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Die Tora – Wegweisung für ein Leben mit Gott

Die Tora – Wegweisung für ein Leben mit Gott

Denken in Kreisen - Jesus – Dreh- und Angelpunkt der Tora
Hanna Tischer, Hebräisch-Lehrerin und Referentin
Tora lesen im Buch mit Quaste

Im engeren Sinne bezeichnet das Wort „Tora“ die fünf Mose-Bücher der Bibel. Das hebräische Wort Tora wird in deutschen Bibeln fast überall mit „Gesetz“übersetzt. Doch die Bibel ist ein orientalisches Buch. Im hebräischen Denken beinhaltet Tora viel mehr als Regeln und gute Ordnungen Gottes für ein gelingendes Miteinander im Bund mit ihm und untereinander.

Denken in Kreisen
Menschen in der westlichen Welt sind es gewohnt, logische Zusammenhänge herzuleiten, sie folgen meist einem geradlinigen Denkweg mit einer abschließenden Definition. In der orientalischen Kultur werden keine geradlinigen kausalen Zusammenhänge gesucht. Stattdessen wird ein Thema wieder und wieder umkreist, wie bei der Wanderung um einen Berg. Bei jeder Runde wird Neues entdeckt, von jeder Seite zeigen sich andere Perspektiven und Facetten. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine tiefe Beziehung zu diesem „Berg“. In der orientalischen Kultur geht es vor allem um Beziehung. Abstraktes ist der Sprache fremd, die geprägt ist von Beziehungsworten und Beziehungsbildern. Beim Umkreisen eines Themas kann nur gesagt werden, wo man sich im Moment auf dieser Reise befindet. Es ist klar, dass man weiter damit unterwegs sein, damit wachsen wird. Beziehung bleibt immer im Werden. Nie muss es eine endgültige Definition geben.

Das Denken in Kreisen ist kindlich und demütig genug, um das Begrenzte der eigenen Wahrnehmung und weiteres Dazulernen zu akzeptieren, ebenso die unterschiedlichen Sichtweisen anderer Wanderer um den gleichen „Berg“. Und es lässt sich in sehr persönlicher Weise auf Begegnung mit einem Thema ein, es ist keine distanzierte Theorie und braucht kein abschließendes „So ist es!“. Dementsprechend ist auch der Begriff Tora nicht mit einer einmaligen Definition erklärbar, vielmehr lädt er auf eine Entdeckungsreise ein.

Zielgerichtet durchs Leben führen
Sprachlich ist Tora abgeleitet von der hebräischen Wurzel j-r-h –in eine Richtung zielen, werfen, verwandt mit den Worten horim – Eltern, und moreh, morah – Lehrer, Lehrerin.Schon hier wird deutlich, dass es nicht nur um Gebote und Verbote gehen kann. Eltern und Lehrer nehmen ein Kind an die Hand, um es ins Leben zu begleiten, und genau dazu hat Gott Tora gegeben. Wir können es besser mit Unterweisung, Lehreübersetzen.Tora ist Offenbarung Gottes, sei es in seinem Handeln an Menschen oder in der Festlegung dessen, was ihm wichtig ist. Die fünf Mose-Bücher erzählen von Gott als Schöpfer, Bundesgott, Erlöser, Versorger und davon, dass Gott Beziehung zu Menschen sucht, von seinen Wegen mit Noah, Abraham, Joseph, Mose und Israel.

Unterwegs sein mit Gott
In seinem Buch „Engel, Propheten und das gute Auge“ führt Horst Krüger aus, dass Tora weniger ein göttliches Gesetz ist als ein göttlicher Weg. Gehen mit Gott ist der älteste Ausdruck von Frömmigkeit, den wir bei Henoch, Noah und Abraham sehen. In 1. Mose 26,5 heißt es von Abraham, dass er Gottes Unterweisung (Tora) folgte, lange bevor das Gesetz am Sinai gegeben wurde. Auch Mose wollte Gottes Wege wissen: „‚Israel, was fordert der Herr … von dir, als … auf allen seinen Wegen zu gehen…‘“(5. Mose 10,12). In der Apostelgeschichte werden die Gläubigen ‚die des Weges sind‘genannt.

Geschenk Gottes
Juden feiern jedes Jahr zu Schawu´ot (Pfingsten) Gottes Geschenk der Tora am Sinai. Betrachten wir hier Tora im engeren Sinne als die „Gebote Gottes“, so fällt auf, dass sie nicht als Weg zur Erlösung gegeben wurden, sondern nach der Erlösung aus der Sklaverei in Ägyptens als Ausdruck der Freiheit und als Grundlage des gemeinsamen Weges im Bund mit Gott. Das Herzstück sind die „10 Worte“ (die hebräische Bibel nennt sie nicht die „10 Gebote“). Hier geht es um gelebte Beziehung mit Gott und untereinander. „Menschen brauchen für eine lebenswerte Gemeinschaft sittlich-moralische Regeln, darum lehrt die Tora Harmonie, Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Reinheit, Rücksichtnahme auf Frauen, Schwache und Arme, Respekt vor Eltern und Vorgesetzten“, erläutert Horst Krüger. Psalmendichter und Sänger wie David „lobten das Gesetz des Herrn in den höchsten Tönen und wachten nachts auf, um über sein Gesetz nachzudenken und sich darüber zu freuen.“ Noch heute tanzen die Juden am Tora-Freudenfest im Herbst mit den Torarollen und preisen Gottes Tora in ihren täglichen Gebeten.

Grundlage der Bibel
Tora bildet die Grundlage für alles, was danach kommt. Die Propheten rufen das Volk immer neu in ein Leben unter Gottes Tora zurück, die Psalmen singen davon. Auch der Neue Bund in Jesus baut auf dem Boden der Tora auf, geht nicht darüber hinaus, sondern vertieft, erfüllt und macht ein Leben in den Bahnen von Gottes Tora erst richtig möglich. In Jeremia 31,31ff. lesen wir, dass Gott im Neuen Bund seine Tora direkt in Israels Herzen hineinschreibt, dass er Menschen von innen heraus verändert und so befähigt, in seinen Wegen zu laufen. In diesen Bund sind wir aus den Nationen als Quereinsteiger mit eingeladen.

Jesus – Dreh- und Angelpunkt der Tora
Leider wird der Begriff Tora in der Septuaginta und im Neuen Testament mit dem griechischen Wort nómos – Gesetz wiedergegeben, wie Horst Krüger ausführt. Die wohltuende Weite von Tora geht dabei verloren. Zusätzlich verstehen wir nómos automatisch vom Gesetzesbegriff unserer heutigen Kultur her, der anders geprägt ist als die Lebensordnungen Gottes in der Bibel. Eine weitere Herausforderung für Bibelleser ist, dass Paulus mit nómos oft Tora meint, manchmal aber auch das pharisäische Religionsgesetz. Hier müssen wir gut auf den Kontext achten. Jesus sagte von sich, er sei nicht gekommen, die Tora aufzulösen, sondern zu erfüllen (Matthäus 5,17). Die rabbinischen Fachbegriffe „Tora erfüllen“ und „Tora auflösen“ bedeuten „Gottes Wort tun“ bzw. „nicht tun“. Jesus intensiviert die Tora sogar, indem er z.B. Ehebruch schon beim gedanklichen Begehren ansetzt. In der Bergpredigt beschreibt er ein Leben in Gottes Tora (Matthäus 5,3 ff). Und Paulus verkündet in Römer 10,4 den Messias als Ziel und Zweck der Tora, d.h. als ihren Dreh- und Angelpunkt.

In der Tora Gott begegnen
Ich möchte Sie ermutigen, wieder einmal die gesamte Tora zu lesen und dabei mit unserem Gott ins Gespräch zu kommen. Fragen Sie ihn nach seinem Herzschlag und seinen Absichten, um ihn tiefer kennenzulernen und neu ins Staunen zu kommen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dabei auf eine neue Art auch Jesus‘ Herzschlag entdecken und ihm begegnen!

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