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„Der HERR hebe sein Angesicht über dich …“, heißt es im Aaronischen Segen, der traditionell in vielen Gottesdiensten ausgesprochen wird. Doch die deutsche Übersetzung „Angesicht“ offenbart nur einen Bruchteil dessen, was das hebräische Wort פנים („Panim“) tatsächlich bedeutet.
Zur Besonderheit der hebräischen Sprache gehört, dass einige wenige Nomen ausschließlich im Plural zu finden sind. Zu diesen außergewöhnlichen Nomen gehört das hebräische Wort für Gesicht oder Angesicht: פנים („Panim“). Zu erkennen ist die (männliche) Pluralform an der typischen Mehrzahl-Endung ים („im“).
Im jüdischen Denken gibt es mehrere Theorien, warum „Angesicht“ in der Mehrzahl verwendet wird. Die gängigste Erklärung lautet, dass es nicht möglich ist, das Gesicht eines Menschen nur mit einem einzigen, in sich abgeschlossenen Begriff zu beschreiben, weil sich das Gesicht ständig ändert. Eben noch kann es Liebe ausdrücken, im nächsten Moment Gleichgültigkeit, Schmerz oder Zorn, abhängig von verschiedenen Stimmungslagen, Gedanken und Situationen.
Die hebräische Bedeutung dieses besonderen Wortes beinhaltet aber mehr als nur eine oberflächliche Betrachtungsweise. „Panim“ kann im jüdisch-orthodoxen Verständnis als die ganze Persönlichkeit verstanden werden. Und das beschränkt sich nicht nur auf Personen. „Panim“ wird auch für Gegenstände verwendet – beispielsweise in der Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1,2. Hier heißt es wörtlich: „Dunkelheit bedeckte die Gesichter der Tiefe“ und ein „Wind Gottes wehte über den Gesichtern der Wasser“.
Mehr als nur ein einziges Gesicht – dies trifft nach hebräischem Verständnis auch auf Gott zu. Wann immer in der Bibel vom Angesicht Gottes die Rede ist, geht es wortwörtlich also nicht nur um ein einziges Gesicht, sondern um mehrere Gesichter, um das ganze Wesen Gottes.
Das bedeutet: Ein Gottesbild, das den Schöpfer der Welt auf einen harmlosen „lieben Gott“ reduziert, entspricht definitiv nicht der ganzen Fülle des Wortes „Angesichter“. Und daraus wiederum lässt sich schlussfolgern: Gott kann in vielfältiger und verschiedener Weise im Leben eines Menschen erscheinen. In Herrlichkeit und Pracht oder in Schmerz und tiefstem Leid. Er ist Friedensfürst UND Kriegsherr. Jesus fand mitunter harte Worte und jagte kurzerhand die Händler aus dem Tempel (Matthäus 21,12).
„Suchet meine Angesichter“, fordert Gott in Psalm 27,8 ausdrücklich auf. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat (Vergl. 1. Mose 1,27). Deshalb beinhalte die Aufforderung Gottes in Psalm 27 in diesem Verständnis auch den Auftrag, Gottes Angesichter in den Angesichtern anderer Menschen zu suchen – in allen Ausdrucksformen.
Über die tiefe Bedeutung des Wortes „Panim“ lehrte der 2001 verstorbene lutherische Pfarrer Richard Wurmbrand in Predigten mit einer Episode seines Lebens. Richard Wurmbrand entstammte einer deutsch-jüdischen Familie. Im Alter von 28 Jahren kam er zum Glauben an Jesus. Er verstand es, die kirchliche Lehre mit seiner jüdischen Prägung zu bereichern wie kaum ein anderer Theologe. Als Christ wurde er vom damals kommunistischen Regime in Rumänien zum Staatsfeind erklärt, inhaftiert und gefoltert. Pfarrer Wurmbrand verbrachte 14 Jahre im Gefängnis, einige davon in Isolationshaft. Immer wieder versuchten die Wärter, ihn vom Glauben abzubringen.
Eines Tages legte ein Verhörbeamter eine Bibel vor Pfarrer Wurmbrand auf den Tisch. „Glaubst du, dass das Gottes Wort ist?“, fragte sein Peiniger. „Es ist die Wahrheit“, bestätigte Pfarrer Wurmbrand.
Da ließ der Verhörbeamte den Pfarrer in einen Taschenspiegel blicken. Und zum ersten Mal nach vielen Jahren sah der Gefangene wieder sein eigenes Gesicht. Ausgezerrt, mager, bleich, um Jahrzehnte gealtert, mit eingefallenen Augen und ausgeschlagenen Zähnen. Wurmbrand erschrak zutiefst vor dem, was er da sah. Der Beamte bemerkte es mit Genugtuung. „Stimmst du mir zu, dass du wirklich hässlich bist?“, fragte er den Gefangenen.
Pfarrer Wurmbrand bestätigte: „Ich habe nie einen hässlicheren Menschen gesehen“.
Der Verhörbeamte schob nach: „In der Bibel steht, dass Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Ist das wahr?“
„Es ist wahr“, bestätigte der Gefangene.
„Dann schau dir an, wie fürchterlich hässlich dein Gott ist!“, triumphierte der Folterknecht.
Kann Gottes Angesicht hässlich sein? Kann es sein, dass Gottes Angesicht über dem Leben eines Menschen erstrahlt, sich aber aus menschlicher Sicht so abschreckend manifestiert, dass man den Anblick kaum erträgt?
„Mein Gesicht ist hässlich. Aber mein hässliches Gesicht ist trotzdem das Gesicht Gottes, der mich liebt“, beharrte Pfarrer Wurmbrand gegenüber dem Verhörbeamten zu dessen Überraschung. „Denn es ist das Gesicht Gottes, das auf Golgotha stirbt“, belehrte der Gefangene dann seinen Peiniger. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, versicherte Jesus seinen Nachfolgern (Johannes 14,9). „Jesu Angesicht war bespuckt und zerschlagen, mit Tränen und Blut verschmiert, schmerzverzerrt und auch voller seelischer Pein“, fuhr Pfarrer Wurmbrand fort. „Dieses Gesicht war nicht schön. Aber es gehörte zu Gottes Gesichtern.“
In Glück, Wohlstand und Gesundheit ist es leicht, Gottes Angesicht über dem eigenen Leben zu erkennen, erinnerte der Pfarrer in Predigten nach seiner Haftentlassung: „Aber womöglich ist es gerade Gottes leidendes Gesicht, mit dem du als Christ der Krankenpflegerin begegnen sollst oder dem Gefängniswärter, um sie zu Ihm zu führen.“ Doch eines verbinde alle Gesichter Gottes, bezeugte der Geistliche: Selbst hinter den hässlichsten und traurigsten Gesichtern Gottes zeige sich Seine Liebe und Güte – auch in Folter und Gefangenschaft.
Für den Alltag erteilte Pfarrer Wurmbrand jedem Christen einen sehr praktischen Rat zur Bedeutung des hebräischen Wortes „Panim“. „Du musst nicht verbittert sein“, ermahnte der Geistliche, der auch im größten Leid nicht nie aufhörte, Gottes Güte zu preisen und die „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ gründete. „Du hast viele Gesichter. Wähle ein anderes Gesicht! Entscheide dich für ein fröhliches Gesicht, das weiß, dass unser Herr den Kampf bereits gewonnen hat!“
„So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ 4. Mose 6,23-27
… ist der priesterliche Segen, den die Nachkommen Aarons, die „Kohanim“, über dem Volk Gottes aussprechen sollen. Dies wird in jüdisch-orthodoxen Gemeinden unterschiedlich gehandhabt. In manchen Gemeinden wird der Priestersegen täglich in den Gebetszeiten integriert, in anderen nur an Schabbat und Feiertagen. Zu den jüdisch-biblischen Feiern Pessach und Sukkot (Laubhüttenfest) versammeln sich seit 1970 Kohanim aus aller Welt an der Klagemauer, um gemeinsam mit erhobenen Händen dem Volk Israel den priesterlichen Segen zu spenden.
In vielen jüdischen Familien ist es außerdem üblich, freitagabends vor dem Schabbat-Essen den Aaronischen Segen über jedem Kind einzeln auszusprechen. Traditionell ist das die Aufgabe des Vaters, der hier die priesterliche Rolle übernehmen darf.
Feste Israels von Jurek Schulz
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Hier finden Sie gut verständlich und übersichtlich die Schwerpunkte der einzelnen jüdischen Feste dargestellt. Es wird aufgezeigt, wie der jüdische Kalender entstand, woran die biblischen Feste erinnern und welche Verheißungen durch Jesus den Messias bereits erfüllt sind. Dieses Buch kann zu einem geistlichen Segen für jeden Leser werden. Im Buch ist auch ein biblisch-jüdischer Jahreskalender enthalten.
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