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Ersatztheologie ist tief verwurzelt im christlichen Denken und in der christlichen Tradition. Dahinter steht die Idee: Weil die Juden Christus abgelehnt haben, hat auch Gott sie als sein auserwähltes Volk verworfen und seitdem gebraucht er die Kirche statt Israel, um sein Erlösungswerk auf der Erde zu vollenden. An die Stelle der Juden als auserwähltes Volk des Bundes tritt die Kirche als das „Neue Israel“.
Diese weit verbreitete Meinung ist jedoch nicht im Neuen Testament zu finden. Es ist eine Lehre, die die Kirchenväter schon mindestens seit der Zeit des Märtyrers Justinian und Augustinus (im 2. und 4. Jahrhundert) in die Schrift hineininterpretiert haben. In Wirklichkeit spricht das Neue Testament nirgends von einer Ersatzlehre, mit Ausnahme der besonderen Stelle im Römerbrief Kapitel 9–11, in der der Apostel Paulus Nichtjuden zurechtweist, die in ihrer Überheblichkeit dachten, dass Gott Israel verstoßen hat.
Obwohl Israel über den Messias „gestolpert“ ist, versicherte der jüdische Apostel der Römer seinen Lesern, dass Gottes Auserwählung unwiderruflich ist – unabhängig von Umkehr und Buße. Obwohl Israel hin und her schwankt, hält Gott an seiner souveränen Auserwählung fest und bleibt dem Bund treu, den er mit dem jüdischen Volk geschlossen hat. Etwas anderes zu behaupten, würde bedeuten, die Treue und den unantastbaren Charakter des Gottes Israels anzuzweifeln, des Gottes, der überfließt von Hesed (beständige Liebe und ewige Bundestreue).
Glücklicherweise haben durch die Jahrhunderte nicht alle Christen an dieser weltweit verbreiteten „Ersatztheologie“ festgehalten. Sie wissen, dass das Neue Testament, wenn es von Israel spricht, das Jüdische Volk meint und nicht die Kirche oder das „Neue Israel“. Im Gegensatz zur Tradition der Kirchenväter stellt Israel mehr als nur die Vorbereitung für das Evangelium oder eine Vorform der Kirche dar.
Die Gegner der Ersatztheologie nehmen die Schrift ernst, die von Gottes Liebe für Abrahams Nachkommen spricht – von Seiner souveränen und bedingungslosen Auserwählung des ganzen Israel – von seinem unwiderruflichen Bund mit dem jüdischen Volk als Volk; einschließlich aller Verheißungen, die Gott Israel als Nation gegeben hat und die Er erfüllt und auch weiter erfüllen wird bis an den letzten Tag. In dieser Hinsicht wartet auf alle Nationen noch ein Segen, der von dem geistlich erneuerten Volk Israel, dem Augapfel Gottes, ausgehen wird.
Diese pro-zionistische Einstellung erfordert keine dispensationale Interpretation der Schrift, die die Anti-Zionisten so gerne anschwärzen. (In der Tat begann die Geschichte des christlichen Zionismus lange vor der Dispensations-Lehre, die im 19. Jahrhundert entstand.) Auch eine prophetisch geleitete biblische Lehre, wie sie in der jüngsten Generation so populär geworden ist, ist keine Vorbedingung, um für Israel und mit Israel zu stehen.
In der Tat haben wir einen festeren Grund, ein sicheres Fundament, auf dem wir stehen können und das die Schrift bezeugt: die unauslöschliche, unwiderrufliche Liebe Gottes für das Jüdische Volk. Trotz ihres (geheimnisvoll vorherbestimmten) Widerstands gegen das Evangelium bleibt Israel „geliebt um der Erzväter willen“ (Römer 11,28). Ja, die Bundestreue der Väter – Abraham, Isaak und Jakob – ist die Wurzel, in die die Heiden, die an den „Gerechten Zweig“ glauben, eingepflanzt sind (Jer. 33,15) und Israels geistliches Erbe ist „das Fett des Olivenbaums“, das uns ernähren soll (Römer 11,17).
Darum ist das jüdische Volk wichtig für die Christen, und nicht wegen einer Position, die sie in einer zukünftigen biblischen Dispensation einnehmen sollen, oder wegen eines prophetischen Zeitplans einer Endzeit-Apokalypse. Die unumstößliche Wahrheit ist: sie sind wichtig, aufgrund ihres Platzes im Herzen des Vaters.
Was sollen wir sagen? Wenn Gott für Israel ist, sollen wir gegen es sein? Wenn der allmächtige Gott solch eine große Liebe und solch grenzenloses Erbarmen hat, das jeden Morgen neu ist, dann sollten doch die Christen als Erste an der Seite des jüdischen Volkes stehen und für sie beten. Es mag sein, dass wir zeitweise mit großen Bedenken beten, so wie es auch der Apostel Paulus tat. Aber die Wurzel unseres Mitgefühls sollte, wie bei Paulus, unsere treue Liebe sein und die vorbehaltlose Anerkennung Israels unwiderruflichem Bund, der die heilige Schrift involviert, das Land und Israel als Volk.
Damit sollen die Juden nicht idealisiert oder der modernen Staat Israel von seiner Verpflichtung enthoben werden, sich an biblische Prinzipien von Recht und Gerechtigkeit zu halten. Noch wird damit festgestellt, welchen Platz bestimmte Personen, Juden oder Nichtjuden, in der zukünftigen Welt einnehmen werden.
Vielmehr sollen wir daran denken, dass wir als Nachfolger von Jesus von Nazareth beständig in Israels Schuld stehen, weil Israel uns den Messias, die Schrift und sogar unseren Gott gegeben hat.
Die Geschichte der Christenheit bringt den traurigen Beweis, dass, wenn man den universalen Christus in seiner fleischgewordenen Existenz von seinen jüdischen Wurzeln trennt, wenn man ihn loslöst vom historischen Eingebettetsein in Gottes unwiderruflichem Bund mit dem Volk der Juden, das Ergebnis eine Ersatztheologie, eine feindselige Einstellung zum Judentum und sogar Antisemitismus gegen die Juden ist.
Wahrlich, die Zeit ist gekommen, dieses Zeitalter der Missachtung hinter uns zu lassen und demütig und dankbar den unauslöschbaren Bund anzuerkennen, der uns Christen mit dem jüdischen Volk verbindet. Damit stehen wir auf dem sicheren Fundament von Gottes Liebe.
Dr. Pryor ist der Gründer des Zentrums für Jüdisch-Christliche Studien
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