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„Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind ... Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch (basar) gekommen ist, der ist von Gott.“ - 1. Johannes 4,1-2.
Der ein oder andere mag spontan denken: „Diese Warnung betrifft nicht mich! Sie ist an Menschen gerichtet, die nicht an Jesus glauben. Ich kenne Jesus genau.“ Aber was bedeutet „Jesus im Fleisch gekommen“? Um dies besser verstehen zu können, müssen wir die Bibel aus dem ursprünglichen Kontext lesen und die hebräischen Bedeutungen des Wortes Fleisch (basar) inspizieren.
Muskelgewebe, Fett und Bindegewebe werden als basar bezeichnet. Als die Israeliten in der Wüste hungrig waren, forderten sie Mose auf, Fleisch (basar) zum Essen zu beschaffen (4. Mose 11,13). Auch für Opferrituale spielte Fleisch in der Bibel eine besondere Rolle.
Der menschliche Körper wird in der Bibel als Fleisch (basar) bezeichnet. In 1. Mose 2,23 lesen wir: „Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch (basar) von meinem Fleisch.“ Adam hatte bis zur Erschaffung der Frau nur Tiere um sich. Seine Freude war überwältigend, als er eine neue Kreatur in Körpergestalt sah, die ihm als Gegenüber entsprach. Weiter bezieht sich der Ausdruck Fleisch auf den menschlichen Körper mit seinen physischen Grenzen und Bedürfnissen. Oft steht der Körper im Konflikt mit dem Geist: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch (basar) ist schwach.“ (Matthäus 26,41).
„Jesus im Fleisch gekommen“ ist ein zentraler Glaubenssatz des Christentums. Jesus wurde wahrhaftig Mensch in einem physischen Körper aus Fleisch und Blut. Er wurde in Bethlehem geboren, wuchs in Nazareth nach jüdischer Tradition auf und wurde Zimmermann. Nach seiner Taufe im Jordan wirkte er zirka drei Jahre als Lehrer (Rabbiner) in Israel. Jesus wurde als Mensch sichtbar und greifbar. „Das Wort wurde Fleisch (basar) und wohnte unter uns.“ (Johannes 1,14)
Im Matthäusevangelium handeln mehrere Erzählungen von Menschen, die Jesus kennen, an ihn glauben und als ihren Herrn bezeichnen. Sie vollbringen große Wunder in Jesu Namen (Matthäus 7,22). Trotzdem sagt Jesus: „Ich kenne euch nicht“. Eine schockierende Antwort.
Das Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1-13) zeigt, dass alle den Bräutigam kannten, alle hatten eine Öllampe, alle haben gewartet, alle wurden schläfrig. Als der Bräutigam erscheint, kam der Unterschied zum Vorschein: eine Hälfte hatte genügend Öl, die andere zu wenig. Wieder spricht der Bräutigam (Jesus) zu fünf Jungfrauen: „Ich kenne euch nicht!“
Öl steht für Salbung und geistliche Autorität durch die Verbindung mit dem Geist Gottes. Es gibt kein Öl ohne Ölbaum. Der Ölbaum steht als Metapher für Israel (Jeremia 11,16). Wir Christen sind in den jüdischen Ölbaum eingepfropft (Römer 11). Die Wurzeln tragen und nähren uns. Sie sind somit der Öllieferant für unser geistliches Öl.
Einige Verse weiter folgt nochmals eine Erzählung mit zwei Fraktionen: die Schafe und die Böcke. Die eine Gruppe wird vom König (Jesus) angenommen, die andere nicht. Alle haben den König gekannt und mit „Herr“ angesprochen. Der entscheidende Unterschied? Jesus motiviert Nächstenliebe zu praktizieren: „Was ihr den geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Wer sind die Brüder von Jesus? Es sind bedürftige Menschen, seine geistlichen Brüder und Schwestern, die Christen und Jesu leibliche Verwandtschaft, die Juden. Paulus bestätigt dieses Verwandtschaftsverhältnis in Römer 1,3: „...von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch (basar).“
Im biblischen und hebräischen Sprachgebrauch wird Fleisch als Synonym für Familie oder gemeinsame Abstammung verwendet. In 1. Mose 29,14 spricht Laban zu Jakob: „Du bist mein Bein und mein Fleisch (basar).“ Das bedeutet, Jakob und Laban waren Teil einer Familie.
Im Dritten Reich unternahmen nationalsozialistische Theologen massive Anstrengungen, um Jesus von seiner jüdischen Identität zu trennen und ihn als Arier zu instrumentalisieren. Bestimmt hatten viele von ihnen an die Menschwerdung Jesu geglaubt, aber sie hatten seine jüdische Herkunft komplett abgelehnt. Die Folgen dieser „halben Wahrheit“ waren verheerend.
Wäre Jesus auf den Kanzeln der damaligen deutschen Kirchen als Sohn Gottes mit jüdischen Wurzeln gepredigt worden, hätte Hitler für seinen Judenhass vermutlich nicht den Rückhalt der deutschen Bevölkerung gehabt. Es wäre unmöglich gewesen, den Genozid an den Juden umzusetzen, der Holocaust hätte nicht stattfinden können!
Zum Schluss lernen wir noch eine völlig andere Bedeutung von basar kennen. Jesus besuchte am Anfang seines öffentlichen Wirkens am Schabbat seine Heimatsynagoge in Nazareth. Er las den wöchentlichen Leseabschnitt (Parascha) aus Jesaja 61 vor: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu verkündigen (basar)...“ Hier wird basar als Verb verwendet, im Sinne von verkündigen. Eine Verkündigung, eine Botschaft oder die gute Botschaft heißt auf Hebräisch besora. Im Vergleich zum griechischen Pendant Evangelium ist der hebräische Begriff spektakulär! Besora beinhaltet das Wort basar. Das hebräische Schriftbild ist fast identisch. „Das Wort wurde Fleisch“ erfüllt sich buchstäblich!
Das ist kein Zufall. Es ist das Reden Gottes durch sein Wort! Gott drückt wörtlich aus, dass Jesus, mit einem jüdischen Stammbaum auf die Erde kam. Er gab seinen Körper, sein Fleisch, dem Kreuzestod hin, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen, damit sie ewiges Leben erlangen! Jesus ist leiblich von den Toten auferstanden und verbrachte noch 40 Tage mit seinen Jüngern, bis er in den Himmel aufgefahren ist (Apostelgeschichte 1,9). Gottes besora ist die allerbeste Botschaft der Welt – ein Gnadengeschenk an uns Menschen!
Kehren wir zurück zu unserem Eingangsvers. Bezeugt ein Geist nur eine Seite der Wahrheit, fehlt ein wesentliches Detail. Dadurch entsteht ein irreführender Eindruck, der zu einem falschen Bild verführt. Den Geist Gottes können wir nur daran erkennen, wenn er die Menschwerdung Jesu UND seine jüdischen Wurzeln bezeugt! Beides gehört unzertrennlich zusammen!
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