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Der Alltag eines orthodoxen Juden wird von vielen Gebeten bestimmt – zusätzlich zu den drei langen Hauptgebeten am Morgen, am Mittag/Nachmittag und am Abend. So beginnt bereits jeder Tag mit einem kurzen Segensspruch unmittelbar nach dem Erwachen, denn noch ehe ein anderes Wort gesprochen wird, soll der Mund des Gläubigen dem HERRN die Ehre erweisen.
Über den Tag verteilt folgen Gebete vor und nach dem Essen und Trinken, Reisegebete, Gebete zum Händewaschen und Gebete bei glücklichen oder unglücklichen Ereignissen, Gebete bei guten Nachrichten und bei schlechten Nachrichten. Es gibt sogar ein Gebet, das nach jedem Gang zur Toilette gesprochen wird.
Auch im Judentum kennt man das freie Gebet. Doch gerade die vielen über den Tag verteilten vorgeschriebenen Gebete sollen den Beter immer wieder neu auf Gottes Gegenwart hinweisen. Denn nicht nur der Sabbat, sondern auch der Alltag soll mit Gott gelebt und erlebt werden. Die festen Gebete erinnern daran: ER ist gegenwärtig – in jedem Moment, bei jedem Ereignis, an jedem Ort.
Die Aufgabe des orthodoxen Beters ist es, sich auf jedes einzelne Wort der vorgeschriebenen Verse zu konzentrieren, um es zum eigenen, innigen Reden mit Gott zu machen. Die rituellen Gebete enthalten Lob, Dank und Bitten und helfen dem Beter, sich während der Gebetszeit ganz auf die Ehrfurcht und Liebe zu Gott zu fokussieren, ohne inhaltlich etwas zu vergessen.
Die festen Gebete bieten außerdem die Möglichkeit, Gott zu preisen und zu danken, selbst wenn der Beter einmal schwere Zeiten durchlebt und vielleicht keine eigenen Worte für Lobpreis und Dank finden kann.
Besonders deutlich wird dies im Kaddisch. Obwohl Kaddisch als Gebet der Trauernden bekannt ist und von Juden vor allem für ihre verstorbenen Eltern gesprochen wird, handelt es sich inhaltlich um ein reines Lobpreisgebet. Kaddisch ist eine innige, ja beinahe trotzige Demonstration des Vertrauens, ein öffentliches Bekenntnis zum Glauben an IHN, den Heiligen, trotz Kummer und Schmerz. So wie Hiob angesichts seines Unglücks sprach: „Der Herr hat gegeben, der HERR hat genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (Hiob 1,21; SLT)
Erhoben und geheiligt ist SEIN großer Name!
ER ist erhoben und geheiligt in der Welt, die von ihm erschaffen wurde nach seinem Willen.
SEIN Königreich soll herrschen in Eurem Leben, in Euren Tagen und im Leben des ganzen Volkes Israel. SEIN Königreich soll in Bälde schon über uns herrschen. Sprecht dazu: Amen!
SEIN großer Name sei gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit, für alle Zeit.
Gepriesen sei ER. ER sei gerühmt. ER sei verherrlicht. ER sei erhoben und erhöht.
Der Name des Heiligen sei gefeiert, hoch erhoben und gepriesen.
Der Name des Heiligen sei hoch gelobt über jedem Lobpreis und Gesang, über alle Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde.
Sprecht dazu: Amen!
Möge die Fülle des himmlischen Friedens und Leben auf uns liegen und auf ganz Israel.
Sprecht dazu: Amen!
Der Friede schafft in seinem Himmelreich, der schaffe auch Frieden für uns und für ganz Israel.
Sprecht dazu: Amen!
Immer schon wurde Gott in der Geschichte Israels auch mit Musik und Liedern angebetet, von Männern ebenso wie von Frauen. So griff beispielsweise Moses Schwester Mirjam zur Pauke und stimmte ein Loblied an zur Ehre Gottes, nachdem das Volk Israel den Ägyptern entkommen war (2. Mose 15.20). Auch am Sabbat wird viel gesungen. Musikinstrumente zu spielen ist an diesem Tag jedoch verboten.
Mindestens zehn Beter sollen für die drei täglichen jüdischen Hauptgebete versammelt sein. Damit bilden sie ein Minjan, eine Betgemeinde. Warum sollen es ausgerechnet zehn Beter sein? Diese Zahl basiert auf der Erzählung im 1. Buch Mose 18. Als Gott gegenüber Abraham die Vernichtung der gewalttätigen, sündhaften Städte Sodom und Gomorra ankündigt, ringt Abraham Gott die Zusage ab, die Städte zu verschonen, wenn 50 Gerechte darin gefunden werden. Ermutigt von Gottes Entgegenkommen, beginnt Abraham zu handeln: Ob nicht auch 45 Gerechte ausreichen? Vielleicht schon 40, 30 oder gar nur 20? Bis auf zehn Gerechte „handelt“ Abraham schließlich die Grenze für Gottes Gerichtshandeln an Sodom in seiner Fürbitte „herunter“. Und Gott willigt ein: Zehn Gerechte reichen aus, um eine ganze Stadt voller Bosheit und Gewalt vor dem Untergang zu bewahren. Die zehn Beter – ein Minjan – stehen mit ihrer Gebetsgemeinschaft symbolisch für ihre Stadt ein und sollen Gott an seine Zusage erinnern.
Vor dem Genuss von Speisen oder Getränken wird ein kurzer Segen gesprochen. Je nach Art der Speise oder des Getränks gibt es unterschiedliche Segensverse. Dabei gilt nicht etwa Fleisch, sondern Brot als wichtigstes Nahrungsmittel im Judentum. Eine Mahlzeit gilt nur dann als vollwertig, wenn Brot dazu gereicht wird. Der Segen, der über dem Brot nach einer rituellen Handwaschung gesprochen wird, lechem min ha-arez, gilt als höchster und wichtigster Speisesegen. Im Judentum findet das eigentliche Tischgebet, der Dank für die Speise, allerdings nicht vor, sondern erst nach dem Essen statt – weil es im 5. Buch Mose heißt: „Und wenn du gegessen hast und satt geworden bist, dann sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.“ (5. Mose 8,10; SLT)
Auch hier variiert die Art des Dankgebets, abhängig davon, welche Lebensmittel man gegessen hat. Das aufwendigste Dankgebet steht an, wenn bei der Mahlzeit auch Brot verzehrt wird. Dann wird birkat hamason gesprochen, ein sehr langes Gebet, nach einer weiteren rituellen Handwaschung. Der Esstisch hat im Judentum übrigens einen hohen Stellenwert, denn er gilt als Symbol für den Altar, der früher im Tempel stand. Ein orthodoxer Jude setzt sich deshalb niemals auf einen Esstisch.
Baruch ata Adonai, Elohejnu melech ha-olam, ha-mozi lechem min ha-arez.
Gepriesen bist du, Adonai, unser Gott, König der Welt, der hervorbringt Brot aus der Erde.
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