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Der Tewet ist der zehnte Monat im hebräischen Kalender. Das hebräische Wort teilt sich die Wurzel mit dem Wort „tow“, was „gut“ bedeutet. Man nimmt an, dass das Wort Tewet vom akkadischen tebetu stammt, was „schlammig“ bedeutet. In der Bibel erscheint dieser Name nur ein einziges Mal, nämlich im Buch Esther. In der Tora heißt so der zehnte Monat.
In diesem Zeitraum liegen zwei bedeutende historische Gedenktage: Zu Beginn des Monats findet das Chanukka-Fest seinen Abschluss, das bereits im Vormonat beginnt. Zudem ist der 10. Tewet ein Fastentag, der an die Belagerung Jerusalems durch König Nebukadnezar ab etwa 588 v. Chr. erinnert:
Im neunten Jahr seiner Herrschaft [des Königs Zedekia], am zehnten Tag des zehnten Monats, zog heran Nebukadnezar, der König von Babel, mit seiner ganzen Macht gegen Jerusalem, und sie belagerten die Stadt und bauten Bollwerke um sie her. So wurde die Stadt belagert bis ins elfte Jahr des Königs Zedekia. Aber am neunten Tage des vierten Monats wurde der Hunger stark in der Stadt, und das Volk des Landes hatte nichts mehr zu essen. (2. Könige 25,1-3)
Die Belagerung begann an jenem Tag und dauerte zwei Jahre an, bis die Mauern am 17. Tammus durchbrochen wurden und schließlich der Tempel am 9. Aw zerstört wurde. Juden gedenken all dieser drei Unglücksfälle jeweils mit einem Fasten- und Gebetstag, wobei Tischa be-Aw (der 9. Aw) der bekannteste ist. Warum tun sie das? Warum gedenkt man eines Unglücks, einer Niederlage?
Der Gedanke dahinter ist, aus der Vergangenheit zu lernen. Wenn Juden der Zerstörung des Tempels gedenken, erinnern sie sich an die Ursache: Das Volk hatte Gott nicht gehorcht und nicht auf die Propheten gehört. Sie fragen sich dann, was sie daraus lernen können. So gilt nach jüdischer Überlieferung Sinat Chinam – grundloser Hass im eigenen Volk und Spaltung der Gesellschaft – als einer der Gründe für die Zerstörung des Tempels.
Das übertragen sie auf die heutige Gesellschaft und rufen zur Umkehr auf. Die meisten Nationen feiern ihre Siege und die positiven Momente ihrer Geschichte: den Unabhängigkeitstag, den Tag des Sieges, den Tag der Wiedervereinigung. Auch in der Kirche scheinen wir diesem Muster zu folgen. Manche Christen fasten zwar am Karfreitag oder an Heiligabend, aber immer im Hinblick auf den positiven Ausgang. Man gedenkt eigentlich des endgültigen Sieges unseres Herrn. So scheint es, als seien die Juden das einzige Volk, das leidenschaftlich der eigenen Tragödien und Misserfolge gedenkt.
Die jüdische Tradition des Gedenkens an vergangene Ereignisse gründet in der Bibel. Das Gebot, sich zu „erinnern“, ist sehr kraftvoll. Wo immer dieses Wort in der Bibel vorkommt, weist es auf etwas Wichtiges hin.
Allein das Sabbatgebot aus 2. Mose 20,8 hat das jüdische Volk womöglich über Jahrtausende hinweg in der Diaspora bewahrt. Das Gedenken an Gottes Taten verleiht Kraft für die Herausforderungen der Gegenwart:
„Wirst du aber in deinem Herzen sagen: Diese Völker sind größer als ich; wie kann ich sie vertreiben?, so fürchte dich nicht vor ihnen. Denke daran, was der HERR, dein Gott, dem Pharao und allen Ägyptern getan hat.“ (5. Mose 7,17-18)
„Denke daran, was Amalek dir angetan hat“ (5. Mose 25,17) zeigt an, dass man sich an die Tragödie erinnern soll, um aus der Erfahrung zu lernen. Amalek steht für die skrupellosesten Feinde des jüdischen Volkes. Dieses Volk taucht erneut in 1. Samuel 15 auf; dort erhielt König Saul den Befehl, Amalek für dessen Taten gegen Israel zu bestrafen. Sauls Ungehorsam in dieser Angelegenheit führte dazu, dass Gott ihn als König von Israel verwarf. Im Buch Esther lesen wir zudem, dass Haman, der alle Juden in Persien töten wollte, ein Nachkomme des Amalekiters Agag war. Der Geist Amaleks ist bis heute wirksam geblieben. Israel erinnert sich daran, dass es tödliche Feinde gibt.
„Denke daran, was der Herr, dein Gott, der Mirjam auf dem Weg beim Auszug aus Ägypten angetan hat!“ (5. Mose 24,9) wird als Warnung vor Lashon ha-Ra verstanden, also vor übler Nachrede oder Verleumdung: Mirjam erkrankte vorübergehend an Aussatz, nachdem sie sich abfällig über Mose geäußert hatte.
Auch im Neuen Testament finden wir ein Beispiel dafür: „Denk daran, dass Jesus Christus aus dem Geschlecht Davids von den Toten auferweckt wurde gemäß meinem Evangelium“ (2. Timotheus 2,8). Klingt das nicht nach einer wichtigen Botschaft? Ohne die Auferstehung der Toten ist unser Glaube vergeblich. Zudem betont Paulus die jüdische Identität von Jesus, indem er hervorhebt, dass er aus dem Geschlecht Davids stammte. Dies sind womöglich die beiden wichtigsten Botschaften für Christen.
Was können wir als Christen aus dieser Erinnerungskultur lernen? Wir wollen uns scheinbar eher an das Positive erinnern. Natürlich denken wir an das vollbrachte Erlösungswerk von Jesus, aus sehr guten Gründen. Doch gibt es in der Geschichte der Kirche nichts, das wir bereuen sollten? Das Fehlen einer solchen Tradition ist bezeichnend für den kirchlichen Triumphalismus, der seinen traurigen Ausdruck in der Lehre der Verachtung gegenüber Juden fand.
Daher sollte man sich an die Geschichte des Antijudaismus in der Kirche erinnern; das Gedenken an die Schoa und die Anerkennung der Rolle christlicher Lehre bei der Judenverfolgung könnten ein angemessener Weg sein. In den vergangenen Jahrzehnten sind unter Christen verschiedene Bewegungen entstanden, die in diese Richtung weisen: Mutter Basilea Schlink initiierte Bußversammlungen in Städten, in denen Juden ermordet worden waren. Der von Jobst Bittner organisierte „Marsch des Lebens“13 ist ein weiteres Beispiel für eine wachsende Bewegung, die Zeichen göttlicher Anerkennung trägt. Solche Initiativen fördern die Einheit unter Christen und die Versöhnung mit den Juden.
Welche weiteren biblischen Ereignisse fanden im Monat Tewet statt? Laut 1. Mose 8,5 wurden am ersten Tag des Tewet nach der Sintflut erstmals Berggipfel sichtbar. Die Fluten begannen zurückzuweichen. Inmitten der Katastrophe keimte neue Hoffnung auf. Hierin lässt sich vielleicht das Gute – das Tow – des Tewet erkennen. Gott ist gut, und selbst im Gericht sehen wir seine Barmherzigkeit. Er gewährte der Menschheit einen Neuanfang und versprach zudem, die Erde nie wieder durch eine Sintflut zu vernichten.
Im Buch Esther (2,16) lesen wir, dass Esther im zehnten Monat – dem Monat Tewet – des siebten Regierungsjahres von König Ahasveros in dessen Königspalast gebracht wurde. So begann die Geschichte der Königin, die durch ihren persönlichen Mut das jüdische Volk vor dem Völkermord durch den Amalekiter Haman rettete. Was als drohendes Unheil begonnen hatte – Hamans Absicht, das jüdische Volk auszurotten –, wendete sich ins Gegenteil und endete mit der Vernichtung des Feindes sowie einem Freudenfest für das jüdische Volk. Daran erinnert bis heute das Purimfest.14 Was im Monat Tewet geschah, war der Beginn der Befreiung, das erste Zeichen der Hoffnung.
Das Gedenken an die Ereignisse im Monat Tewet umfasst zwei unterschiedliche Arten von Erfahrungen: Chanukka erzählt vom Sieg der Makkabäer; die Geschichte der Esther handelt vom Sieg der Juden über ihren Erzfeind. Und im Monat Tewet erschien das erste Lebenszeichen nach der Sintflut. Andererseits markiert der 10. Tewet den Beginn einer Niederlage. Sowohl die Purim- als auch die Chanukka-Geschichte sind von Verfolgung, Bedrohung und Angst geprägt. So töteten die Hellenisten Frauen, die ihre Kinder beschneiden ließen. Haman wollte alle Juden töten.
Wir haben es also mit Sieg und Verfolgung zu tun, mit Barmherzigkeit und Gericht. Es scheint in der Tat ein „schlammiger“ Monat zu sein. Wir haben keine Klarheit. Was sollen wir tun? Umkehren, wo es nötig ist, und unser Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes setzen.
Interessanterweise gibt es eine Verheißung in Bezug auf all diese traditionellen Fastentage. In Sacharja 8,19 heißt es:
„So spricht der HERR Zebaoth: Das Fasten des vierten, fünften, siebenten und zehnten Monats soll dem Hause Juda zur Freude und Wonne und zu fröhlichen Festzeiten werden. Liebt Wahrheit und Frieden!“
Dies ist die Verheißung des messianischen Zeitalters und der Wiederherstellung Israels in Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn der Messias gekommen ist, ist Israel umgekehrt und geistlich wiederhergestellt. Dann werden diese Erinnerungen an vergangene Sünden in der Barmherzigkeit Gottes dahinschmelzen und sich in freudige Feste verwandeln, die die Güte des Herrn feiern. Man stelle sich nur die Kraft seiner Barmherzigkeit vor, wenn jahrhundertelange Trauertraditionen ausgelöscht werden!
Der 8. Tewet gilt traditionell als das Datum, an dem die älteste Bibelübersetzung, die Septuaginta, fertiggestellt wurde. Im Traktat Megilla 9 heißt es: „König Ptolemäus II. versammelte einst 72 Älteste und brachte sie in 72 getrennten Kammern unter, ohne ihnen zu verraten, warum sie herbeigerufen worden waren. Er betrat das Zimmer eines jeden und sagte: ‚Schreibt mir die Tora des Mose, eures Lehrers, auf Griechisch nieder.‘ Gott legte es jedem Einzelnen ins Herz, genau wie alle anderen zu übersetzen.“
Es ist interessant, dass die jüdische Tradition dieses Ereignis zwar als Wunder anerkennt, den Vorgang selbst jedoch nicht positiv bewertet. Die Weisen betrachteten die Übersetzung sogar als Tragödie und verglichen sie mit der Sünde des Goldenen Kalbes. Damals empfanden die Juden die Gegenwart Gottes als so überwältigend, dass sie sich einen eigenen Gott schufen, der ihrer begrenzten Vorstellungskraft entsprach. Ebenso behandelte Ptolemäus die Tora wie ein menschliches Werk; er wollte das Wort Gottes in eine feste Form zwängen und die vielfältigen Bedeutungsebenen des Originaltextes in der Übersetzung gleichsam einfrieren, um den Text an die Grenzen des menschlichen Verstandes anzupassen. Diese Denkweise scheint die Chanukka-Kontroverse widerzuspiegeln, die ihre Wurzeln im Konflikt zwischen den wahren Anhängern Gottes und den sich assimilierenden Hellenisten hat, die genau wie jedes andere Volk sein wollten.
Heute sind wir dankbar für die zahlreichen Übersetzungen und Hilfsmittel, die uns den Zugang zum reichen Inhalt der Heiligen Schrift ermöglichen. Tatsächlich lösten die Wiederentdeckung der Bibel durch Übersetzungen sowie die Erfindung des Buchdrucks die geistliche Reformation im mittelalterlichen Europa aus. Bis heute arbeiten Missionare daran, die Bibel in allen Sprachen der Weltvölker zugänglich zu machen, um ihnen das Evangelium zu verkünden.
Doch es gibt eine Lehre, die wir aus der Kontroverse um die Septuaginta ziehen können: Schränken auch wir Gott durch unser eigenes Verständnis ein? Laufen wir Gefahr, uns einen eigenen, kleinen und zahmen Gott zu erschaffen, statt offen zu bleiben für einen Gott, der allmächtig ist und Dinge tun kann, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen?
Eine alte christliche Überlieferung besagt, dass Petrus am 9. Tewet den Märtyrertod erlitt. Diese Tradition ist in der rabbinischen Literatur bewahrt.15 Das markiert einen weiteren dunklen Moment, eine weitere Tragödie. Gleichzeitig ist es eine Anregung, über das Wesen von Sieg und Niederlage nachzudenken. War es eine Niederlage? Oder war es Gottes Wille, der dazu führte, dass sich das Evangelium noch weiter ausbreitete? Was in den Augen der Menschen als Niederlage erscheint, kann in Wahrheit ein Sieg für das Reich Gottes sein.
Wir sehen also, dass negative, schwere Erfahrungen zwei Ursachen haben können: Im Fall der Zerstörung des Tempels war es die Sünde des Volkes; im Fall des Märtyrertods des Petrus war es Gottes Wille, der letztlich Segen bewirkte. Um das zu erkennen, müssen wir die Dinge so sehen, wie Gott sie sieht; wir brauchen Gottes Augen; wir brauchen den Sinn Christi.
Die bloße Tatsache, dass wir leiden, ist also kein Hinweis darauf, ob wir gesündigt haben oder nicht. Mit anderen Worten: Selbst wenn wir ein rechtschaffenes Leben führen, gibt es keine Garantie dafür, dass wir in dieser Welt immer siegreich sein werden. Tatsächlich sagt Paulus etwas ganz anderes:
„Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.“ (2. Timotheus 3,12)
Es gibt keine Garantie dafür, dass wir dem Leiden entgehen. Doch wir müssen darauf achten, dass wir nicht für unsere eigene Sünde leiden. Wie der Apostel Petrus sagte:
„Ihr Lieben, lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Fremdes, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch. Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der in Fremdes eingreift. Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht. Er ehre aber Gott in einem solchen Fall.“ (1. Petrus 4,12-16)
Das ist der Kampf, den wir täglich führen: der Kampf gegen die Sünde. Der Kampf darum, in jeder Situation einen christusähnlichen Charakter zu zeigen. Und in diesem Kampf haben wir die Verheißung des Sieges. Der, der in uns ist, ist stärker als der, der in der Welt ist. Möge der Herr uns durch seinen Geist mit Kraft im inneren Menschen stärken, damit wir durch die Erneuerung unseres Sinnes verwandelt werden und prüfen können, was der gute, wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. (Römer 12,2)
Was ist also die Lektion des Monats Tewet? Denken wir selbst in einer trüben Zeit an das Gute, das der Herr getan hat. Zwängen wir ihn nicht in das Schema unserer begrenzten Vorstellungskraft; lassen wir Gott Gott sein. Und bedenken wir, dass Niederlage und Sieg aus menschlicher Sicht anders erscheinen können als aus Gottes Sicht. Wir haben keine Garantie dafür, dass alles so ausgeht, wie wir es uns wünschen. Achten wir lediglich darauf, dass wir nicht als Übeltäter leideen, und setzen wir unser Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes!
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