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Juden in Deutschland: Haskala und Assimilation

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
Ester Heinzmann
Gemälde, an einem Tisch in einem Privathaus sitzen zwei Männer, links Moses Mendelssohn, rechts, ihm gegenüber, sitzt Johann Caspar Lavater. Er hat ein Buch auf den Tisch gelegt und lehnt sich während einer scheinbar intensiven Diskussion über den Tisch. Links hinter Mendelssohn steht ein Freund von ihm, Gotthold Ephraim Lessing, und beobachtet die Diskussion skeptisch. Eine Frau, vermutlich Mendelssohns Ehefrau Fromet, tritt im Hintergrund durch eine Türe, in ihrem Händen hält sie ein Teetablett.

Um 1650 lebten ca. 60.000 Juden im Heiligen Römischen Reich. Weiterhin waren sie Vertreibung und Verfolgung ausgesetzt, die meistens regional in Erscheinung traten. Eine strenge Gesetzgebung regelte ihre Rechte in den jeweiligen Territorien, einschließlich ihres Aufenthalts- und Erwerbstätigkeitsrechts.

Zwar waren sie dem Schutz des jeweiligen Landesherrn unterstellt, mussten jedoch hohe Steuern zahlen und waren mit Berufsbeschränkungen belegt, wodurch sie meist nur als Geldverleiher oder Trödel- und Hausierhändler tätig sein konnten.

Die Mehrheit der Juden in Deutschland wohnte im 17. und 18. Jahrhundert in ländlichen Gegenden, wo sie sich in sogenannten „Landjudenschaften“ organisierten. In den Städten lebten Juden meist unter sich, in den „Judenvierteln“. Hier befanden sich Synagoge und Mikwen (jüdische Ritualbäder), außerdem waren jüdische, und somit koschere Lebensmittel leicht zugänglich. Abgesehen von geschäftlichen Kontakten gab es kaum Begegnungen oder gar Beziehungen zwischen Juden und Christen.

„Assimilation“ der Juden in Deutschland

Als im 18. Jahrhundert Deutschlands Intellektuelle von der Aufklärung erfasst wurden, hinterfragten viele auch die in der Gesellschaft tiefsitzende, von Vorurteilen geprägte negative Einstellung gegenüber Juden. Zwar lehnten sie viele Vorurteile nicht grundsätzlich ab. Sie betrachteten die den Juden zugeschriebenen negativen Eigenschaften jedoch als ein Resultat der erlebten Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft. Ihrer Ansicht nach würde ein Ende der staatlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung die „Assimilation“, die „Anpassung“ der Juden an die christliche Mehrheitsgesellschaft, begünstigen. Sobald diese vollzogen sei, sollte man sie zu gleichberechtigten Bürgern machen.

Dies war auch eine Forderung des preußischen Diplomaten Christian Wilhelm von Dohm 1781in seinem Werk „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. Er gestand den Juden zu, dass sie bei „strenger Befolgung“ ihrer Religion „gute Bürger“ sein könnten. Dass sie seit Jahrhunderten trotz Verfolgung und Martyrium an ihrem Glauben festhielten, sei ein Zeichen „standhafter Beharrlichkeit“ und „Festigkeit“, die ihnen „hochzuachten“ sei. Dohm hob hervor, dass die jüdische Gemeinde sich ihrer Armen annehme und dem „Staat nicht zur Last falle“, sondern ihm „überall ergeben“ sei.

Haskala: Die jüdische Aufklärung

Wenige Jahrzehnte nach Beginn der Aufklärung wurde auch der jüdische Bevölkerungsteil von dieser Entwicklung erfasst. Eine eigene Form des „vernunftgeleiteten Denkens“ entstand: die Haskala. Zentrales Anliegen der Maskilim (Aufklärer) war eine „Verbesserung“ des Judentums. Mithilfe eines neuen philosophischen Verständnisses des Judentums, das auf dem Vernunftgedanken und nicht mehr auf dem Glauben gründen sollte, sowie weltlicher Schul- und Berufsbildung sollte die jüdische Bevölkerung zu „nützlichen“ Bürgern „erzogen“ werden.

Der bedeutendste deutsche Vertreter der Haskala war der Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786). Mendelssohn, der vermutlich als Vorbild für Gotthold Ephraim Lessings Protagonist in „Nathan der Weise“ diente, veröffentlichte 1780-1783 eine Ausgabe der Thora in deutscher Sprache – in hebräischer Schrift. Damit ermöglichte er den jiddisch-sprachigen Juden Europas, durch das Studium der Thora Deutsch zu lernen.

Jüdische Salonnières

Im Zeitalter der Aufklärung entstanden vor allem in Berlin literarische Salons, in denen sich christliche und jüdische Intellektuelle – Männer und Frauen – zu Diskussionen, Lesungen und musikalischen Vorstellungen trafen. Viele der Gastgeberinnen, sogenannte Salonnières, waren wohlhabende jüdische Frauen, wie z.B. Henriette Herz (1764-1847) und Amalie Beer (1767-1854). Von den Überlegungen dieser intellektuellen Elite, das negative Judenbild in Frage zu stellen und Wege zu finden, wie Juden in die Gesellschaft integriert werden könnten, wurde die Mehrheitsgesellschaft mit ihren jahrhundertealten antijüdischen Vorurteilen jedoch kaum beeinflusst.

Reformjudentum und Konversion

Sein Leben lang hatte Moses Mendelssohn an die fortdauernde Gültigkeit des jüdischen Religionsgesetzes geglaubt und selbst an der orthodoxen Glaubensausübung festgehalten. Er sowie andere Maskilim seiner Generation hatten jedoch einen Prozess in Gang gesetzt, der nach und nach zur Abwendung von überlieferten Traditionen, zur Entstehung eines an die deutsche Kultur angepassten Judentums (das Reformjudentum) und zu einer noch weitergehenden Assimilation führte: Als Zeichen der Annäherung an die deutsche Kultur und um ihren gesellschaftlichen Aufstieg zu begünstigen, konvertierten im 19. Jahrhundert viele Juden zum Christentum. Einer von ihnen war der als Harry Heine geborene Dichter und Journalist Christian Johann Heinrich Heine. Die erhoffte Akzeptanz hielt sich jedoch in Grenzen und Heine bekannte in späteren Jahren seine Nähe zum Judentum. Der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy, ein Enkelsohn Moses Mendelssohns, wurde als Kind evangelisch getauft und erzogen.

(Foto: Wikimedia Commons, Moritz Daniel Oppenheim, "Der Lavater-Streit": v.l.n.r. Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Caspar Lavater)

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