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Der Tammus ist der vierte Monat im hebräischen Kalender. Mit ihm beginnt der lange, heiße Sommer in Israel – eine Zeit, die sich über die folgenden Monate Aw und Elul erstreckt. Das nächste große Fest folgt erst im Herbst, im Monat Tischri. Für eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft war der Sommer die Zeit der Arbeit auf den Feldern. Alle drei Wallfahrtsfeste – Pessach, Schawuot und Sukkot –, zu denen alle Familien nach Jerusalem hinaufziehen sollten, liegen entweder am Anfang oder am Ende der landwirtschaftlichen Saison. Jetzt ist die Zeit zu arbeiten. Die Zeit, sich über Gottes Versorgung zu freuen, wird später kommen.
Neben der Arbeit zieht sich ein Thema durch die Sommermonate: das Gedenken an die Tragödien der jüdischen Geschichte, insbesondere an die Zerstörung des Tempels. Dies beginnt im Monat Tammus mit dem Fasten des vierten Monats, dem 17. Tammus. Nach jüdischer Tradition erinnert dieser Tag an den Durchbruch der Stadtmauern Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. Er markiert den Beginn der „Drei Wochen“, einer jährlichen Trauerzeit, in der Juden die Zerstörung des Tempels und die geistlichen Ursachen des Exils betrauern. Ihren Höhepunkt und Abschluss findet sie im Fasten des 9. Aw im folgenden Monat – dem Datum, an dem nach jüdischer Tradition beide Tempel in Brand gesetzt wurden (der Erste Tempel 423 v. Chr. nach traditioneller jüdischer Chronologie bzw. 586 v. Chr. nach historischer Datierung; der Zweite Tempel 70 n. Chr.). Aufgrund dieser und weiterer Tragödien der jüdischen Geschichte lehrt die Tradition, dass während dieser drei Wochen auf besondere Freude verzichtet werden soll. Die Tradition des Fastens geht auf die Zeit des babylonischen Exils zurück. Das Fasten des 17. Tammus ist einer der Fasttage, die in einer bemerkenswerten Prophetie in Sacharja 8,19 erwähnt werden:
„Das Fasten des vierten, fünften, siebenten und zehnten Monats soll dem Hause Juda zur Freude und Wonne und zu fröhlichen Festzeiten werden. Liebt Wahrheit und Frieden!“
Damals, in Babylon, beschlossen die Anführer Israels, an bestimmten Tagen zu fasten, um sich an die Katastrophe und den Grund ihres Exils zu erinnern.
Gehen wir zurück in die Zeit des ersten Tempels: Jeremia berichtet, dass am neunten Tag des vierten Monats im elften Jahr des Königs Zedekia die Stadtmauer durchbrochen wurde (Jeremia 52,5-7). Der vierte Monat ist der Tammus. Das bedeutet: etwa zur gleichen Jahreszeit brachen die Mauern Jerusalems zweimal unter dem Ansturm von Feinden zusammen – sowohl im 5. bzw. 6. Jahrhundert v. Chr. als auch im 1. Jahrhundert n. Chr.
Das scheint kein Zufall zu sein. Wir lernen in der Bibel, dass die Tragödien eigentlich schon viel früher begannen als mit der babylonischen Zerstörung Jerusalems. In der Tora lesen wir, dass Mose nach der ersten Offenbarung am Sinai mitten in die Wolke hineinging und auf den Berg stieg. Er war vierzig Tage und vierzig Nächte dort (2. Mose 24,18). Während er Anweisungen für den Bau der Stiftshütte empfing, geschah unten Folgendes:
„Als aber das Volk sah, dass Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge herabkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mache uns Götter, die vor uns hergehen! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.“ (2. Mose 32,1).
Was folgte, ist als Chet ha-Egel bekannt: die Sünde des goldenen Kalbes. Das Volk sammelte Gold und fertigte daraus das Bild eines jungen Rindes. Es war ein schwerer Akt des Götzendienstes so kurz nach der herrlichen Offenbarung Gottes am Sinai. Die Folge war, dass Mose die Tafeln beim Abstieg vom Berg zerbrach. Danach trat er für das Volk ein, und schließlich ließ sich der Herr erbitten und offenbarte seine dreizehn Midot ha-Rachamim, die Eigenschaften seiner Barmherzigkeit.7
Man kann berechnen, wann dies geschah: Im vorigen Monat, Siwan, sprachen wir über Pfingsten. Nach jüdischer Tradition fand die Offenbarung am Sinai am 6. Siwan statt. Mose war vierzig Tage auf dem Berg – das bedeutet, dass er am 17. Tammus herabstieg. Deshalb wurde dieser Tag im Talmud als Symbol für viele Tragödien in der Geschichte des jüdischen Volkes gewählt.
Ein weiterer interessanter Aspekt ergibt sich aus der einzigen Erwähnung des Namens „Tammus“ in der Bibel. Der Name ist babylonischen Ursprungs. Wir finden ihn in Hesekiel 8,14:
„Und er führte mich zum Eingang des Tores am Hause des HERRN, das gegen Norden liegt, und siehe, dort saßen Frauen, die den Tammus beweinten.“
Der Prophet beschreibt hier einen Brauch, vermutlich sumerischen Ursprungs. Nach der Sommersonnenwende auf der Nordhalbkugel, die in den Monat Tammus fällt, werden die Tage wieder kürzer. Die Menschen in Mesopotamien markierten dies, indem sie eine Art „Begräbnis“ für Tammus veranstalteten. Hesekiel deutet darauf hin, dass dieser heidnische Brauch bis in die Zeit des ersten Tempels tief in das Volk Israel eingedrungen war. Genau dieser Götzendienst – die Abkehr vom lebendigen Gott – rief Gottes Zorn hervor und führte schließlich ins Exil. Das Gericht begann im Monat Tammus, als die Feinde die Stadtmauern durchbrachen.
Das Thema Götzendienst scheint daher ein zentraler Gedanke für diesen Monat zu sein. Das Ereignis mit dem goldenen Kalb ist einer der entscheidenden Momente in der frühen Geschichte Israels. Der Herr war so zornig, dass er das ganze Volk vernichten und mit Mose neu beginnen wollte.
Dasselbe Muster sehen wir in dem „Beweinen des Tammus“, von dem Hesekiel spricht. Und wenn wir den geistlichen Zustand des Volkes vor dem Auszug aus Ägypten verstehen wollen, finden wir eine Quelle in Hesekiel 20,6-8:
„Ich erhob zur selben Zeit meine Hand zum Schwur, dass ich sie führen würde aus Ägyptenland in ein Land, das von Milch und Honig fließt, und sprach zu ihnen: Ein jeder werfe weg die Gräuelbilder vor seinen Augen, und macht euch nicht unrein mit den Götzen Ägyptens. Sie aber waren mir ungehorsam und keiner von ihnen warf die Gräuelbilder vor seinen Augen weg, und sie verließen die Götzen Ägyptens nicht.“
Kein Wunder also, dass ihre alten Gewohnheiten bald wieder zum Vorschein kamen. Auch zur Zeit der Tempelzerstörung sehen wir tiefe Verstrickung in heidnische Praktiken. Die ganze Geschichte Israels ist ein Kampf gegen den Götzendienst.
Das ist ein wichtiger Gebetspunkt. Auch die neuere Geschichte unterscheidet sich darin nicht grundlegend. Israel ist ein halsstarriges Volk. Gott hat verheißen, es zu reinigen, wenn es wieder in seinem Land ist. Diese Zeit ist jetzt.
Gott wird seinen Plan mit Israel erfolgreich vollenden – aber er erwartet von uns Fürbitte, so wie Mose eintrat, als Gott von seinem Zorn abließ und die dreizehn Eigenschaften seiner Barmherzigkeit offenbarte. Beten wir für die Reinigung Israels und dafür, dass Gott seine Barmherzigkeit zeigt.
Was können wir noch aus diesem Ereignis lernen? Ein wichtiger Punkt ist Ungeduld. Mose war sechs Wochen lang weg. Das Volk begann zu sagen: „Wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Wir müssen weitergehen.“ Sie wollten nicht zurück in die Sklaverei nach Ägypten. Sie wollten eigentlich nur einen neuen Anführer und dann weiterhin Gottes Willen tun. Was sollte daran falsch sein?
Die Antwort ist: Timing. Sie hätten warten sollen. Das ist leicht gesagt. Aber waren wir nicht alle schon in so einer Situation? Man will Gott gehorchen, muss aber gleichzeitig praktisch handeln. Man ist bereit zu warten, aber wie lange? Die Zeit vergeht, der Druck wächst. Was tun?
Der Lösungsvorschlag des Volkes – dem Aaron zustimmte – wirkte sehr geistlich: Kein Götzendienst und keine Rückkehr nach Ägypten. Sie wollten dem Herrn folgen, aber wollten etwas schaffen, das ihn symbolisch repräsentierte. Etwas, das vor ihnen herging, wie der Herr es versprochen hatte. Schließlich hatte Gott ja gesagt, dass sein Engel vor ihnen hergehen würde (2. Mose 23,23). Doch nun fordern sie von Aaron: „Mach uns Götter, die vor uns hergehen“ (2. Mose 32,1). Wir können nicht mehr warten. Also tun wir, was wir können, und geben sogar unsere Ersparnisse dafür.
Doch was vielleicht mit guten Absichten begann, wurde zur Sünde. Die Schrift sagt: „Sie standen auf, um sich zu vergnügen“. Das hebräische Wort letzachek deutet auf sexuelle Unmoral hin. Es erscheint auch in 1. Mose 39,17 in der Geschichte von Josef und der Frau von Potifar. Damit erzürnten sie Gott. Sie übernahmen heidnische Praktiken und fielen geistlich nach Ägypten zurück. Es war wieder Götzendienst.
Auch wir können in Situationen geraten, in denen wir Entscheidungen treffen müssen und keine Antwort vom Herrn bekommen. Dafür gibt es keine einfache Lösung. Wenn wir auf Gott warten und darunter leiden, dass keine Antwort kommt, ist das keine Sünde. Wichtig ist nur, dass wir nicht nach den Mustern dieser Welt handeln.
Was sind also die Lehren aus diesem Monat? Wir müssen auf den Herrn warten in dem Bewusstsein, dass es gefährlich sein kann, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Beten wir für Israel und für geistliche Reinigung.
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