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Im Jahr 2004, als ich in London lebte, vermietete ich ein Zimmer in meinem Haus an einen Untermieter, der – ohne es zu wissen – eine Entwicklung in Gang setzte, die mich später um die ganze Welt und schließlich nach Israel führen sollte.
Er blieb fast ein Jahr bei mir, und in dieser Zeit führten wir viele Gespräche über das Leben, den Glauben und die Welt. Besonders auffällig war seine tiefe Wertschätzung für Israel und das jüdische Volk. Er hatte das Land selbst besucht und sprach mit großer Wärme über seine Erfahrungen.
Als er 2005 auszog, mietete sich ein anderer Untermieter ein – sein genaues Gegenteil. Er war stark israelkritisch und zeigte Sympathie für die arabische Bevölkerung im Gazastreifen sowie in Judäa und Samaria. Unsere Gespräche haben mir zwei völlig gegensätzliche Sichtweisen aufgezeigt.
Ich wusste damals nicht, was ich glauben sollte. Wie viele Menschen war mein Bild stark von Medien und Meinungen anderer geprägt. Doch genau diese Gegensätze weckten in mir den Wunsch, selbst herauszufinden, was wahr ist.
Nach dem Auszug meines zweiten Untermieters traf ich eine einschneidende Entscheidung: Ich verkaufte mein Haus und begann eine Weltreise. Zunächst führte sie mich in die Chaco-Region in Paraguay, wo ich beim Bau einer Kirche im Dschungel half. Danach reiste ich durch Thailand, Myanmar und Laos und besuchte Flüchtlingslager und Waisenhäuser. Diese Erfahrungen prägten mich tief.
Schließlich kam ich nach Neuseeland, wo ich etwa fünf Monate bei Verwandten blieb. In dieser Zeit wuchs in mir ein klarer Entschluss: Ich wollte nach Israel reisen, um mir selbst ein Bild zu machen.
Meine Familie reagierte besorgt. Die Zweite Intifada war erst kurz zuvor abgeklungen, und viele hielten Israel für zu gefährlich. Doch ich spürte eine innere Gewissheit.
Im Juni 2006 kam ich schließlich in Israel an, wo ich bis Mai 2007 blieb. Was ich dort erlebte, veränderte meine Sicht auf vieles grundlegend.
Rückblickend erkenne ich, dass nicht nur meine Erfahrungen vor Ort, sondern auch mein geistlicher Hintergrund mein Denken geprägt hatten. Als ich mit 18 Jahren konfirmiert wurde, sagte der Pfarrer oft, wir sollten beim Bibellesen „Israel“ durch „Gemeinde“ oder „Christen“ ersetzen. Später verstand ich, dass dies mit der sogenannten Ersatztheologie zusammenhängt – der Vorstellung, dass die Gemeinde Israel ersetzt habe.
Mit der Zeit erkannte ich die Problematik dieser Sicht. Sie vernachlässigt die bleibende Bedeutung Israels in der Bibel und entfernt den Glauben von seinen jüdischen Wurzeln. Mein Aufenthalt in Israel half mir, vieles neu zu verstehen – nicht als Ersatz, sondern als Fortführung von Gottes Handeln.
Ein zentraler Teil meiner Zeit war meine Mitarbeit in Beit Immanuel in Jaffa, wo ich fast ein Jahr tätig war. Das Gebäude hat eine besondere Geschichte: Es wurde im 19. Jahrhundert im Umfeld europäischer – insbesondere deutscher und protestantischer – Einflüsse im damaligen Osmanischen Reich errichtet und war eng mit dem Hôtel du Parc des Hotelier Platon Ustinov verbunden. Im Jahr 1898 beherbergte es sogar Wilhelm II und seine Frau Auguste Victoria während ihres Besuchs in Jaffa. Später entwickelte es sich zu einem Ort christlicher Gemeinschaft, Gastfreundschaft und des Dienstes. Dort zu leben und zu arbeiten war für mich etwas ganz Besonderes.
Während meines Aufenthalts erlebte ich auch den Beginn des Libanonkrieges im Sommer 2006. Viele Familien flohen aus dem Norden Israels vor Raketenangriffen – darunter zahlreiche traumatisierte Kinder. Beit Immanuel öffnete seine Türen und nahm diese Familien kostenlos auf. Es war bewegend zu sehen, wie schnell und selbstlos geholfen wurde.
In Tel Aviv besuchte ich die Gemeinde Adonai Roi. Dort begegnete ich Daniela. Ich sah sie zum ersten Mal im Gottesdienst tanzen – voller Freude. Im Oktober 2006 lernten wir uns näher kennen, und unsere Beziehung wuchs. Im August 2007 heirateten wir in Freistadt in Österreich. Daniela ist ein großer Segen für mein Leben, wofür ich sehr dankbar bin.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner Zeit war ein wöchentliches Bibelstudium mit einem britischen messianischen Juden aus Jerusalem. Dort lernte ich viel über jüdische Geschichte, Kultur und Glauben – auch über die Schoa und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen.
Besonders prägend war für mich auch die Begegnung mit arabischen Christen. Ich traf viele, die gemeinsam mit messianischen Juden ihren Glauben lebten. In einer Region voller Spannungen wurde hier etwas anderes sichtbar: Einheit. Für mich war das ein starkes Zeugnis, dass echte Versöhnung nur durch Jesus Christus möglich ist. In Ihm können Menschen unterschiedlicher Herkunft eins werden.
Was ich in Israel erlebte, überraschte mich in vieler Hinsicht.
Ich erkannte, wie komplex die Realität vor Ort ist – weit über das hinaus, was oft in den Medien dargestellt wird. Häufig fehlte mir dort die nötige Ausgewogenheit. Vor Ort sah ich eine vielfältige Gesellschaft, große Herausforderungen, aber auch ein echtes Verlangen nach Frieden.
Am meisten beeindruckten mich jedoch die Menschen. Die jüdischen Menschen, denen ich begegnete, waren freundlich, gastfreundlich und offen. Ich wurde eingeladen, durfte Gemeinschaft erleben und viele Gespräche führen.
Ich erlebte ein Land voller Leben – geprägt von Geschichte, Innovation und kultureller Vielfalt. Israel ist nicht nur ein Ort von Konflikten, sondern auch von Hoffnung und Zukunft.
Natürlich sah ich auch die Schwierigkeiten. Ich begegnete Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Lebensrealitäten. Das zeigte mir, dass die Situation nicht einfach ist und keine einfachen Antworten zulässt.
Meine Reise gab mir nicht auf alles Antworten, aber sie schenkte mir etwas Wertvolleres: eine neue Perspektive. Ich lernte, selbst hinzusehen, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen.
Israel wurde für mich mehr als ein Thema – es wurde ein Ort der Veränderung.
Diese Erfahrung hat nicht nur meine Sicht auf Israel geprägt, sondern auch meinen Umgang mit Wahrheit. Ich habe gelernt, dass Wahrheit oft dort zu finden ist, wo man bereit ist, genauer hinzusehen und eigene Vorstellungen zu hinterfragen.
Und dafür bin ich bis heute dankbar.
„Prüft aber alles, das Gute behaltet.“ (1. Thessalonicher 5,21)
Auszug aus dem Wort aus Jerusalem: "Zion: Segen oder Ärgernis?"
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