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Der Monat Siwan ist der dritte Monat im hebräischen Kalender. Der Name „Siwan“ ist babylonischen Ursprungs und wird gewöhnlich als „Zeit der Ernte“ verstanden. Im Tanach erscheint er nur einmal, nämlich im Buch Esther (Esther 8,9+11):
„Da wurden gerufen des Königs Schreiber zu jener Zeit im dritten Monat, das ist der Monat Siwan, am dreiundzwanzigsten Tage, und es wurde geschrieben, wie Mordechai gebot… Darin gab der König den Juden, in welchen Städten sie auch waren, die Erlaubnis, sich zu versammeln und ihr Leben zu verteidigen.“
Das war das glückliche Ende der Purimgeschichte5: Hamans Plan, die Juden zu vernichten, wurde zunichtegemacht, und den Juden wurde das Recht auf Selbstverteidigung zugesprochen.
Aus landwirtschaftlicher Sicht ist Siwan der Monat, in dem im Land Israel die Getreideernte beginnt, angefangen mit der Gerste. Mit der Erntezeit beginnt gleichzeitig die Zeit der Darbringung der Erstlingsfrüchte, die bis Sukkot dauert, wenn schließlich die gesamte Ernte eingebracht wird.
Historisch gesehen wurden den Israeliten in diesem dritten Monat die Zehn Gebote gegeben. Die Geschichte wird in 2. Mose 19,1-6 beschrieben:
„Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“
Dieser Text könnte als die Daseinsbestimmung Israels bezeichnet werden. Deshalb hat Gott Abraham berufen: um aus ihm ein großes Volk zu machen. Diese Größe besteht darin, ein Volk für Gott zu sein – ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation. Gott setzte Israel zum Licht für die Nationen (vgl. Apostelgeschichte 13,47) und sonderte es für sich aus, um der ganzen Welt zu zeigen, wie sein Reich aussieht.
Das ist keine leichte Berufung. Deswegen wurde Israel immer wieder hart bestraft, wenn das Volk vom rechten Weg abwich. Darum war Israel stets ein Am Segula, ein besonderes, abgesondertes Volk – anders als die anderen Nationen. Immer wieder bestand die Versuchung, so zu werden wie die anderen Völker, doch Gott hat Israel bis heute abgesondert erhalten.
Die Bibel sagt uns nicht genau, an welchem Tag die Tora gegeben wurde. Wir erfahren nur, dass die Israeliten am Rosch Chodesch, also am ersten Tag des dritten Monats, zum Berg kamen und einige Tage zur Vorbereitung dort verbrachten. Die jüdische Tradition datiert die eigentliche Übergabe der Tora auf den sechsten Tag des Monats, was mit dem Fest Schawuot, Pfingsten, zusammenfällt – dem wichtigsten Tag im Monat Siwan. Damit erhält das biblische Fest der Erstlingsfrüchte eine zusätzliche Dimension: Es wird als Fest der Tora-Gabe gefeiert. Unter orthodoxen Juden ist es üblich, in dieser ganzen Nacht die Tora zu studieren. Eine weitere Tradition ist das Lesen des Buches Ruth, weil seine Handlung zur Zeit der Gerstenernte spielt.
Das Buch Ruth enthält eine starke prophetische Botschaft: Es beschreibt, wie eines Tages die Heidenvölker dem jüdischen Volk anhängen werden. Ruth war eine Heidin, eine Moabiterin, die ursprünglich nichts mit dem jüdischen Volk zu tun hatte. Als ihre Schwiegermutter Naomi sie drängte, zu ihrem eigenen Volk und zu ihren Göttern zurückzukehren, antwortete Ruth:
„Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Ruth 1,16-17)
Man könnte dies das Manifest christlicher Zionisten nennen: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“
Es ist kein Zufall, dass Ruth auf diese Weise mit Schawuot verbunden ist. Denn an Pfingsten wurden die Grundlagen dafür gelegt, dass Menschen aus den Nationen den Gott Israels als ihren Gott annehmen können. Damals rüstete der Heilige Geist die Jünger aus, hinauszugehen in die Welt und das Evangelium zu verkünden.
Schawuot ist eines der drei großen biblischen Feste: Pessach, Schawuot und Sukkot. Die christliche Kirche feiert sowohl Ostern als auch Pfingsten als Erfüllung der jüdischen Feste Pessach und Schawuot. Während die Verbindung zwischen Pessach und Ostern deutlich ist – an Pessach vergoss Jesus, das wahre Lamm Gottes, sein Blut, damit wir leben können und erfüllte so das Bild des Lammes aus dem Exodus –, ist die Verbindung zwischen Schawuot und Pfingsten weniger offensichtlich. Deshalb lohnt es sich, die jüdische Tradition zu Schawuot näher anzuschauen.
Schawuot wird nicht bei Vollmond gefeiert wie die anderen Hauptfeste Pessach und Sukkot. Mit anderen Worten: Man verlässt sich nicht auf den Mond als himmlisches Signal, sondern bestimmt das Datum vom vorhergehenden Pessachfest aus. Schawuot bedeutet auf Hebräisch „Wochen“. Es wird sieben Wochen nach Pessach gefeiert. Man zählt sieben Wochen – also sieben mal sieben Tage. Um diesen langen Zeitraum zu zählen, entwickelte sich in der jüdischen Tradition das Omerzählen.
Die Zahl sieben steht für Vollständigkeit. Das Zählen zeigt einen Prozess an, der zur Vollendung, zur Reife und zur Erfüllung führt. Der Prozess beginnt an Pessach – der Same wird gesät. Nach sieben mal sieben Tagen erscheint die erste Frucht.
Auch das christliche Pfingsten wird 50 Tage nach Ostern gefeiert. Es gilt dieselbe Zeit des Wartens und Erwartens. Was an Ostern begann, als Jesus von den Toten auferstand, fand an Pfingsten seine Reife und Erfüllung, als der Heilige Geist auf die Jünger herabkam. Die Erstlingsfrucht garantiert immer die kommende Ernte. Die erste Frucht des Evangeliums erschien damals in Jerusalem und kündigte die große Ernte aus allen Nationen, Stämmen und Sprachen an, die bis heute eingeholt wird.
Die Beschreibung der Opfergaben zu Schawuot im Buch Levitikus enthält ein ungewöhnliches Element:
„Ihr sollt aus euren Wohnungen zwei Brote bringen als Schwingopfer, von zwei Zehnteln feinem Mehl, gesäuert und gebacken, als Erstlingsgabe für den HERRN.“ (3. Mose 23,17)
Das ist der einzige Fall, in dem gesäuertes Brot als Opfer für den Herrn gebracht werden darf. Welche Bedeutung hat das? Beim Pessachfest lernen wir, dass Sauerteig ein Bild für Sünde ist. Dann wird sieben Tage lang ungesäuertes Brot gegessen. Vor Pessach reinigen jüdische Familien ihre Häuser gründlich von jedem noch so kleinen Rest Sauerteig. Warum bringt man nun plötzlich ein ganzes Brot voller Sauerteig vor den Herrn?
Es hat mit dem Prozess der Vollendung zu tun. Denken wir an das Backen von Brot: Man knetet den Teig, fügt Hefe hinzu, lässt ihn aufgehen und backt ihn. Am Ende entsteht ein fertiges Produkt – ein Brot.
Diese Erklärung stammt von Howard Morgan6: Das ungesäuerte Brot symbolisiert unseren Messias, der völlig ohne Sünde war. Wenn wir dagegen etwas für den Herrn tun – im Dienst, in der Familie oder in unserer Arbeit –, geben wir unser Bestes. Das Ergebnis ist unser „Brot“, unser Produkt. Es enthält Sauerteig, weil wir nicht vollkommen sind.
Gott kennt uns, und er weist uns nicht zurück. Er bittet uns lediglich, uns selbst so darzubringen, wie wir sind – und er nimmt uns an. Wie Paulus sagt:
„Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist.“ (Römer 12,1)
Das ist auch ein guter Kommentar zum Wirken des Heiligen Geistes. Er gibt Gaben, und wir gebrauchen sie – aber wir tun das immer noch mit unseren unvollkommenen Persönlichkeiten. Wir sind nicht frei von Versuchung, falscher Motivation, Angst oder Eifersucht. Deshalb ist es wichtig, zwischen den Gaben des Geistes auf der einen und der Frucht des Geistes auf der anderen Seite zu unterscheiden. In diesem Sinne steht der Monat Siwan für den Anfang der Reise. Es dauert, bis die Frucht reift:
„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.“ (Galater 5,22)
Solche Früchte wachsen aus unserem Wandel mit dem Herrn und aus dem Leben nach seinem Wort.
Die Botschaft des Monats Siwan lautet deshalb: Wir sind nicht vollkommen, aber Gott nimmt unsere „Brote“ an, wenn wir sie ihm als Opfer darbringen. Bringe alles auf den Altar – dann gehört es nicht mehr dir. Du kannst dich nicht mehr damit rühmen. Es ist im Feuer aufgegangen. Und der Herr nimmt es an als einen lieblichen Wohlgeruch.
Letztlich ergänzen sich die beiden Perspektiven: der jüdische Schwerpunkt auf der Gabe des Wortes und der christliche Schwerpunkt auf der Gabe des Geistes zu Pfingsten. Wir brauchen beides: Wort und Geist. Das Wort ohne den Geist wird zu einem toten Buchstaben. Aber die Ausübung der Geistesgaben ohne die Grundlage des Wortes kann uns leicht in die Irre führen. Darum: Wenn das Fest Schawuot wieder kommt, feiern wir dieses besondere Moed im Geist und in der Wahrheit seines Wortes.
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