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Der Kislew ist der neunte Monat, gerechnet ab dem Nisan, und fällt in die dunkelste Zeit des Jahres (auf der Nordhalbkugel): Die Nächte werden länger, das Licht wird immer weniger – ein Prozess, der in der Wintersonnenwende am 21. Dezember seinen Höhepunkt erreicht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Licht und Finsternis in diesem Monat eine besondere Rolle spielen.
Am Ende des Monats Kislew wird Chanukka gefeiert. Es beginnt am 25. Kislew und reicht in den Monat Tewet hinein. Es ist als „Lichterfest“ bekannt. Im Johannesevangelium (Johannes 10,22-23) wird beiläufig erwähnt, dass Jesus Chanukka feierte. Das Fest wurde zur Erinnerung an den Sieg der Makkabäer etwa zwei Jahrhunderte vor Christus eingesetzt.
Welche weiteren biblischen Ereignisse fallen in den Monat Kislew?
Wir haben gesehen, dass die Sintflut im vorherigen Monat Cheschwan begann, und wissen, dass es 40 Tage lang regnete. Der Regen begann am 17. Cheschwan; nach 40 Tagen befinden wir uns am Ende des Kislew: Am 27. Kislew hörte es auf zu regnen. Klingt das nicht wie ein Zeichen der Hoffnung?
Tatsächlich kann das Wort „Kislew“ als „Hoffnung“ gedeutet werden. Wir finden es etwa in Psalm 78,5-7:
„Er richtete ein Zeugnis auf in Jakob und gab ein Gesetz in Israel und gebot unsern Vätern, es ihre Kinder zu lehren, auf dass es die Nachkommen lernten, die Kinder, die noch geboren würden; die sollten aufstehen und es auch ihren Kindern verkündigen, dass sie setzten auf Gott ihre Hoffnung (keslam) und nicht vergäßen die Taten Gottes, sondern seine Gebote hielten.“
Auch Hiob sagt, dass er seine Hoffnung (kesli) nicht auf Gold gesetzt habe (Hiob 31,24).
Kislew ist also ein Monat der Hoffnung. Die Dunkelheit nimmt zwar noch zu, doch die Erfahrung lehrt, dass sie eines Tages wieder weichen wird. Der Regen der Sintflut endet – und damit entsteht Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Im Natürlichen sehen wir das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels: Die Situation ist noch bedrückend, aber das Licht kehrt bald zurück.
Die Hebräer waren nicht das einzige Volk, das die Wintersonnenwende feierte, wenn das Licht wieder zunimmt. Es gab viele heidnische Rituale zu dieser Zeit. In der jüdischen Tradition findet sich dazu eine alternative Deutung im Talmud (Awoda Sara 8a):
„Als Adam, der erste Mensch (der zur Zeit von Rosch ha-Schana erschaffen wurde), sah, dass der Tag allmählich abnahm – so wie die Tage vom herbstlichen Äquinoktium bis zur Wintersonnenwende kürzer werden –, wusste er noch nicht, dass dies ein ganz natürliches Phänomen ist. Daher sprach er: „Wehe mir! Vielleicht wird die Welt um mich herum finster, weil ich gesündigt habe, und wird schließlich in den ursprünglichen Zustand von Chaos und Unordnung zurückfallen.“ Und dies sei jener Tod, der vom Himmel über ihn verhängt worden war, wie geschrieben steht: „Und zum Staub kehrst du zurück“ (Genesis 3,19). Er erhob sich und verbrachte acht Tage mit Fasten und Beten. Als er jedoch sah, dass der Tag nach der Sonnenwende allmählich wieder länger wurde, sprach er: „Offensichtlich werden die Tage erst kürzer und dann wieder länger; dies ist die Ordnung der Welt.“ Daraufhin begab er sich hin und beging acht Tage lang ein Fest.“
In der Kirchengeschichte war die Entscheidung, Weihnachten zu diesem Zeitpunkt zu feiern, auch von dem Bestreben motiviert, die Symbolik zu nutzen: Jesus ist das Licht der Welt. Dies geschah ganz im Sinne der Praxis der katholischen Kirche, indem man heidnische Bräuche aufgriff und für Christus vereinnahmte. Einem alternativen Szenario zufolge glauben manche, dass Jesus während des Sukkot-Festes geboren wurde; dies würde bedeuten, dass Maria zu jener Zeit der Dunkelheit schwanger wurde. So oder so können wir das Licht feiern, das in diese Welt gekommen ist. Es strahlt noch immer hell und die Dunkelheit konnte es nicht überwinden.
Interessanterweise gibt es noch eine weitere Verbindung zwischen Jesus, seinem Evangelium und dem hebräischen Wortstamm von Kislew. Das Wort „kesel“ kann nämlich auch „Torheit“ bedeuten, etwa in Prediger 7,25:
„Ich richtete meinen Sinn darauf, zu erfahren und zu erforschen und zu suchen Weisheit und Einsicht und zu erkennen, dass Gottlosigkeit Torheit ist und Narrheit Tollheit.“
Wie passen Hoffnung und Torheit zusammen? Was ist die Verbindung zwischen dem Evangelium und Torheit?
Ein zentrales Beispiel findet sich in 1. Korinther:
„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. (...) Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.“ (1. Korinther 1,18.21-25).
Der Monat Kislew trägt also ein Paradox in sich: Hoffnung und Torheit. Was für den einen Hoffnung ist, erscheint dem anderen als Unsinn. Die Bibel ist voll von solchen Beispielen: Die beiden Verbrecher am Kreuz – der eine vertraut Jesus und wird gerettet, der andere verspottet ihn und geht verloren. Paulus sagt:
„Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren werden: diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben. Und wer ist dazu tüchtig?“ (2. Korinther 2,15-16).
Die Gegenwart Gottes ruft zwei Reaktionen hervor – eine zum Leben, eine zum Tod. Und beide Entwicklungen werden zunehmen. In Offenbarung 22,11 heißt es:
„Wer Böses tut, der tue weiterhin Böses, und wer unrein ist, der sei weiterhin unrein; aber wer gerecht ist, der übe weiterhin Gerechtigkeit, und wer heilig ist, der sei weiterhin heilig.“
Das zeigt: In den letzten Tagen wird es sowohl eine große Erweckung als auch einen großen Abfall geben, als würden die zuvor gesäten Samen sichtbar werden. Sie waren vorher schon da, aber kommen dann an die Oberfläche.
Es gleicht dem Acker, auf dem Weizen und Unkraut gemeinsam wachsen bis zur Ernte (Matthäus 13). Dann werden die Schnitter zuerst das Unkraut zusammenlesen und zu Bündeln binden, um es zu verbrennen, und anschließend den Weizen in die Scheune einbringen. Der Herr wird die Spreu vom Weizen trennen; wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass sowohl der Weizen als auch das Unkraut an Kraft gewinnen werden, je näher wir der Ernte kommen.
Der Monat Kislew ruft uns daher dazu auf, uns an die Kraft des Evangeliums zu erinnern, ein heiliges Leben zu führen und den „Duft Christi“ zu verbreiten.
In der jüdischen Tradition gibt es eine festgelegte Reihenfolge für die Lesung von Bibelabschnitten im Verlauf des Jahres, sogenannte „Paraschot“. Innerhalb eines Jahres wird auf diese Weise die gesamte Tora gelesen. Der Zyklus endet mit dem Abschluss des Sukkotfestes, dem Feiertag Simchat Tora. Am darauffolgenden Schabbat beginnt er von Neuem mit der Lesung des ersten Abschnitts aus dem 1. Buch Mose. Die Parascha, die zu Beginn des Monats Kislew in Synagogen auf der ganzen Welt gelesen wird, trägt den Namen Toldot (1. Mose 25,19-28,9). Sie erzählt die Geschichte von Isaaks Söhnen, Jakob und Esau.
Die Toldot – die Geschlechterfolgen oder Genealogien – verdeutlichen uns, was für eine zentrale Bedeutung dem Aufbau einer gerechten Nachkommenschaft Abrahams beigemessen wurde: einer Nachkommenschaft, die zu jenem Volk heranwachsen sollte, dem Gott sein Wort und schließlich seinen Sohn anvertrauen würde. Alles hing davon ab, dass Abraham und seine Nachkommen den Weg des Herrn treu bewahrten. Bedeutet das, dass sie vollkommen sein müssen? Und worauf gründet sich Gottes Erwählung?
Bereits in der vorangegangenen Generation hatte Gott mit Isaak, dem Sohn der Verheißung, damit begonnen, den „guten Ölbaum“ zu kultivieren. Wir wissen: Obwohl auch Ismael einen Segen empfing, so wurde die Linie der Verheißung doch durch Isaak begründet. Danach beobachten wir ein ähnliches Geschehen: Erneut stehen sich zwei Brüder gegenüber. Obwohl sie dieselbe Mutter haben und sogar Zwillinge sind, wird letztlich nur einer von ihnen erwählt. Warum?
Der zentrale Punkt in dieser Geschichte ist der väterliche Segen, den Jakob seinem Bruder Esau stahl. Wir müssen begreifen, dass Isaaks Segen als Einsetzung des nächsten Anführers gedacht war – jenes Mannes, der die Verheißung erben sollte. Wenn wir die Wesenszüge der beiden Brüder betrachten: Welcher von ihnen scheint besser dazu geeignet, ein Anführer zu werden? Esau wird beschrieben als „ein geschickter Jäger, ein Mann des Feldes; Jakob aber war ein sanfter Mann, der in Zelten wohnte“ (1. Mose 25,27). Esau wird als Krieger und Jäger charakterisiert, als ein starker Mann. Jakob hingegen wirkt wie ein eher schwächlicher Gelehrter, der in Zelten haust, vermutlich studiert und sich nicht draußen auf dem Feld der Arbeit widmet.
Isaak stand kurz davor, das Naheliegende zu tun: Esau zu segnen, als den Sohn, den er liebte. Doch Rebekka hatte eine Offenbarung empfangen: Schon bevor die Zwillinge geboren waren, sprach der Herr zu ihr:
„Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Schoß; und ein Volk wird dem andern überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ (1. Mose 25,23)
Rebecca wusste also etwas, dessen sich ihr Mann nicht bewusst war; und als der entscheidende Augenblick der Segnung gekommen war, griff sie zur Täuschung: Sie überlistete ihren Mann und manipulierte die Situation so, dass Jakob den Segen empfing, der eigentlich für Esau bestimmt war. Die große Frage lautet nun: Wie kann Gott ein solch sündhaftes Verhalten dulden und es sogar billigen, indem er Jakob als Erben und Erzvater seines auserwählten Volkes annimmt?
Es gibt hierfür viele Erklärungsansätze, doch keine einfache Antwort. Ein interessanter Aspekt dabei ist folgender: Wenn Isaak sagt: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände“ (1. Mose 27,22), liegt darin ein einzigartiges Merkmal des künftigen Stammes, das sich sogar auf die heutige Nation Israel übertragen lässt. Um als Nation bestehen und sich verteidigen zu können, muss sie bisweilen stark sein wie Esau. Entscheidend ist jedoch, dass die Stimme die Jakobs bleibt. Gott erwählte den, der feinfühlig und geistlich gesinnt war – einen „isch tam“ (1. Mose 25,27), der jedoch bisweilen in die Haut Esaus schlüpfen muss. Hierbei können wir an die israelische Armee denken: Sie muss zwar mitunter äußerst entschlossen handeln, findet jedoch niemals Gefallen am Töten. Sie setzt alles daran, Zivilisten auf feindlicher Seite zu schonen. Sie besitzt die Hände Esaus, doch die Stimme Jakobs.
Wir können feststellen, dass sowohl Rebekka als auch Jakob auf der menschlichen Ebene teuer für ihre Täuschung bezahlen mussten. Rebekka ist die einzige Mutter, deren Tod und Begräbnis in der Bibel nicht einmal erwähnt werden. Und Jakob wurde zeitlebens immer wieder getäuscht: Man denke an Laban und später an seine eigenen Söhne, die ihm vorgaukelten, sein Lieblingssohn Josef sei tot. Er erntete, was er gesät hatte.
Doch auf einer anderen Ebene ist diese zwiespältige Geschichte Teil der Pflege des guten Ölbaums, der am Ende das Heil der Menschheit hervorbrachte. Man mag es für Torheit halten, es mag unserem Gerechtigkeitsempfinden widersprechen – und doch ist es Gottes Weisheit.
Dies führt uns zurück zur Torheit Gottes: Jesus war der einzige sündlose Mensch, und doch wurde er verurteilt und hingerichtet. Aus menschlicher Sicht handelte es sich um ein schweres Unrecht. Doch dieses Unrecht brachte das Heil, denn die Torheit Gottes ist weiser als die Menschen, und die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen.
Die Mehrheit des jüdischen Volkes nahm Jesus nicht als Messias an. In der Folge kam viel Leid über sie. Sie wurden aus ihrem Land vertrieben und zweitausend Jahre lang als ein Volk ohne Heimat verfolgt. Sie zahlten den Preis. Doch ihre Ablehnung brachte uns Heiden einen Segen. Auch hier nutzte Gott, genau wie bei Jakob, menschliches Versagen, um seinen Plan zur Rettung der Welt voranzutreiben.
Was ist die Lehre daraus? Gott ist souverän, und er ist unserer menschlichen Logik keine Rechenschaft schuldig. Es gibt viele Theorien darüber, warum Jakob erwählt wurde und Esau nicht. Doch letztlich sagt Gott selbst im Buch Maleachi: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ (Maleachi 1,2-3). Paulus zitiert dies im Römerbrief (9,10-13) als Beispiel für Gottes souveräne Erwählung:
„Aber nicht allein hier ist es so, sondern auch bei Rebekka, die von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger wurde. Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, auf dass Gottes Vorsatz der Erwählung bestehen bliebe – nicht aus Werken, sondern durch den, der beruft –, zu ihr gesagt: ‚Der Ältere wird dem Jüngeren dienen‘, wie geschrieben steht: ‚Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.‘“
Gott hat das jüdische Volk nicht erwählt, weil es vollkommen ist. Vielmehr offenbarte er seine Macht darin, dass er es zu seinem Werkzeug machte, das der ganzen Welt das Heil bringt – manchmal sogar gegen dessen eigenen Willen. In Hesekiel 36, im Zusammenhang mit der Wiederherstellung Israels, spricht er: „Ich tue dies nicht um euretwillen, sondern um meines heiligen Namens willen.“ Die Kirche irrte sich schwerwiegend, als sie versuchte, menschliche Logik anzuwenden, und lehrte, das jüdische Volk sei für immer verflucht, weil es den Messias verworfen habe. Die Torheit Gottes ist weiser als unsere Logik. Sie besitzt die Kraft zu retten.
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