Theologen debattieren schon seit langem darüber, was genau der Apostel Paulus meinte, als er im 2. Thessalonicherbrief, Vers 3 von einem großen „Abfall“, einer Abkehr von Christus in den letzten Tagen schrieb, bevor „der Mensch der Bosheit“ offenbart werde, „der Sohn des Verderbens“. Die meisten Gelehrten sind sich darüber einige, dass er sich auf eine Massenabkehr von Christen bezieht, die ihren Glauben in der Endzeit aufgeben, kurz bevor der Antichrist auftritt. Die Christenheit im Vorkriegsdeutschland während der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts bietet wahrscheinlich eines der klarsten historischen Beispiele dafür, wie ein solcher Abfall aussehen könnte. Wir täten gut daran, aus den Fehlern der deutschen Christen während dieser beispiellosen Zeit zu lernen, einer Zeit, als Hitler, ein Typus des Antichristen, an die Macht kam.
Ein tiefer Fall
Die meisten deutschen Christen in jenen Tagen glaubten nicht, dass die Nazis wirklich ihre Drohungen gegen die Juden wahrmachen würden, da es bis dahin noch keinen Präzedenzfall für einen Völkermord solchen Ausmaßes wie den Holocaust gab. Es gab eine starke evangelikale Tradition in Deutschland, die an die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes glaubte und sogar eine jüdische Rückkehr in das Land Israel erwartete. Gleichzeitig sahen die örtlichen jüdischen Gemeinden Deutschland als eine Art Paradies an, in dem sie so gut in die Gesellschaft integriert wurden. Einige deutsche Juden sprachen sogar von dem Anbruch eines messianischen Zeitalters.
Die Frage stellt sich daher: Wie konnte ein Land mit einem so mächtigen geistlichen Erbe so tief fallen? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten und wird vielleicht nie vollständig geklärt werden. Doch in der Zeit vor dem Holocaust gab es mehrere geistliche Entwicklungen, die wichtige Schutzmechanismen von großen Teilen der Christenheit in Deutschland entfernten.
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Leugnung der biblischen Wahrheit
Obwohl Deutschland sich im Zentrum der großen Reformation befand, öffnete es Ende des siebzehnten Jahrhunderts auch dem säkularen Liberalismus Tür und Tor. Während Luther als erster die gesamte Bibel in eine Gemeinsprache übersetzte, also in eine Sprache, die alle verstanden, begannen andere deutsche Theologen bald, ihren Wahrheitsgehalt anzuzweifeln. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts propagierten bereits viele, dass die Bibel nur eine Ansammlung von Fabeln sei.
Dieser liberale theologische Ansatz erreichte 1942 seinen Höhepunkt, als Rudolph Bultmann, ein deutscher Lutheraner, zur „Entmythologisierung“ der Evangelien aufrief – er forderte die Streichung der Auferstehung und anderer „angeblicher Wunder“. Er glaubte, dass allein die Tatsache der Kreuzigung Christi für den christlichen Glauben notwendig und ausreichend sei. Diese neue Idee verbreitete sich schnell auf der ganzen Welt. Als die Nazis dann schließlich ihren Zenit erreichten, glaubten viele deutsche Christen nicht länger an die Heiligkeit und die Autorität der Bibel.
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Widerstand gegen den Heiligen Geist
Die Pfingstbewegung wurde in der Erweckung der Azusa Street in Los Angeles im Jahr 1906 geboren und verbreitete sich schnell bis nach Europa, erst nach Norwegen und von dort aus nach Deutschland. Die geradezu ekstatische Art dieser frühen Erweckungsgottesdienste war vielen in den nüchternen und hochgebildeten evangelikalen Leitungsgremien der Kirchen und Gemeindebewegungen in Deutschland ein Ärgernis. 1909 traf man sich in Berlin und verabschiedete die sogenannte „Berliner Erklärung“, die postulierte, die Pfingsterfahrungen seien dämonischen Ursprungs und daher für deutsche Gemeindemitglieder verboten. Diese Erklärung wurde erst im Jahr 1996 zurückgenommen.
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Verkennung der Zeichen der Zeit
Vor 1932 hatten viele evangelikale Christen in Deutschland noch sehr nationalistische und sogar monarchistische Einstellungen. Sie glaubten, dass die Abschaffung der Monarchie bzw. die Abdankung Kaiser Wilhelms II. zu einem intensiven Verfall moralischer Werte in Deutschland führen würde. Unterdessen hatten die Bolschewiken den Zaren abgesetzt und den Kommunismus nach Russland gebracht, begleitet von einer scharfen Verfolgung der russischen Kirche. Als die Kommunisten in Deutschland immer beliebter wurden, sahen viele protestantische Christen die Nazis als ein konservatives Bollwerk gegen den Aufstieg des atheistischen Kommunismus.
Daher begrüßten viele Christen die Nazis und sahen Hitler als jemanden, der die Moral in Deutschland wiederherstellte – Nachtlokale wurden geschlossen, Homosexualität verboten, und die Straßen waren bei Nacht wieder sicher. Die Christenheit folgte Hitler, weil sie dachte, die Gefahr käme eher von den radikalen Linken. Es gab wohl Pastoren, die Hitler widersprachen, und manche mussten sogar dafür mit ihrem Leben bezahlen, doch es waren zu wenige, um die ganze Nation zu beeinflussen.
Liebe zur Wahrheit
Paulus sagt uns in 2. Thessalonicher 2,9–12: „Der Böse aber wird in der Macht des Satans auftreten mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden. Darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, sodass sie der Lüge glauben…“
Paulus warnt hier davor, dass ein Mangel an „Liebe zur Wahrheit“ ein Vakuum in unseren Herzen schafft, so dass mächtige Täuschungen sich einnisten können. Genau das passierte in Deutschland, als die liberalen Theologen die Liebe und den Respekt vor dem Wort Gottes unterminierten. Als Folge schlich sich eine riesige Täuschung ein, die schließlich die gesamte Nation überwältigte. Daher dürfen wir es niemals erlauben, dass die Autorität des Wortes Gottes in unserem eigenen Leben geschwächt wird. Lassen Sie uns vielmehr täglich unsere geistliche Nahrung aus dem Wort Gottes ziehen. Es ist unser Licht in finsteren Zeiten.
Leitung des Heiligen Geistes
Zusätzlich brauchen wir dringend die Leitung und Führung des Heiligen Geistes. Jesus sagte, dass uns der Geist in alle Wahrheit führen und uns über das Kommende informieren werde (Joh 16,13). Wir brauchen die prophetische Stimme des Geistes, selbst wenn sie mit den Trends in unserer Kultur nicht vereinbar ist. Die deutschen Christen haben eine wirkliche Bewegung des Heiligen Geistes abgelehnt und so ihre Ohren vor seinem Reden verschlossen. Uns stehen herausfordernde Zeiten bevor. Ohne die Leitung des Heiligen Geistes werden wir sie nicht durchstehen können. Wir brauchen einen täglichen Hunger nach der Stimme des Heiligen Geistes.
Bürgerrecht im Himmel
Schließlich müssen wir unsere Identität ganz fest im Königreich Gottes gründen. Die deutschen Christen glaubten zu sehr an einen starken nationalen Erlöser, doch sie haben sich ganz furchtbar geirrt. Viele deutsche Christen sahen sich zuallererst als Deutsche und erst in zweiter Linie als Christen. Während die Bibel uns ganz deutlich ermahnt, für unsere Regierungen zu beten und loyale und gesetzestreue Bürger zu sein, dürfen wir niemals vergessen, dass unsere wahre Identität und unser Bürgerrecht im Himmel verankert sind beim Volk Gottes (Hebräer 11,13–16).
Lassen Sie uns gemeinsam diese Lektionen aus der Geschichte lernen. Wenn wir dies tun, wird Gott uns davor bewahren abzufallen und uns befähigen, ein mächtiges Zeugnis für die Welt um uns herum zu sein.








