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Fanny Ben-Ami rettete während des Holocausts 150 französischen Partisanen und 28 jüdischen Kindern das Leben – dabei war sie selbst noch ein Kind. Ein Rückblick auf das Leben der 93-jährigen israelischen Malerin und Autorin, die im Januar als Ehrengast der ICEJ nach Deutschland kam (siehe Seite 9) und vor über 2.000 Schülern als Zeitzeugin sprach.
Fanny kommt 1930 in Baden-Baden im jüdischen Elternhaus zur Welt als Tochter von Erich und Johanna Eil. Ihr Vater ist orthopädischer Schuster und sehr fromm. „Er war der beste Mensch der Welt“, betont Fanny Ben-Ami. 1933 flieht die Familie vor den Nationalsozialisten nach Paris. Doch 1939 lässt die französische Regierung jeden deutschen Mann als potenziellen Feind verhaften – auch deutsche Juden. Französische Polizisten poltert in die Wohnung. Erich Eil wird vor den Augen der Kinder verhaftet.
Die Mutter weint, die Kinder strecken verzweifelt ihre Hände nach dem Vater aus. Die Malerin Fanny Ben-Ami hält die Szene später in einem Bild fest. Der Vater schaut noch einmal zurück. Ein letzter Blick über die Schultern. „Bis heute sehe ich die Augen meines Vaters“, erzählt die Seniorin. Es bleibt ihre letzte Erinnerung an ihn.
1940 bringt die Mutter ihre drei Töchter in ein Kinderheim, ein einsames Schloss mitten im Wald. Es ist ein Versteck, in dem auch andere jüdische Kinder Zuflucht finden. Die einheimische französische Bevölkerung kennt das Geheimnis der „Kinder aus Paris“ und schützt sie. Man hält Sorgen und Ängste von ihnen fern. Lange erfahren sie nicht, dass sie hier versteckt werden. „Es war eine schöne, unbeschwerte Zeit“, blickt Fanny Ben-Ami zurück. „Wir haben fast den Krieg vergessen. Wir lasen deutsche und russische Literatur, sangen Lieder, hatten Zeichenunterricht.“ Im Sport ist Fanny unschlagbar, vor allem im Rennen. „Du hast Flügel unter deinen Füßen“, versichert ihr ein Lehrer immer wieder. „Dieses Lob hat mir später sehr geholfen“.
Ausgerechnet ein Kirchenmann zerstört diese Idylle. 1942 kommt ein neuer Pfarrer in den Ort, ein Anhänger der Nationalsozialisten. Er fordert die Polizisten auf, die Deutschen über die Anwesenheit der jüdischen Kinder zu informieren. Doch statt die Deutschen zu informieren, warnen die Polizisten das Waisenhaus. Die Kinder müssen fort.
Die Schwestern wollen zurück zur Mutter nach Lyon. Doch wenige Stunden vor ihrer Ankunft wird die Mutter verhaftet. Fanny Ben-Ami geht zur Polizeistation und fordert die französischen Wärter auf, die Mutter freizulassen. „Sie hat nichts gestohlen, niemanden ermordet. Es gibt keinen Grund, sie einzusperren“, hält das Mädchen den Polizisten vor. Die drohen, sie ebenfalls einzusperren, wenn sie nicht verschwindet. Aber Fanny ist hartnäckig. „Sperrt mich ein, wenn ihr wollt. Dann bin ich wenigstens bei meiner Mutter“, sagt die 13-Jährige. „Aber ihr seid keine echten Franzosen“, schleudert sie ihnen an den Kopf, „ihr seid Verräter. Wartet nur, was nach dem Krieg passiert!“ Die Männer sind vom Mut und Zorn des Kindes beeindruckt – und lassen die Mutter gehen.
Sie fliehen in die französischen Alpen, finden Unterschlupf in einem leerstehenden Hotel. Fanny trifft auf französische Widerstandskämpfer und versorgt die Männer künftig mit Brot vom örtlichen Bäcker, den die Partisanen für ihren Verbündeten halten – bis Fanny zufällig herausfindet, dass der Bäcker ein Spitzel der Deutschen ist. Sie warnt die Widerstandskämpfer und rettet damit 150 Partisanen das Leben. Dafür erhält sie nach dem Krieg die französische Ehrenbürgerschaft.
Fannys Mutter gelingt es, ihre drei Töchter zu einer Rettungsorganisation zu bringen, die jüdische Kinder in die Schweiz schmuggelt. Die Mutter selbst kann nicht mitkommen. Es wird eine traurige Trennung, erstmals erlebt Fanny ihre Mutter völlig mutlos. „Wer weiß, ob wir uns wiedersehen?“, zweifelte die Mutter beim Abschied.
Eine Fluchthelferin soll die 20 jüdischen Kinder begleiten. Doch als an einem Bahnhof immer mehr deutsche Soldaten auftauchen, weigert sich die Frau, weiterzugehen. Der Älteste der Gruppe, ein 17-Jähriger, bricht in Panik aus und rennt davon. Da übernimmt Fanny das Kommando und die Kinder folgen ihrer neuen Anführerin.
Sie brauchen einen weiterführenden Zug zum vereinbarten Treffpunkt mit den Schleusern. Während die Kinder sich verstecken, wagte Fanny, einen Gleisarbeiter um Hilfe zu bitten. Er hat Mitleid mit dem Mädchen. Als er vorschlägt, sie als blinde Passagierin in einen Postwagon zu schmuggeln, stimmt sie zu – und ruft ihre Gruppe herbei. „Das sind alles meine Kinder“, erklärt Fanny selbstbewusst dem sprachlosen Mann.
Beim Versuch, zur Grenze zu gelangen, werden die Kinder später von französischen Polizisten verhaftet und eingesperrt. Den Kindern gelingt es, durch ein kleines Toilettenfenster zu fliehen. Beim Marsch über Felder und Wälder befiehlt Fanny ihrer Gruppe, fröhliche Lieder zu singen. „Wer uns begegnete, dachte, wir seien auf einem Ausflug.“ Nach einigen Tagen stoßen sie wieder auf die Fluchthelfer – und auf weitere jüdische Kinder. 28 kleine entkräftete Flüchtlinge sind es jetzt, die Jüngste gerade einmal drei Jahre alt. Wieder wagt kein Erwachsener, die Gruppe zu führen. Also lässt Fanny sich erklären, wie sie die Kinder über die Grenze bringen soll.
Es gibt eine kurze Zeitspanne zwischen den Wachpatrouillen, die sie nutzen müssen. „Wir hatten 45 Minuten Zeit für eine Strecke von fünf Kilometern“, erinnert sich Fanny Ben-Ami. Die Kinder laufen so schnell sie können, die Großen nehmen die Kleinen huckepack. Zuletzt muss ein zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun überwunden werden, in den Schleuser zuvor ein Loch geschnitten hatten. „Dann rannten wir über das Niemandsland“.
Auf der Schweizer Seite bemerkt Fanny, dass ein Mädchen fehlt – die kleine Margalit. Fanny hetzt zurück und entdeckt das Kleinkind weinend unter dem Stacheldraht. Zeitgleich tauchen deutsche Soldaten auf. Die 13-Jährige presst das kleine Mädchen an ihre Brust, rennt zickzack zurück zur Schweizer Grenze, während die Wachleute auf sie schießen. Sie hört die Kugeln an ihren Ohren vor eipfeifen. Fanny ist körperlich am Ende, aber sie vertraut darauf: Ihre Füße haben Flügel. Sie schafft es über die Grenze – und bricht bewusstlos zusammen.
„Warum haben sie geschossen?“ Die Frage beschäftigt die Seniorin bis heute. „Sie haben doch gesehen, dass ich nur ein Kind bin, das ein anderes Kind trägt. Wie kann ein Mensch so handeln?“ Tiefe Verwunderung, nicht Hass oder Verbitterung, klingt in ihrer Stimme mit.
Als sie ein kleines Kind war, schenkten ihr die Großeltern ein Vögelchen. Fanny ließ den Vogel fliegen, als sie erfuhr, dass sie ihr Zuhause verlassen musste. „Wenn ich zurückkomme, kommst du auch zurück“, gab sie ihrem Vogel mit auf den Weg. Alles wird wieder wie früher – dieser Gedanke half ihr, durchzuhalten in den folgenden schweren Jahren.
„Der Vogel war gelb“, erinnert sich die Seniorin. Er kam nicht zurück. Auch die Eltern nicht. Der Krieg war vorbei, aber nichts wurde wie früher. Nichts wurde so, wie es einmal war. Fanny verließ Europa, zog nach Israel, heiratete, bekam zwei Kinder und Enkelkinder, in denen sie Charakterzüge ihrer Eltern wiederentdeckte. Jahrzehntelang konnte sie nicht über ihre Vergangenheit sprechen. „Weil alles wieder da ist, wenn man erzählt“, erklärt die Seniorin.
„Die Seele meiner Mutter ist durch den Kamin von Auschwitz gezogen“, sagt Fanny und schweigt einen Moment. „Das ist meine Shoa. Bis heute“.
Fanny Ben-Amis abenteuerliche Flucht wurde unter dem Titel „Fannys Reise“ verfilmt.
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