MENÜ

Die ICEJ organisierte erneut Veranstaltungen gegen das Vergessen. Mit elegantem französischen Akzent sprach die 93-jährige Zeitzeugin Fanny Ben-Ami zu über 2000 Schülern in Baden-Württemberg.
Im Kurhaus Baden-Baden, der Geburtsstadt von Fanny, war der Andrang besonders groß. Trotz Bahnstreik wollten sich die Schulen diese einzigartige Möglichkeit nicht entgehen lassen, diese außergewöhnliche Zeitzeugin zu hören. Sie fanden kreative Fahrlösungen, organisierten Busunter-nehmen, einen Taxiservice und bildeten Fahrgemeinschaften. Alle Veranstaltungshallen waren voll besetzt.
Für große Verwunderung sorgten der disziplinierte Ablauf und die extreme Stille der Schüler. Sowohl die zuständige Polizei als auch die Kurverwaltung Baden-Baden und die Mitarbeiter der Stadthalle Leonberg staunten nicht schlecht, dass so viele Schüler 1,5 Stunden mucksmäuschenstill zuhören konnten! Es war auf der einen Seite ein Wunder, auf der anderen Seite verständlich, denn Fannys Geschichte traf in die Herzen der Schüler. Die Jüdin war während des Holocausts ungefähr so alt wie die junge Zuhörerschaft, somit konnten sich alle sehr gut mit Fannys damaliger Situation identifizieren. Die Zeitzeugenbegegnungen wurden von Gottfried Bühler, 1. Vorsitzender ICEJ – Dt. Zweig e.V., moderiert. Ein kleines Kunststück, denn Fanny hätte am liebsten jedes Detail ihrer spektakulären Flucht dem aufmerksamen Publikum erzählt.
Eine traurige Konstante in Fannys Kindheit war die ständige Vertreibung. Nirgendwo konnte sie richtig Wurzeln schlagen. Sie war permanent gezwungen, ein neues Zuhause zusuchen. Erst die Flucht aus Baden-Baden, dann die Trennung von ihren Eltern in Paris, einhergehend mit dem Verlassen ihrer Wohnung und Plünderung aller persönlichen Wertgegenständen. Fanny und ihre Schwestern fanden Zuflucht in dem Kinderheim Chateau Chaumont, aber auch dieses Zuhause war von kurzer Dauer. Der Verrat des Ortspfarrers zwang die Kinder wieder zur Flucht. Nach einer Odyssee durch Nazifrankreich erreichten sie die rettende Schweiz. Aber auch dort waren die jüdischen Kinder nicht willkommen. Die hoffnungsvollen Worte ihrer Mutter „Nach dem Krieg wird wieder alles sein wie früher“ haben sich nicht erfüllt. Beide Eltern überlebten den Holocaust nicht. Ihre endgültige Heimat fand Fanny in Israel. Dort gründete sie eine Familie, dort leben ihre Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder. Leider ist sie seit dem 7. Oktober aufs Neue mit der bangen Frage konfrontiert: „Werde ich meine Heimat Israel durch den Krieg verlieren?“
Sehr früh musste sich Fanny um ihre beiden jüngeren Schwestern wie eine Mutter kümmern. Als die anderen Kinder im Kinderheim die große Fürsorge mitbekamen, baten sie Fanny, auch ihre große
Schwester zu sein. So hatte die Dreizehnjährige plötzlich eine „riesige Kinderfamilie“ zu betreuen. Und sie nahm diese Verantwortung sehr ernst. Es war für Fanny selbstverständlich, jedem Kind zu helfen, mag die Situation noch so gefährlich gewesen sein. Aber nicht nur Kinder verdankten Fanny das Leben. Durch ihren ausgeprägten mutigen Helferdrang bewahrte sie auch 150 französische Widerstandskämpfer vor dem Tod. Auf die Frage einer Schülerin „Was können wir heute tun?“, antworte Fanny sehr eindringlich: „Haltet zusammen! Helft euch gegenseitig, die Starken müssen sich um die Schwachen kümmern. Man muss nicht jeden lieben, aber man soll jedem mit Respekt begegnen.“
Gottfried Bühler forderte die große Schülerschaft heraus, bewusst eine Entscheidung gegen Antisemitismus zu treffen. Als sichtbares Zeichen ließen die Schüler im verdunkelten Saal ihre Handy-Flashlights hell erstrahlen. „Liebe Schüler, ihr seid ab heute Zeugen der Zeitzeugen! Vergesst das Gehörte nicht und erzählt es weiter. Ihr tragt Verantwortung, dass die Geschichte von Fanny Ben-Ami nicht vergessen wird!“, gab Bühler den Schülern mit auf den Weg.
Während ihres einwöchigen Besuchs hat sich Fanny in Deutschland so wohlgefühlt, dass sie gerne ihren Aufenthalt verlängert hätte. Ein kleines Stück Heimat wurde ihr zurückgeschenkt.
Ein herzliches Danke für die sehr gute Kooperation an das Team von SCORA und Danke an alle Helfer der ICEJ, die zum Gelingen dieser großen Schulveranstaltungen beigetragen haben!
Teile diesen Beitrag:
Die ICEJ e. V. ist vom Finanzamt Stuttgart unter der Steuernummer 99015/27443 gemeinnützig und mildtätig anerkannt.
ICEJ Deutschland ist Träger des Spenden-Prüfzertifikats der Deutschen Evangelischen Allianz, mit dem die Einhaltung der strengen Grundsätze bei der Verwendung der Spendenmittel bestätigt wird.
Beim ersten Morgenrot beginnt der Betrieb auf dem 2.000 Quadratmeter großen Logistikzentrum der Hilfsorganisation Pitchon Lev, unserem israelischen Partner bei der Lebensmittelverteilung an Bedürftige.
Beim ersten Morgenrot beginnt der Betrieb auf dem 2.000 Quadratmeter großen Logistikzentrum der Hilfsorg...
Die Abrissphase ist abgeschlossen. Die westlichen Ortsteile von Be’eri wurden endgültig dem Erdboden gleichgemacht. Es war ein schmerzhafter Meilenstein. Doch nun beginnt der Wiederaufbau.
Die Abrissphase ist abgeschlossen. Die westlichen Ortsteile von Be’eri wurden endgültig dem Erdboden gle...
Ausflüge zu den wunderschönen Stränden von Haifa waren für viele Bewohner in den letzten Wochen ein echtes Highlight.
Ausflüge zu den wunderschönen Stränden von Haifa waren für viele Bewohner in den letzten Wochen ein echt...
139 französische Juden wagen einen Neuanfang in Israel – darunter 79 Kinder. Die ICEJ hat den Alijah*-Sonderflug finanziert und begleitet.
139 französische Juden wagen einen Neuanfang in Israel – darunter 79 Kinder. Die ICEJ hat den Alijah*-So...
Wie geht es dem Kibbuz Be’eri rund zweieinhalb Jahre nach dem verheerenden Terrorüberfall durch Palästinenser aus dem Gazastreifen? Ein Besuch vor Ort.
Wie geht es dem Kibbuz Be’eri rund zweieinhalb Jahre nach dem verheerenden Terrorüberfall durch Palästin...
Trotz Kriegsgefahr wandern unvermindert Juden nach Israel ein – eine Folge des weltweit wachsenden Antisemitismus. Die ICEJ unterstützt die jüdischen Migranten.
Trotz Kriegsgefahr wandern unvermindert Juden nach Israel ein – eine Folge des weltweit wachsenden Antis...