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Der Kibbuz Nir Oz ist militärisches Sperrgebiet. Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober darf er nur mit Sondergenehmigung betreten werden. Iftach führt die Reisegruppe aus Deutschland und der Schweiz durch den kleinen Ort. Er ist hier aufgewachsen.
Überall zwitschern Vögel. Geschwungene Fußwege führen von Häuschen zu Häuschen, dazwischen Büsche und liebevoll dekorierte Vorgärten. Es wirkt wie ein Feriendorf. Blühende Blumen. Spielplätze. Ein Stück Paradies – wären da nicht Einschusslöcher in Türen und Fenstern. Scherben am Boden, verrußte Hauswände, ausgebrannte Häuser. Der verlorene Kindersitz im Garten, der verbogene Tretroller. Und das vollständige Fehlen von Stimmen, von Lachen, von menschlichem Leben.
Von 220 Häusern wurden 214 geplündert oder niedergebrannt, von 400 Einwohnern über 100 ermordet, ebenso wie 15 ausländische Gastarbeiter. 80 Menschen wurden entführt. Es sind Freunde, Bekannte und Verwandte von Iftach, darunter seine 78-jährige Tante und sein Onkel.
Wir laufen durch einen toten Ort. Gelegentlich hört man Detonationen aus dem nahen Gazastreifen, Rauchwolken steigen auf. Die israelische Armee sprengt Terrortunnel. „Hier lebte Carmela“, sagt Iftach und bleibt vor einem kleinen Häuschen stehen. Carmela war eine liebenswerte ältere Dame, die ihr behindertes Enkelkind versorgte. So auch am 7. Oktober, als die Hamas-Terroristen kamen. Die sterblichen Überreste von Großmutter und Enkelin konnten erst zwei Wochen später identifizieren werden.
Die Mörder vergewaltigten, quälten, verstümmelten und verbrannten ihre Opfer bis zur Unkenntlichkeit. Sie filmten sich bei ihrer Orgie der Gewalt. Auch mit den Handys ihrer Opfer. „Hier lebte Bracha“, fährt Iftach fort und führt uns in ein anderes Haus. Was sie Bracha antaten, veröffentlichten die Terroristen live – auf dem Facebook-Account ihres Opfers. „Brachas Enkeltochter und Tochter haben es gesehen“, berichtet Iftach. Sie sahen, wie das Haus mit Bracha darin abbrannte.
Ein dichter Busch am Wegesrand. „Hier hatte sich Familie Calderon versteckt“, erzählt Iftach. Ein Kind aus dem Gazastreifen spielte vor dem Busch, entdeckte die Familie und verriet sie an die Terroristen. Es wird zwar von vielen ausländischen Politikern und Journalisten ignoriert, aber zu den unbequemen Fakten gehört, dass sich nicht nur Hamas-Terroristen am Massaker beteiligten, sondern Horden an Zivilisten aus dem Gazastreifen den Mördern folgten. Selbst Alte, Frauen und Kinder strömten in den Kibbuz, johlend und plündernd. Palästinensische Mütter „beschenkten“ ihre Kinder mit Spielzeug der ermordeten jüdischen Kinder.
Vater Calderon, seine Tochter und sein Sohn wurden verschleppt, die Großmutter getötet. Am 27. November kamen die Kinder beim Geiseldeal frei. „Der 11-jäh-rige Sohn hat uns vom verratenen Versteck berichtet“, erzählt Iftach. Man fand das Handy des Vaters unter den Zweigen. Er ist weiter in den Händen der Hamas.
Rund 200 Autos standen auf dem Parkplatz des Kibbuz. 100 wurden verbrannt, die anderen zerstört. Oder gestohlen, so wie die 20 Traktoren des Ortes. Sogar Kühlschränke plünderte der Mob und Schuhschränke. Die Plünderer zogen die Schuhe ihrer Opfer an und ließen ihre eigenen Sandalen zurück.
Kaum bleibt die Besuchergruppe stehen, tauchen einzelne Katzen aus den Schatten der leeren Häuser auf, streichen um die Füße, manche kläglich jammernd, andere laut maunzend und Zuwendung fordernd. Sie werden gefüttert, aber es sind keine Hände mehr da, die sie streicheln. Ihre Besitzer-Familien sind tot oder in Hotels evakuiert. Die Katzen konnten dem Terror entkommen – anders als die Hunde, die mit ihren Besitzern starben. SCHREI NACH GOTT Manchmal bricht Iftach die Stimme, wenn er erzählt. Immer wieder kämpft er gegen Tränen. Auch wir. Einmal spricht Iftach von Gott – und verliert die Beherrschung. „Wo war er?! Ich weiß nicht, wo er war!“, schreit er auf, überwältigt von Schmerz und Verzweiflung.
Es geht weiter: In den Ruinen steht ein Rollator. Er gehörte Amitai. Der 80-Jäh-rige wurde ermordet, sein Haus niedergebrannt, sein philippinischer Pfleger verschleppt.
Nächstes Häuschen: Hier starb eine fünfköpfige Familie. Und das nächste Haus: Ein Foto zeigt den 86-jährigen Bewohner. Er ist im Gazastreifen gefangen. Wenige Schritte weiter: Das Heim der Familie Bibas. Alle vier Familienmitglieder sind im Gazastreifen. Baby Kfir Bibas wurde im Januar in Geiselhaft ein Jahr alt. Bruder Ariel ist vier. Vier Tage benötigte die Armee, bis sie die Situation im Grenzgebiet unter Kontrolle hatte, erzählt Iftach.
Drei Stunden laufen wir durch diese Hölle, die einst ein Paradies war. Das Ausmaß der Brutalität übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Es ist das Gesicht Satans. „Das hier bringt mich um“, murmelt Iftach: „It really kills me.“ Aber trotzdem kommt er wieder, jeden Tag, um zu berichten, was am 7. Oktober in Israel passiert ist. „Erzählt der Welt von Nir Oz“, bittet Iftach. „Lasst nicht zu, dass diese Menschen vergessen werden.“
Wir zögern, ob wir für Iftach zum Abschied das Lied „Am Israel Chai “ - das Volk Israel lebt“ singen sollen. Ist das passend, in dieser Atmosphäre des Todes? „Unser Vater lebt!“, heißt es an einer Stelle im Text. Wie wird Iftach auf dieses Glaubensbekenntnis reagieren? Unser israelischer Busfahrer Tobi macht uns Mut. „Das ist okay“, beteuert er. Dann singt er selbst am lautesten. Und Iftach lächelt. „Toda“, sagt er gerührt. „Danke, dass ihr gekommen seid.“
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