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Israel ist Integrationsweltmeister. Hier gelingt es, Einwanderer aus vielen Regionen und Kulturen, von Russland bis Afrika, in kürzester Zeit zu integrieren. Nach zwei Jahren stehen die meisten Einwanderer finanziell auf eigenen Beinen. Ein Blick in Israels ausgeklügeltes Integrationssystem.
Integrationsdorf Ibim ist ein äthiopisches Dorf – mitten in Israel. 450 äthiopische Juden leben hier. Sie sind als einzige Zuwanderungsgruppe nicht in einem der allgemeinen Integrationszentren des Landes untergebracht. Das hängt zusammen mit Regel Nummer eins der israelischen Integrationspolitik: Schwierigkeiten werden nicht verschämt verschwiegen, sondern klar benannt – damit man sie lösen kann. Und weil man in Israel erkannt hat, dass gerade Menschen aus afrikanischen Kulturkreisen die Integration besonders schwerfällt, erhalten sie ein eigenes Integrationsumfeld.
Üblicherweise durchlaufen Einwanderer ein zweijähriges Integrationsprogramm. Nur für Juden aus afrikanischen Kulturen rechnet man mit drei, in besonders schwierigen Fällen auch mit vier Jahren. Rekordzeiten, von denen andere Länder nur träumen können. Wie gelingt Israel das?
Kein Selbstläufer Israels Integrationserfolg hat sehr viel mit Regel Nummer zwei zu tun. Sie lautet: Integration passiert nicht von allein.
Israels Integrationsprogramm beginnt an Tag eins nach der Ankunft. Jede äthiopische Familie erhält ihr eigenes kleines Häuschen im Integrationsdorf. Die Einwanderer sollen sich wohl und zuhause fühlen. Alle Behördengänge können im Gemeindehaus vor Ort erledigt werden, auch Dolmetscher stehen zur Verfügung. Drei Jahre lang trägt der Staat die Lebenshaltungskosten.
Im ersten Jahr können und sollen sich die Einwanderer auf nur eine einzige Aufgabe konzentrieren: Sich einzufinden in die Kultur und Sprache. Es gibt acht Stunden täglich Intensivunterricht, vom Kleinkind bis zum Großvater. Dabei erfahren die Einwanderer auch, welche Werte und Pflichten in Israel beachtet werden müssen, wie Erziehung funktioniert – dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen und Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben. „Das wirbelt die Familienstrukturen oft erst einmal sehr durcheinander“, berichten die Integrationshelfer. „Vor allem Männer tun sich mit der neuen Rolle oft sehr schwer, denn in Äthiopien gilt der Familienvater als König der Familie.“ In Israel sind es dann aber plötzlich die Kinder, die mehr wissen – weil sie die Sprache leichter lernen, ihren Eltern Ratschläge geben und als Übersetzer einspringen.
„Wir bewerten die Kultur der Einwanderer nicht“, stellen die Integrationshelfern klar. „Es geht nicht um besser oder schlechter. Aber man muss klar definieren, welche Werte hier gelten. Wer in Israel leben will, muss bereit sein, die israelische Lebensweise zu akzeptieren.“
Zumindest die wichtigsten Grundlagen für eine erfolgreiche Integration sind bei allen Neueinwanderern gegeben: Die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und die Liebe zum Land. Ohne diese verbindenden Elemente wäre die kulturelle Kluft wesentlich größer, die Integration noch erheblich schwieriger.
Jede Familie bekommt nach der Ankunft außerdem einen Mentor an die Seite. Er hilft, die israelische Lebensart und Infrastruktur in der Praxis kennenzulernen – inklusive Wasserversorgung, Strom und bargeldlosem Zahlungsverkehr. Denn die äthiopischen Juden lebten zumeist als Selbstversorger mit einem kleinen Stück Land und Tauschgeschäften von der Hand in den Mund. Auch der Straßenverkehr ist vielen fremd. „Deshalb sind Autos im Integrationsdorf nicht erlaubt“, erläutern die Integrationshelfer: „Die Kinder sollen unbeschwert im Freien spielen können, wie vorher in Äthiopien.“
Im zweiten Jahr beginnt bereits der erste Schritt in die Arbeitswelt. Es gibt Job-Trainingsprogramme und angepassten Sprachunterricht. Die Einwanderer lernen in Praktika, wie die Arbeitswelt funktioniert. Man müsse die Basics erklären, berichten die Integrationshelfer sachlich. „Welche Rolle Arbeitszeiten spielen, was sie bei Krankheit tun müssen, wie man Urlaub beantragt oder generell mit Vorgesetzten kommuniziert.“
Erst im zweiten Jahr werden die Kinder, die in der Regel nun bereits Hebräisch sprechen, in normale Schulen und Kindergärten aufgenommen. Damit ist sichergestellt, dass sie sich in ihrem neuen Umfeld zurechtfinden und nicht mangels Kommunikationsfähigkeiten zum Störfaktor werden.
Im dritten Jahr erfolgt die vollständige Eingliederung in die Arbeitswelt und am Ende der Auszug aus dem behüteten Dorf in die eigene Wohnung. Obwohl sie zumeist ohne jede Sprachkenntnis oder berufliches Fachwissen nach Israel kommen, tragen dann auch die Einwanderer aus Äthiopien zum Erfolg der israelischen Wirtschaft und Gesellschaft bei.
Bis zu zehn Jahre nach der Alijah, der Einwanderung nach Israel, haben die Familien das Recht auf Vergünstigungen und Begleitung, zum Beispiel beim Umgang mit Behörden.