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Die Haredim: Zwischen Gottesfurcht und Integration

Die Haredim: Zwischen Gottesfurcht und Integration

Ultraorthodoxe Juden in Israel
Ester Heinzmann
Links im Bild läuft eine Frau, an der Hand hält sie ein Mädchen. Rechts im Bild läuft ein Mann, neben ihm zwei Jungen.

Immer wieder berichten Medien über Israels ultraorthodoxe Juden, oft mit Negativschlagzeilen. Aktuelle Bücher und TV-Serien wie Unorthodox und Shtisel wecken bei vielen großes Interesse an dieser abgeschottet lebenden Gemeinschaft, bewirken aber auch Unverständnis und Ablehnung. Wer also sind die ultraorthodoxen Juden?

Vor seinem Wort „Erzitternde“

Ultraorthodoxe Juden selbst lehnen die Bezeichnung "ultraorthodox" ab und bevorzugen den Begriff Haredim, entnommen aus Jesaja 66,5: „die ihr erzittert (Hebräisch: Haredim) vor seinem Wort“. Der Ursprung des haredischen Judentums liegt im 19. Jahrhundert, als sich, bedingt durch die Industrialisierung und die Aufklärung, immer mehr Juden von der traditionellen Religionsausübung abwendeten. Besorgt, das jüdische Volk stünde vor dem Untergang, schlossen sich fromme Juden zusammen, um fortan alle Lebensbereiche der Thora unterzuordnen und sich weltlichen Einflüssen zu entziehen.

Haredim in Israel

Rund 1,175 Millionen der weltweit 1,8 Millionen Haredim leben in Israel, fast die Hälfte von ihnen in Jerusalem und Bnei Brak, einem Vorort Tel Avivs. Sie machen ca. 12,6% von Israels Gesamtbevölkerung aus, jedes Jahr wächst ihre Zahl um ca. 4% (vgl. mit 2% aller Israelis).

Von Außenstehenden werden sie irrtümlich als homogene Gruppe wahrgenommen, doch die Haredim gehören dutzenden eigenständigen Bewegungen an – mit eigenen Synagogen, Jeschiwas (Talmud-Schulen) und Rabbinern. Viele Bewegungen tragen den Namen ihrer in der Schoa ausgelöschten Herkunftsgemeinden, wie z.B. Satmar, die weltweit größte Bewegung, oder Chabad-Lubawitsch, deren besonderes Anliegen es ist, säkulare Juden zurück auf den Weg der Thora zu bringen. Alle richten ihr Leben streng nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, aus. Doch die Auslegung wiederum variiert, was sich u.a. im Ausleben ihres Glaubens oder auch in ihrer Beziehung zur Außenwelt widerspiegelt.

Das wohl auffälligste Merkmal der Haredim ist ihr Kleidungsstil. Entsprechend der Zniut (Hebräisch: Sittsamkeit), einer Art Verhaltenskodex, muss der ganze Körper bedeckt sein, weltliche Mode ist bei den meisten verpönt. Männer tragen schwarze Anzüge und Hüte, Frauen Röcke und Strumpfhosen. Verheiratete Frauen bedecken ihr Haar mit Hut, Kopftuch oder Perücke. Da sie leicht als Juden zu erkennen sind, werden in der Diaspora lebende Haredim besonders oft zur Zielscheibe antisemitischer Übergriffe.

Studium und Arbeitsleben

Bei allen nimmt das Studium der jüdischen Schriften eine zentrale Rolle ein. Es beginnt im Alter von drei Jahren mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens. Darauf folgt das Studium der Thora und später des Talmuds. Im Erwachsenenalter wählt nur etwa die Hälfte der Männer eine Erwerbstätigkeit, die übrigen ziehen das lebenslange Talmud-Studium vor.

Viele haredische Jungenschulen vernachlässigen reguläre Fächer wie Mathematik oder Englisch. Frauen hingegen sind in weltlichen Fächern meist besser ausgebildet und bestreiten den Lebensunterhalt der Familien (77% sind erwerbstätig). Da ein einzelnes Gehalt für ihre kinderreichen Familien nicht ausreicht, erhalten sie finanzielle Unterstützung durch Wohltätigkeitsorganisationen und den Staat (42% der haredischen Haushalte leben in Armut). Dank Bemühungen von Regierung und Unternehmen werden immer mehr Haredim, v.a. Frauen, ins Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt integriert. Insbesondere Israels IT-Branche mit ihren gut bezahlten Jobs gilt dabei als Hoffnungsträger. Spezielle Vorkehrungen sollen gewährleisten, dass auch am Arbeitsplatz Kaschrut (die jüdischen Speisegesetze) und Zniut (u.a. im Umgang zwischen den Geschlechtern) befolgt werden können.

„Hüter“ des jüdischen Glaubens

Die Beziehung der Haredim zum Staat Israel, der auf weltlichen Gesetzen und Prinzipien gründet, ist kompliziert. Einige haredische Gruppen sind ausdrücklich anti-zionistisch und begegnen den Behörden mit großem Misstrauen und Ablehnung. Die Chabad-Bewegung hingegen kooperiert in vielen Bereichen mit dem Staat, z.B. bei der Wehrpflicht. Andere wiederum, vertreten durch die Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum, beteiligen sich am politischen Leben. Viele Nicht-Haredim werfen diesen Parteien jedoch Klientelpolitik vor. Außerdem kritisieren sie, die Haredim würden sich nicht ausreichend in die Gesellschaft einbringen. Andere Nicht-Haredim sind ihnen jedoch wohlgesonnen und sehen sie als „Hüter“ des jüdischen Glaubens und der jüdischen Identität des Staates Israel.

(Foto: Shutterstock, Haredische Familie in Jerusalem)

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