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Unser Auftrag als Christen: Antisemitismus entgegentreten

Unser Auftrag als Christen: Antisemitismus entgegentreten

125 Jahre Zionistenkongress in Basel
Mojmir Kallus
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Ende August begingen Juden und Christen den 125. Jahrestag des Ersten Zionistenkongresses in Basel. Dieser historische Kongress von 1897 unter dem Vorsitz des jüdischen Visionärs Theodor Herzl fand auch unter bedeutsamer Hilfeleistung von Christen statt. Genau 50 Jahre später, 1947, kamen erneut Christen und Juden in der Schweiz, diesmal in Seelisberg, zusammen. Eine Konferenz, die von großer Bedeutung für die jüdisch-christlichen Beziehungen wurde.

Ein Neuanfang in den jüdisch-christlichen Beziehungen

Zwei Jahre nach dem Holocaust formulierten die versammelten Christen zehn Thesen, um eine Änderung im Verhalten der Christen gegenüber den Juden zu bewirken. Diese zehn Thesen von Seelisberg sollten dazu beitragen, die Vorurteile gegenüber den Juden, die es im christlichen Denken gab, anzugehen.

Seitdem haben wir viel Fortschritt in den jüdisch-christlichen Beziehungen gesehen. In den westlichen Kirchen hört man heutzutage kaum mehr die falsche Behauptung, dass das jüdische Volk verworfen, verflucht und für beständiges Leiden bestimmt sei, oder dass Christen die Stellung der Juden im ewigen Bund Gottes eingenommen hätten.

Und nicht nur das: Das theologische Bekenntnis von Seelisberg hat inzwischen gute Früchte auf praktischer Ebene hervorgebracht. Viele Organisationen sind entstanden, die dieses Bekenntnis in die Praxis umsetzen. Die 1980 gegründete Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ) ist ein gutes Beispiel: Seit 42 Jahren setzen sich tausende von Christen unermüdlich für das jüdische Volk und den Staat Israel ein, inspiriert von den Worten des Propheten Jesaja, der im 40. Kapitel ruft:

„Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.“

Heute hilft die ICEJ Bedürftigen in Israel, betreibt ein einzigartiges Heim für Holocaustüberlebende in Haifa, errichtet hunderte Luftschutzbunker in bedrohten Ortschaften und schenkt Benachteiligten im ganzen Land neue Hoffnung. Dank der Unterstützung von Christen weltweit konnte die ICEJ mehr als 160.000 Olim (jüdische Neueinwanderer) auf ihrem Weg in ihre alt-neue Heimat helfen.

Darüber hinaus vereint die ICEJ engagierte Teams von Christen in mehr als 90 Ländern auf allen Kontinenten, die Israel und Juden vor physischen sowie verbalen Attacken verteidigen und entschlossen gegen Antisemitismus stehen.

Antisemitismus im neuen Gewand

Unsere Erfahrung bringt mich zum nächsten Punkt. Heute, mehr als 75 Jahre nach der Schoa, ist der Antisemitismus leider nicht verschwunden – er kommt lediglich in neuem Gewand daher. Die meisten antijüdischen Vorfälle geschehen heutzutage unter dem Deckmantel der Kritik an Israel, dem einzigen jüdischen Staat.

Antiisraelische Demonstrationen auf den Straßen Europas sind eine klare Bestätigung, wie ernst die Situation geworden ist. „Zionismus“ ist zum Schimpfwort geworden und Israel wird das Existenzrecht abgesprochen.

Diese Entwicklungen machen eine Ergänzung der zehn Thesen von Seelisberg dringend notwendig. Als diese Thesen 1947 formuliert wurden, gab es noch keinen jüdischen Staat. Man reagierte auf die jahrhundertelange Tradition der Judenfeindlichkeit in der Kirche und wagte einen mutigen ersten Schritt zur Wiederherstellung des biblischen Verständnisses der Christen hinsichtlich des jüdischen Volkes. Um es mit den Worten des Neuen Testaments auszudrücken: Die Juden sind „Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ (Römer 11,28-29) Gottes Bund mit Abraham und seinen Nachkommen ist nie aufgehoben worden.

Diese Wahrheiten sind vor 75 Jahren in Seelisberg klar zum Ausdruck gebracht worden. Heute sind sie unter Christen fast unbestritten. Es besteht aber weniger Klarheit, wenn Christen Antiisraelismus begegnen, hinter dem sich unter dem Vorwand der Kritik am jüdischen Staat der alte Antisemitismus verbirgt.

Israel wird an den Pranger gestellt

In wenigen Tagen wird in Karlsruhe die Sitzung der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen stattfinden, bei der eine mögliche Verurteilung Israels als „Apartheid-Staat“ erwogen wird, ausgerechnet auf deutschem Boden. Zwar sollen deutsche Bischöfe versucht haben, zu intervenieren, um das abzuwenden, aber vergeblich. Vom Weltkirchenrat hieß es, auf deutsche „Befindlichkeiten“ werde man wohl keine Rücksicht nehmen.

Sollten wir nicht unsere Stimme erheben und unsere Brüder und Schwestern an die Worte des Apostels Paulus erinnern, „nicht gleichförmig dieser Welt“ zu sein? So wie sich damals Christen in Seelisberg mutig gegen die jahrhundertelange Tradition und die allgemein verbreiteten Vorurteile gestellt haben, rufen wir heute zum mutigen Widerstand gegen diese neue Form der Judenfeindlichkeit auf.

Es ist nämlich nichts anderes als eine neue Form des alten Hasses – früher wurde behauptet, die Juden hätten Christus gekreuzigt, die Juden hätten die Pest verursacht, die Juden wären Kosmopoliten und wollten unsere Gesellschaft verderben, die Juden wären Kapitalisten, die Juden wären Kommunisten. Heute befindet sich im Fadenkreuz der Antisemiten ein neues Ziel: der jüdische Staat. Heute nimmt der Staat Israel die Rolle des „kollektiven Juden“ in der Weltgemeinschaft ein – und wird absurder Verbrechen beschuldigt. Hier einige Beispiele, die jedoch nicht ausreichen, die Absurdität vollständig darzulegen:

  • Der UN-Menschenrechtsrat (der ebenfalls in der Schweiz seinen Sitz hat) führt jedes Jahr einen Tagesordnungspunkt in seiner Agenda, der allein Israel „gewidmet“ ist: Tagesordnungspunkt 7 schreibt vor, dass der Rat bei jeder Sitzung über die „israelischen Verletzungen der Menschenrechte in den palästinensischen Gebieten“ debattiert. Einen vergleichbaren Tagesordnungspunkt für andere Länder gibt es nicht.
  • Im vergangenen Jahr verabschiedete die UN-Vollversammlung 14 Resolutionen gegen Israel, aber nur fünf gegen andere Länder. Die UNO verurteilte Israel als einziges Land wegen angeblicher Verletzung der Frauenrechte, jedoch nicht den Iran, nicht Nordkorea, nicht Afghanistan, sondern eben das Land, in dem Frauen größere Freiheiten und Gleichberechtigung genießen als in den meisten Ländern der Welt.
  • Israel ist der einzige Staat in der Welt, dessen Hauptstadt Jerusalem von den meisten Ländern nicht anerkannt wird. Und die BDS-Bewegung („Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen“) spricht den Juden ganz einfach das Recht auf Selbstbestimmung ab.

Das Gefährliche an dieser Entwicklung ist, dass diese antisemitischen Ansichten immer größere Verbreitung finden und mehr und mehr zur Mehrheitsmeinung werden. Man findet antiisraelische Vorurteile in den Medien, an den Universitäten, in multilateralen Gremien und in der Gesellschaft.

Diesem Trend müssen wir entschlossen entgegentreten!

Was kann ein einzelner Mensch bewirken?

Man kann sich fragen, was ein einzelner Mensch bewirken kann.

Die nachfolgende Geschichte zeigt, wie eng der Kampf gegen Antisemitismus mit freundlichen Beziehungen zum jüdischen Staat verbunden ist, und verdeutlicht zugleich, wie viel ein einzelner Mensch, der gegen den Strom schwimmt und sich gegen die Mehrheitsmeinung stellt, bewegen kann.

Ich bin in der Tschechoslowakei aufgewachsen. Es ist ein Land, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg drei Zionistenkongresse stattfanden, das einzige Land, das nach dem Krieg wagte, dem neugeborenen Staat Israel Waffen zu liefern, ein Land, das bis heute als einer der treuesten Freunde Israels in Europa gilt. Wie ist es dazu gekommen?

Den Anfang dieser Geschichte finden wir im Jahr 1899. Zwei Jahre nach dem Ersten Zionistenkongress grassierte der Antisemitismus in Europa. In Böhmen kam es damals zu einem großen antisemitischen Prozess, der mit der bekannten Dreyfuss-Affäre in Frankreich vergleichbar ist. Ein armer Jude namens Leopold Hilsner wurde des Ritualmordes beschuldigt und die gesamte damalige Gesellschaft, inklusive der Medien, griff den mittelalterlichen Aberglauben wieder auf, die Juden bedürften des Bluts christlicher Kinder für Ritualhandlungen.

Nur wenige stellten sich dem entgegen. Der bekannteste unter ihnen war der damalige Philosophieprofessor an der Prager Universität, Tomáš Masaryk. Er erlebte heftigen Widerstand, doch seine Liebe zur Wahrheit trieb ihn zu einem leidenschaftlichen Kampf gegen diese antisemitische Verleumdung. Masaryk war katholisch aufgewachsen und hatte sich zunächst nicht besonders für Juden interessiert, aber sein Engagement in der Hilsner-Affäre wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Eine lebenslange Freundschaft mit dem jüdischen Volk begann, die in Begeisterung für den Zionismus mündete.

Im Jahr 1918 wurde Masaryk der erste Präsident der neugegründeten Tschechoslowakei. Als einziges europäisches Staatsoberhaupt reiste er in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina, um seine Unterstützung für die zionistische Bewegung zu demonstrieren. Das jüdische Volk vergisst niemals, wer seine Freunde sind, und daher finden wir heute in jeder größeren israelischen Stadt eine Masaryk-Straße oder einen Masaryk-Platz.

Diese Begeisterung vererbte Masaryk seinem Sohn Jan, der in der Nachkriegsrepublik das Amt des Außenministers bekleidete. Jan Masaryk spielte eine entscheidende Rolle bei den Waffenlieferungen, die der neu entstandene Staat Israel trotz des weltweiten Embargos in den Jahren 1948-49 von der Tschechoslowakei erhielt. Israels Staatsgründer David Ben-Gurion machte die berühmte Aussage, dass ohne tschechoslowakische Gewehre der Unabhängigkeitskrieg nicht hätte gewonnen werden können.

Ein einzelner Mann, Tomáš Masaryk, stellte sich gegen die öffentliche Meinung – und seine konsequente Haltung veränderte für Generationen die Atmosphäre im ganzen Land.

Sein Sohn Jan Masaryk stellte sich gegen die ganze Völkergemeinschaft – und seine mutige Entscheidung trug zum Erhalt des jüdischen Staates bei.

An der Seite des jüdischen Volkes

Es gibt eine lange Reihe christlicher Zionisten, die sich über die Jahrhunderte hinweg an die Seite des jüdischen Volks stellten und durch ihre Gebete, Schriften und Taten dazu beitrugen, dass es heute einen jüdischen Staat gibt, der zum Zufluchtsort für Juden aus aller Welt geworden ist, der seine Bürger schützen kann und gleichzeitig in vielerlei Hinsicht zum Licht für die Nationen geworden ist.

Wir befinden uns in guter Gesellschaft, wenn wir uns heute an die Seite des jüdischen Volkes und gegen Judenhass, Vorurteile und Lügen stellen sowie das Recht Israels auf Existenz in Frieden und Sicherheit bekräftigen.

Dabei darf die Rolle eines Einzelnen nicht unterschätzt werden.

 

(Foto: ICEJ/Levi Dörflinger, Solidaritätskundgebung mit Israel und dem jüdischen Volk, Archivbild)

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