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Wer ein Menschenleben rettet, rettet eine ganze Welt, lehrt der Talmud.
Was ist die tiefere Bedeutung dahinter? Gedanken über Leben und Tod, Sterbehilfe, Terror und Toleranz aus jüdischer Sicht.
Am Anfang lebten nur vier Menschen auf dieser riesigen Welt: Adam und Eva, Kain und Abel.
Kain ermordete Abel.
„Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ (1. Mose 4,8)
Ein einziger Mensch ermordete 25 Prozent der gesamten Bevölkerung! Und Kain ermordete nicht nur Abel, sondern auch alle Nachkommen Abels.
In Israel sind wir oft unterschiedlicher Meinung. Das ist wie in einer Familie. Da wird lebhaft diskutiert, manchmal gibt es sogar heftige Streitigkeiten. Aber wenn es wirklich um Leben geht, um Menschen, lässt man die unterschiedlichen Ansichten beiseite und steht zusammen.
In der Not stehen wir zusammen, das hat man am 7. Oktober 2023 gesehen, am Tag des Terrorüberfalls auf Israel – obwohl es am 6. Oktober 2023 noch heftige politische Diskussionen im Land gegeben hatte. Auch jetzt gibt es wieder große politische Diskussionen. Aber Menschenleben zu retten ist wichtiger als jede Politik.
Nach jüdischem Glauben hat jeder Mensch eine bestimmte Aufgabe zu erledigen. Wir alle kommen auf diese Welt, um einen Auftrag G’ttes zu erfüllen. Kern unserer Aufgabe ist es, mehr G’ttlichkeit auf diese Welt zu bringen. Deshalb ist jedes Menschenleben so besonders.
Ein Mensch kann in jeder Sekunde G’ttlichkeit verbreiten und die göttliche Gegenwart (Schechina) sichtbar machen – durch ein freundliches Lächeln, durch das Einhalten der Gebote (Mizwot), durch ein Gebet oder ethisches Handeln zum Beispiel. Deshalb ist jede Sekunde unseres Lebens kostbar und wichtig!
Weil jede Sekunde zählt, darf ein Mensch nach jüdischem Glauben seinen Tod nicht beschleunigen, nicht um eine einzige Sekunde, auch wenn er schon im Sterben liegt. Denn auch noch in der letzten Sekunde könnte er etwas bewältigen oder bewirken und Licht in die Welt bringen.
In unserer Synagoge in Ulm empfangen wir viele Besuchergruppen. Die häufigste Frage, die mir von Besuchern gestellt wird, lautet: „Was passiert mit uns nach dem Tod?“ Viele Menschen scheinen sich im Alltag mit dieser wichtigen Frage zu beschäftigen.
Was sagt die Tora dazu? Erstaunlicherweise beschäftigt sich die Tora vor allem mit dem Leben in dieser Welt! Das Judentum ist eine Religion des Lebens – in dieser Welt.
Die Versprechen, die G’t uns gibt, wenn wir seinen Gesetzen folgen, sind keine Versprechen für die Ewigkeit, sondern für unser irdisches Leben. Sie verheißen Kindersegen, Regen, fruchtbares Land, Frieden ...
„Werdet ihr in meinen Satzungen wandeln und meine Gebote halten und tun, so will ich euch Regen geben zur rechten Zeit und das Land soll seinen Ertrag geben und die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen. Und die Dreschzeit soll reichen bis zur Weinernte, und die Weinernte soll reichen bis zur Zeit der Saat. Und ihr sollt Brot die Fülle haben und sollt sicher in eurem Lande wohnen. Ich will Frieden geben in eurem Lande …" (3. Mose 26,3)
Es geht in der Tora sehr viel um materiellen Segen in unserem Alltag. Denn G’t hat offenbar Interesse an unserem Leben hier, an unserer Arbeit, an dem, was wir hier auf der Welt tun und wie wir es tun. Ob wir G’ttes Gebote beachten, hat ganz direkte Auswirkungen auf unser (materielles) Leben und die Gegenwart, sagt die Tora.
Wenn du nach G’ttes Geboten lebst, ist es für dich, für deine Familie und für deine Umgebung gut. Es ist wichtig im Hier und Jetzt. Wir sollen gute Menschen sein – nicht, weil wir dann irgendwann im „Jenseits“ vielleicht eine gute Belohnung bekommen, sondern weil wir mit jeder guten Tat ein Stück G’ttlichkeit auf die Welt bringen, ein Stück Heilung, ein Stück Himmel auf Erden.
Die Tora bleibt nicht im Himmel. Die Tora kam am Berg Sinai vom Himmel hinunter auf die Erde zu den Menschen. Mose brachte sie hinunter, damit wir uns hier in der Welt mit G’ttes Willen beschäftigen können.
Eine andere Frage, die ich von nichtjüdischen Besuchern häufig höre, lautet: Können Juden in Deutschland noch sicher leben?
Ich gebe diese Frage zurück. Ich frage Sie: Können wir alle denn noch sicher in Deutschland leben, in Europa? Denn es geht längst nicht nur mehr um das Leben der jüdischen Bürger, es geht nicht nur um Antisemitismus. Der Fundamentalismus und Extremismus ist kein jüdisches Problem. Auch Weihnachtsmärkte, Flughäfen und Fußgängerzonen müssen geschützt werden. Die Terrorgefahr ist ein gesellschaftliches Problem geworden.
Wie geht man mit der Bedrohung um? Die Reaktion darf nicht Rückzug sein. Nach dem Brandanschlag auf unsere Synagoge in Ulm war die erste Erkenntnis, zu der ich und andere Gemeindemitglieder kamen: Wir waren wohl nicht aktiv genug. Unsere Gemeinde war offenbar nicht sichtbar genug in der Gesellschaft, deshalb war Platz für diesen Anschlag. Also ist es unsere Aufgabe, präsenter zu werden und auch mehr Besucher für den Gottesdienst zu gewinnen.
Es gibt Dunkelheit in unserer Welt. Aber diese Dunkelheit wird nicht mit mehr Dunkelheit besiegt, sondern mit Licht.
Was ist das Wichtigste für unsere Gesellschaft heute? Respekt gegenüber Menschen, die anders denken! Es geht nicht um Juden, es geht nicht um Muslime, nicht um Christen, andere Kulturen oder Herkunft. Menschen, die anders denken, verdienen unseren Respekt – generell.
Selbst wenn ich der Meinung bin, dass es total dumm ist, was der andere sagt. Ich muss nicht seine Meinung teilen. Ich muss auch nicht mit diesem Menschen zusammenleben, aber ich muss neben den Menschen mit Respekt leben.
Das klingt nach sehr wenig. Aber wenn wir erreichen, dass wir alle nebeneinander mit vollem Respekt leben, dann werden wir erreichen, dass Synagogen weniger Sicherheitsvorkehrungen brauchen, genauso wie Flughäfen und Weihnachtsmärkte.
Wenn wir Menschen einfach respektieren, dann wird unser Leben angenehmer und friedlicher sein.
Schalom.
Liebe Leser, die Schreibweise „G_tt“ wird im orthodoxen Judentum aus Respekt vor dem Ewigen verwendet, um zu vermeiden, dass Sein Name beschmutzt oder missbraucht werden kann.
Shneur Trebnik lebt in Ulm. Er ist Gemeinde-Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), zuständig für Ost-Württemberg und Polizeirabbiner für ganz Württemberg. Rabbiner Trebnik wurde 1975 in Kfar Chabad in Israel geboren, wo bereits sein Urgroßvater und sein Großvater als Rabbiner tätig waren. Lehrvideos von Rabbiner Trebnik gibt es auf YouTube („Jüdische Weisheiten“).
Ein Gebetsbuch ist der beste Zugang, um einen Einblick in die Seele des jüdischen Glaubens zu erhalten und zugleich ein Zeugnis der täglichen Kämpfe, die in dieser Seele stattfinden. Hier eröffnet sich die reiche Tradition des jüdischen Gottesdienstes in einer leicht erschließbaren Form und einer ausdrucksvollen deutschen Übersetzung, die die poetische Sprachkraft des Originals bewahrt.
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Auszug aus dem Wort aus Jerusalem: "Zion: Segen oder Ärgernis?"
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