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Chutzpah ist ein schier unübersetzbares jiddisches Wort mit hebräischen Wurzeln. Der Wortstamm chatzaf erscheint bereits im Alten Testament und trägt eine doppelte Bedeutung in sich: Einerseits steht er für Unverschämtheit, Dreistigkeit, Frechheit, Arroganz und das Überschreiten von Grenzen des Anstands. Andererseits beschreibt er eine positive, fast unwiderstehliche Kraft – zielgerichtete, intelligente, charmante Kühnheit, Furchtlosigkeit und ein starkes, schöpferisches Selbstbewusstsein, das den Mut hat, bestehende Normen zu durchbrechen.
In der jüdischen Tradition wird diese Kraft nicht verworfen, sondern geordnet und geheiligt. „Heilige Chutzpah“ gehört zu den ersten Verhaltensregeln im Schulchan Aruch (Joseph Karo, 1565), der klassischen Kodifizierung des jüdischen Gesetzes: „Seid kühn wie ein Leopard, segelnd wie ein Adler, flink wie eine Gazelle und stark wie ein Löwe, den Willen eures himmlischen Vaters zu tun.“ Kühnheit wird von den Auslegern als Chutzpah interpretiert und ist hier kein Selbstzweck, sondern auf Gott hin ausgerichtet.
Auch im Neuen Testament findet sich dieser Gedanke der Tier-Metaphern wieder. Jesus spricht zu seinen Jüngern: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben.“ (Matthäus 10) Die Kombination aus Kühnheit des Leoparden und Klugheit der Schlange nähert sich dem Konzept der Chutzpah sehr gut an.
Die Schrift zeigt zahlreiche Beispiele dafür: Abraham hat die Chutzpah, mit Gott über Sodom und Gomorrha zu feilschen; Jakob hat die Chutzpah, Gott ein Ultimatum zu setzen: „Ich lasse dich nicht los, bis du mich segnest“; die hartnäckige Witwe in Lukas 18 hat die Chutzpah, den Richte nachts zu stören; die syrophönizische Frau hat sich nicht abwimmeln lassen und ist für die Heilung ihrer Tochter eingetreten. Als Jesus ihr recht rau begegnete, hatte sie die Chutzpah zu entgegnen: „aber selbst Hunde dürfen die Krümel fressen, die vom Tisch ihres Herrn fallen.“ (Matthäus 15:27)
Im besten Sinne wird Chutzpah also zu einem Werkzeug, um Gottes Reich auf Erden sichtbar werden zu lassen. Sie bedeutet, Glauben nicht nur zu bekennen, sondern in mutiges Handeln zu übersetzen. Wie ein jüdischer Gelehrter sagt: „Chuzpah ist Königswürde ohne Krone.“
Über den Apostel Paulus steht ganz am Ende der Apostelgeschichte: „Er predigte das Reich Gottes und lehrte die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen, mit aller Freimütigkeit ungehindert.“ Womöglich könnte man anstatt ungehinderte Freimütigkeit auch schreiben: „mit aller Chutzpah.“
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