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Deutsche schenken Holocaustüberlebenden eine Thorarolle

Deutsche schenken Holocaustüberlebenden eine Thorarolle

Gedenktag an die Reichspogromnacht
Ester Heinzmann
Ein Mann im Anzug mit Krawatte und Kippa spricht in ein Mikrofon, dass er in der rechten Hand hält. Er schaut nach unten auf Papierseiten, die vor ihm auf einem Tisch liegen. Neben ihm steht ein Mann, von zwei weiteren sieht man die Hände, wie sie mit dem Smartphone den Sprecher fotografieren

Am 8. November 2022, dem Vorabend des Gedenktags an die Reichspogromnacht, wurde in der Synagoge des Amigour-Seniorenzentrums für Holocaustüberlebende in Herzliya (Israel) eine neue Thorarolle eingeweiht – ein Geschenk von Menschen aus Deutschland. An der Zeremonie nahmen u.a. der deutsche Botschafter Steffen Seibert und verschiedene christliche Freunde Israels, darunter ICEJ-Präsident Dr. Jürgen Bühler, teil.

Ein freudiger und denkwürdiger Moment

In der Synagoge herrscht eine ausgelassene Stimmung. Männer singen und tanzen, fröhliches Lachen erklingt, ein silberner Tik, der detailreich verzierte hölzerne Kasten, in dem Juden die Thorarolle aufbewahren, wird von einer Person zur nächsten gereicht. Gefeiert wird die Fertigstellung einer neuen Thorarolle. Ein freudiges Ereignis, denn die Thora ist in vielerlei Hinsicht ein kostbarer Schatz!

Sorgfältige Handarbeit

Ein ganzes Jahr dauert es, bis der Sofer, der Schreiber, die 304.805 Buchstaben der fünf Bücher Mose sorgfältig auf Pergament niedergeschrieben hat. Als Schreibwerkzeuge sind ausschließlich Vogelfeder oder Schilfrohr sowie koschere, d.h. schwarze, metallfreie und permanente Tinte erlaubt. Buchstabe für Buchstabe schreibt er das Wort Gottes von einer anderen Thorarolle ab, auch dann, wenn er den Text auswendig kennt. Schleicht sich ein Fehler ein, wird die gesamte Rolle unbrauchbar und er muss von Neuem beginnen. Schreibt der Sofer den Namen Gottes, ist er verpflichtet, sich zuvor in einer Mikwe, einem jüdischen Ritualbad, durch Untertauchen zu reinigen. Diese Regeln widerspiegeln auf eindrückliche Weise die Ehrfurcht des jüdischen Volkes vor dem Wort Gottes, das heilig, kostbar und unveränderlich ist.

Ein Geschenk aus Deutschland

Die Schriftrolle, die heute eingeweiht wird, ist aus einem weiteren Grund etwas Besonderes: Sie ist ein Geschenk von Menschen aus Deutschland. Eine große Bandbreite von Spendern aus Politik und Gesellschaft, Juden und Christen, Einzelpersonen und Organisationen, haben sich an der Aktion „Mit Buchstaben die Welt verbessern“ von Keren Hayesod Deutschland, langjähriger Partner der ICEJ, beteiligt und die rund 100.000 Euro, die eine handgeschriebene Thorarolle kostet, zusammengetragen. Dank unserer Unterstützer konnte die Dank unserer Unterstützer konnte die ICEJ-Deutschland ebenfalls einen Beitrag leisten.

Als Deutsche in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hierzulande rund 1.400 Synagogen und jüdische Versammlungsräume in Brand steckten, wurden auch tausende, teilweise jahrhundertealte Thorarollen vernichtet. Für die Überlebenden im Seniorenzentrum in Herzliya ist es somit auch ein denkwürdiger Moment, wenn Deutsche ihnen heute, 84 Jahre nach diesen Verbrechen, eine Thorarolle schenken.

Die letzten Buchstaben

Heute Abend sind einige Gäste, darunter Botschafter Steffen Seibert und Dr. Jürgen Bühler, eingeladen, die letzten zwölf Buchstaben des 5. Buch Mose, „vor den Augen von ganz Israel“, zu schreiben. „Es ist nicht nur ein symbolischer Akt, diese Thorarolle am Vorabend des Gedenktags an die Reichpogromnacht einzuweihen“, sagt Bühler. „Für mich ist es eine große Ehre, selbst Hand anzulegen, um die letzten Buchstaben einzufügen. Dieses Projekt ist ein großes Zeichen der Solidarität mit dem jüdischen Volk und ich wünsche mir, dass in den kommenden Jahren weitere Projekte dieser Art folgen werden.“

Botschafter Steffen Seibert erinnert an die Novemberpogrome und zeigt sich besorgt über den in Deutschland und weltweit wiedererstarkenden Antisemitismus. Dass in Deutschland Synagogen und jüdische Schulen Polizeischutz benötigen, „beschämt mich persönlich“, sagt er. Darum muss die Erinnerung an den Holocaust an die nächste Generation weitergegeben werden. „Diese Verantwortung hört niemals auf.“

(Foto: Der deutsche Botschafter Steffen Seibert beginnt seine Grußworte in fließendem Hebräisch)

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