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Der Ursprung des aschkenasischen Judentums

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
Ester Heinzmann
Links die Darstellung einer Frau. Sie trägt ein weißes Tuch auf dem Kopf und einen braunen Umhang. Im Arm hält sie eine weiße Gans. Rechts ein Mann, er trägt eine braune Tuchmütze und ebenfalls einen braunen Umhang. In den Händen hält er drei Knoblauchpflänzchen. An ihrem Umhängen ist ein gelber Kreis, der sogenannte "Judenkreis", eine für Juden im Mittelalter vorgeschriebenes Kennzeichen.

Deutschland nimmt in der Geschichte der jüdischen Diaspora eine bedeutende Rolle ein – nicht allein wegen des Holocaust. Noch heute weisen schätzungsweise 11 Millionen Juden weltweit auf diese Relevanz hin: die aschkenasischen Juden, auch Aschkenasim genannt.

„Aschkenas“

Diese Bezeichnung ist üblich für Juden, die aus Mittel- und Osteuropa stammen. Sie leitet sich vom biblischen Namen Aschkenas ab, der erstmals in den rabbinischen Schriften des Mittelalters auftauchte und die Region entlang des Rheins bezeichnete. „Aschkenasische“ Juden sind demnach „deutsche“ Juden – Nachfahren jener Juden, die ab dem 10. Jahrhundert v.a. in den Bischofsstädten entlang des Rheins lebten.

Blütezeit

Obwohl Juden keine Bürger waren, genossen sie dennoch bis zu den Kreuzzug-Pogromen relative Freiheit, was sich u.a. in der wachsenden Bevölkerungszahl widerspiegelte: Lebten Ende des 10. Jahrhunderts noch etwa 4.000 bis 5.000 Juden in Deutschland, wuchsen die jüdischen Gemeinden in den nächsten einhundert Jahren auf bis zu 25.000 Personen an. Bis ins Mittelalter waren die jüdischen Zentren in Mesopotamien die geistliche Autorität der in der Zerstreuung lebenden Juden gewesen. Als Ende des 10. Jahrhunderts in Speyer (Schpiro), Worms (Urmaisia) und Mainz (Magenza), den sogenannten SchUM-Städten, Jeschiwas (Talmudschulen) gegründet wurden, entwickelte sich ein von der babylonischen Tradition unabhängiges Judentum: das aschkenasische Judentum, mit eigenen Rechtsauslegungen.

Aschkenasisches Judentum: Jüdisches Lernen

Aus ganz Europa lernten jüdische Männer an den Jeschiwas in den SchUM-Städten. Der berühmteste Talmudschüler war Rabbi Schlomo ben Isaak, genannt Raschi, der von 1055 bis 1065 in Worms studierte. Raschi gilt bis heute als der bedeutendste Kommentator der Hebräischen Bibel und des Babylonischen Talmuds. Die SchUM-Gemeinden sind auch wegen ihrer Rechtsbestimmungen (Takkanot) berühmt. Diese wurden beim Auftreten neuer Rechtsprobleme, für die es nach jüdischem Recht noch keine Verordnungen gab, erlassen. Nicht mehr zeitgemäße Rechtsbestimmungen wurden angepasst.

Pogrome und Abwanderung

Während des ersten Kreuzzugs 1096 zogen Kreuzritter gemeinsam mit tausenden Bettlern und verarmten Bauern plündernd und mordend an Rhein, Main und der Donau entlang. Tausende Juden wurden brutal ermordet, mussten unter Zwang zum Christentum konvertieren oder begingen Selbstmord, um der Zwangstaufe zu entgehen. Dies wiederholte sich während später wiederkehrender Pogrome. Durch die darauf folgenden Auswanderungswellen vom 13. bis ins 15. Jahrhundert verlagerte sich der Mittelpunkt des europäischen Judentums nach Polen und Litauen. Zwar existierten weiterhin jüdische Gemeinden in Deutschland, doch erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte das jüdische Leben hierzulande eine neue Blütezeit.

Aschkenasisches Judentum: Jiddisch

Ein weiteres Vermächtnis des mittelalterlichen Judentums in Deutschland ist Jiddisch. Jiddisch (wörtlich: jüdisch) entwickelte sich vermutlich im 9. bis 12. Jahrhundert in Südwestdeutschland. Es verbindet mitteldeutsche, hebräische und aramäische Elemente. Auch ein romanischer Einfluss ist zu finden. Jiddisch gehörte neben Hebräisch und Aramäisch zu den drei Sprachen der aschkenasischen Juden und war am Vorabend des Zweiten Weltkriegs die Alltagssprache von schätzungsweise 11 Millionen Menschen. Mit der Emigration der Juden aus Russland und Osteuropa Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich Jiddisch auch in Nord- und Südamerika, Australien und Südafrika und wurde somit zur weltweit am weitesten verbreiteten Sprache.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Jiddisch fast gänzlich ausgelöscht. Im Holocaust wurde etwa die Hälfte der weltweit Jiddisch sprechenden Menschen ermordet. In der stalinistischen Sowjetunion wurden, beginnend mit dem Großen Terror von 1936-1938, jiddische und hebräische Bibliotheken und Schulen geschlossen, jiddische Theater und Zeitungen verboten und zahlreiche jiddische Poeten und Schriftsteller exekutiert. Heute sprechen noch rund 1,5 Millionen Menschen Jiddisch, viele von ihnen sind ultraorthodoxe Juden.

Foto: Thesaurus Picturarum/Marcus zum Lamm, Darstellung Wormser Juden (16. Jh.) Der Knoblauch (Hebräisch „Schum“) deutet auf die Herkunft aus den SchUM-Städten hin

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