischen Tradition auch die Zeit des Omerzählens. Es beginnt am zweiten Tag von Pessach und dauert 49 Tage. Damit umfasst es den ganzen Monat Ijar. Fromme Juden zählen jeden Tag und bereiten sich auf Schawuot vor. Eine verbreitete Auslegung ist, dass diese Zeit dazu dient, an den eigenen Charaktereigenschaften zu arbeiten. Wir können die Gesamtheit unserer Lebensumstände und jede einzelne Situation als Gelegenheit betrachten, uns zu verändern und dazuzulernen.
Für die Israeliten, die bei Mara bitteres Wasser fanden, kam die Lösung durch Offenbarung. Gott zeigte Mose das Holz, das die Bitterkeit in Süße verwandelte. Dieses Holz kann uns an das Kreuz erinnern: Das Opfer Jeschuas hat die Bitterkeit der Sünde in die Süße seiner Erlösung verwandelt. Das Kreuz ist die Quelle der Heilung.
Wenn es um Heilung geht, gibt es eine wichtige Stelle im Buch Jesaja. Sie spricht vom Messias:
„Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,5)
Es gibt eine interessante Verbindung zwischen diesem prophetischen Kapitel über den Messias und der Geschichte des Exodus. Die Verbindung ist der „Arm des Herrn“, auf Hebräisch זְרֹועַ יְהוָה (zroa jhwh). Am Anfang von Jesaja 53 ruft der Prophet aus:
„Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart?“ (Jesaja 53,1)
Jeschua wird mit diesem Arm des Herrn identifiziert. Man beachte: Ihn zu erkennen ist eine Frage der Offenbarung. In Jesaja 63,12 lesen wir, dass dieser Arm die Israeliten aus Ägypten herausgeführt hat:
„Der seinen herrlichen Arm zur Rechten des Mose gehen ließ? Der die Wasser spaltete vor ihnen her, auf dass er sich einen ewigen Namen machte?“
Zroa ist ein Ausdruck der Macht Gottes. Diese Macht zeigte sich im Auszug und in der Heilung bei Mara. Sie zeigte sich während der ganzen Wüstenwanderung. Laut Paulus tranken sie alle aus dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte – nämlich Christus (1. Korinther 10,4).
Der Fels war die Zroa-Macht des Herrn. Der Herr wirkte all diese Wunder durch seinen mächtigen Arm. Jeschua, Zroa Adonai, war von Anfang an auf geheimnisvolle Weise in der Geschichte Israels gegenwärtig. Er war immer bei seinem Volk. Und nicht nur das: Diese Macht ist auch den Nationen offenbart worden:
„Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“ (Jesaja 52,10)
Als Jeschua als das Lamm Gottes offenbart wurde, nahm er die Sünden der Welt auf sich. Seitdem wird dieses Evangelium allen Nationen verkündet. Alle Enden der Erde haben das Heil Gottes gesehen, einschließlich seiner heilenden Kraft.
Es ist bemerkenswert, dass der Lammknochen, der auf jedem Pessach-Sederteller liegt, ebenfalls Zroa genannt wird. Er stellt eine direkte Verbindung her zwischen dem Passahlamm, dessen Blut vor dem Tod rettet, und der mächtigen Hand Gottes, die Rettung und Erlösung bringt. Warum sehen dann nicht alle Juden diese Verbindung?
Es braucht Offenbarung. Jesaja fragt: „Wem ist es offenbart?“ Als die Zeit dafür gekommen war, offenbarte Gott seinen Arm den Nationen. Israel aber wurde teilweise verblendet. Wie Paulus im Römerbrief erklärt, hat Gott ihnen „Augen gegeben, die nicht sehen, und Ohren, die nicht hören, bis auf den heutigen Tag“ (Römer 11,8).
Doch die Zeit wird kommen, in der sie den sehen werden, den sie durchbohrt haben. Dann werden ihre Augen geöffnet werden, und sie werden den Herrn erkennen, der auch in den dunkelsten Stunden immer bei ihnen gewesen ist.
Es braucht also Offenbarung. Dasselbe Prinzip sehen wir auch in der Zeit nach der Auferstehung Jesu, die teilweise ebenfalls im Monat Ijar lag. Als die Jünger nach Emmaus gingen, erkannten sie ihn nicht, bis er ihnen offenbart wurde.
Das gilt auch heute. Es braucht Offenbarung, um zu erkennen, wer Jesus wirklich ist – für Juden ebenso wie für Nichtjuden. Es braucht Offenbarung, ihn als den mächtigen Arm des Herrn zu erkennen – mächtig zu retten und mächtig zu heilen. Der Monat Ijar ist ein Monat der Offenbarung. Das Omerzählen erinnert uns an das kommende Fest Schawuot – Pfingsten –, als der Heilige Geist auf die Jünger fiel. Er ist es, der Offenbarung schenkt und uns in alle Wahrheit führt. Der Prophet Joel sagt, dass der Tag kommen wird, an dem der Geist über alles Fleisch ausgegossen wird. Möge er in unseren Tagen seine Rettung und seine heilende Kraft offenbaren.
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