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Messianische Gemeinden: Zeichen unserer Zeit

Die messianischen Gemeinden: Zeichen unserer Zeit

Die Geschichte der messianischen Gemeinden. Von der Zeit Jesu bis heute.
Dr. Jürgen Bühler, ICEJ-Präsident
Rechts unten im Bild steht eine Armee auf einem Felsplateau, bereit zum Kampf mit Schilden, Speeren, Schwertern und Pfeil und Bogen. Vor ihnen liegt Jerusalem, an den Stadtmauern wird gekämpft und von der rechten Seites des Bildes aus breitet sich ein großer Brand in der Stadt aus.

„Ihr Christen wart Zionisten – noch vor uns Juden. Es ist wichtig, das anzuerkennen.“ Das sagte der ehemalige israelische Premierminister Benjamin Netanjahu im Juni beim Jerusalemer Gebetsfrühstück in der Knesset.

Christlicher Zionismus

In der Tat waren es vor allem protestantische und evangelikale Theologen und Pastoren, die nach der Reformation erstmals öffentlich für eine nationale Wiederherstellung Israels eintraten. Puritaner, böhmische Brüder, Methodisten, Pietisten, die Pfingstbewegung und andere Erweckungsbewegungen – sie alle glaubten an die künftige Rückkehr des jüdischen Volkes in sein uraltes Heimatland. Infolge der Reformation erhielten selbst gewöhnliche Christen Zugang zur Heiligen Schrift in ihrer eigenen Sprache. Auf diese Weise wurden grundlegende biblische Wahrheiten wiederentdeckt, darunter die verheißene Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land seiner Vorväter.

Zurück zu den jüdischen Wurzeln

Mit der zunehmenden Verbreitung des Wortes Gottes wuchs v.a. in Europa und Nordamerika die Erkenntnis der zentralen und andauernden Rolle Israels in der Heilsgeschichte. Parallel dazu entstand ein neues Interesse an den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens. An vielen theologischen Fakultäten Europas beschäftigte sich die Forschung mit dem Alten Testament und dem Talmud. In Großbritannien hatten die Werke von John Gill (1697-1771) und Bischof J.B. Lightfoot (1828-1889) großen Einfluss: Ihre Bibelkommentare enthielten zahlreiche rabbinische Lehren und wurden von vielen Christen gelesen.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde an mehreren deutschen Universitäten ein „Institutum Judaicum” eingerichtet. Das bekannteste befand sich in Leipzig, gegründet unter dem Einfluss von Franz Delitzsch (1813-1890), dessen Kommentar zum Alten Testament heute noch gelesen wird. Delitzsch ist auch dafür bekannt, dass er das Neue Testament erstmals ins Hebräische übersetzte – und dies Jahrzehnte bevor Elieser Ben Jehuda die hebräische Sprache neu belebte.

Der Oxford-Gelehrte Alfred Edersheim trug ebenfalls zum wachsenden Verständnis der hebräischen Wurzeln des Christentums bei. Edersheim war Sohn einer Rabbiner-Familie und wurde im Talmud unterwiesen, konvertierte aber später und trat einer reformierten schottischen Kirche bei. Sein wegweisendes Werk „The Life and Times of Jesus the Messiah“ (Das Leben und die Zeit Jesu, des Messias) bereicherte das christliche Verständnis der jüdischen Identität Jesu und der Evangelien.

Ein neues Phänomen: Messianische Gemeinden

Es war diese wiederentdeckte jüdische Identität Jesu und der Urgemeinde, die dazu führte, dass in christlichen Kreisen ein weiteres Phänomen auftrat: Viele Juden glaubten, dass Jeschua (Jesus) ihr lang erwarteter Messias war, behielten ihre jüdischen Traditionen aber bei. In den vorangegangenen Jahrhunderten hatte man die wenigen Juden, die zum Glauben an Jesus kamen, in der Regel gezwungen, ihre jüdische Identität aufzugeben. Seit den frühen ökumenischen Konzilen war es ihnen untersagt, eine Synagoge zu besuchen, jüdische Traditionen zu wahren oder jüdische Feiertage zu feiern – einschließlich des Schabbats.

Mit der Wiederentdeckung der jüdischen Identität Jesu und der Apostel wuchs auch die Erkenntnis, dass die Gläubigen des ersten Jahrhunderts nicht einer „christlichen Religion“ beigetreten waren, sondern dass sie vielmehr Juden waren, die glaubten, dass Jeschua der Messias ist. Einer der ersten, der dies zum Ausdruck brachte, war 1882 Joseph Rabinowitz, Sohn einer jüdisch-orthodoxen Familie, der zum Glauben an Jeschua als seinen Messias kam. Er lehnte es ab, einer christlichen Religionsgemeinschaft beizutreten, und legte auch seine Traditionen nicht ab, sondern behielt vielmehr einen jüdischen Gottesdienststil bei und gründete ein einzigartiges jüdisches Gebetshaus in Kischinew (Moldau), in dem er Gottesdienste auf Jiddisch feierte. Für viele gilt dies heute als der Anfang der modernen messianisch-jüdischen Bewegung. Wie zu erwarten, erlebte Rabinowitz deutlichen Widerstand – sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite. Aber er fand auch enthusiastische Unterstützer, u.a. protestantische Leiter wie Franz Delitzsch, der in Rabinowitz‘ Überzeugung einen neuen Ausdruck des ursprünglichen Christentums sah. Unter den Protestanten und Evangelikalen fand der Gedanke, dass es „hebräische Christen“ gibt, zunehmend Anklang.

Dem Kirchenhistoriker Prof. Donald M. Lewis zufolge beeinflusste die wachsende Zahl der an Jesus gläubig gewordenen Juden die Entwicklung und Theologie einer neuen Bewegung, die sich besonders in England für die Wiederherstellung Israels einsetzte. Sogar in der Wortwahl der Balfour-Erklärung von 1917 meinte Lewis die Lehren dieser jüdischen Gläubigen, die die Wiederherstellung einer jüdischen Heimstätte in Erez Israel, im Land Israel, entschieden unterstützten, wiederzuerkennen.

Die noch junge messianische Bewegung erlebte in Osteuropa ein bedeutsames Wachstum, insbesondere um die Jahrhundertwende (ca. 1900). Der bekannte lutherische Pfarrer Richard Wurmbrand berichtete von mehreren zehntausend Anhängern allein in Rumänien. In seiner Doktorarbeit schätzt Mitch Glaser, Leiter der messianischen Bewegung Chosen People Ministries, dass vor dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Osteuropa zwischen 200.000 und 300.000 messianische Juden lebten. Nur wenige von ihnen schlossen sich einer etablierten Kirche an.

Es ist tragisch, dass ihr Glaube an Jeschua ihr Leben im Land der Reformation nicht rettete, denn während des Holocausts wurden die meisten messianischen Juden Europas zusammen mit ihren jüdischen Brüdern und Schwestern in Auschwitz und anderen Todeslagern der Nazis ermordet. Eine evangelikale Kirche in Deutschland nahm in ihre Satzung sogar den Zusatz auf, dass „Juden in ihren Versammlungen nicht zugelassen sind“, da sie „Christusmörder“ seien. Traurigerweise wurde das Land, das die christlich-zionistische Bewegung mit auf den Weg gebracht hatte, zu der Nation, die das dunkelste Kapitel jüdisch-christlicher Geschichte schrieb.

Rasante Veränderungen

Nachdem jedoch die ersten Heidenchristen aufgenommen worden waren, veränderte sich die Struktur der Kirche rasant. Bereits Ende des ersten Jahrhunderts waren die meisten Nachfolger Jesu Nichtjuden. Infolgedessen ging die Leitung der Gemeinde bald von jüdischen in nichtjüdische Hände über. Zwei wichtige Faktoren trugen zu dieser Veränderung bei. Zum einen waren die Heidenchristen rasch in der Überzahl. Viele der Gemein[1]den im Römischen Reich, die anfangs überwiegend jüdisch gewesen waren, wurden durch den großen Zustrom nichtjüdischer Gläubiger bereits zu Paulus‘ Zeiten verändert. Zum anderen dezimierten die römischen Eroberungen Judäas unter Vespasian und Titus (69/70 n. Chr.) und später Hadrian (134 n. Chr.) die jüdische Bevölkerung im Land Israel – rund zwei Drittel von ihnen wurden getötet, die meisten Überlebenden gingen ins Exil. Entsprechend verlor Jerusalem seine Stellung als Zentrum des geistlichen, jüdischen Lebens.

Die Bedeutung, die Jerusalem für die ersten Gläubigen hatte, kann nicht überschätzt werden. Das erste Kirchenkonzil fand in Jerusalem statt und Paulus besuchte die Heilige Stadt immer wieder, um den leitenden Aposteln von seinen sich ausweitenden Missionsreisen zu berichten. Anlässlich biblischer Feiertage besuchte er auch den Tempel und immer überbrachte er Spenden der neuen Gemeinden, die er gegründet hatte, für die „Armen unter den Heiligen“ in Jerusalem (Römer 15,26). Außerdem reiste Paulus nie allein, immer brachte er eine Delegation gläubig gewordener Nichtjuden mit (Apostelgeschichte 20,4), anscheinend um sicherzustellen, dass sie gute Beziehungen nach Jerusalem unterhalten würden.

Als der Tempel 70 n. Chr. zerstört wurde, war dies nicht nur eine politische, sondern auch eine geistliche Erschütterung. Im Jahr 134 n. Chr. verbot Kaiser Hadrian den Juden, Jerusalem zu betreten. Als Zeichen der Demütigung wurde die Provinz Judäa in Palästina umbenannt, nach Israels Erzfeinden, und Jerusalem in Aelia Capitolina. So ging auch das Bistum Jerusalem in die Hände der Nichtjuden über. Judas Kyriakos, ein Urenkel Judas‘, des Bruders Jesu, war der letzte Jude, der in der Antike Bischof in Jerusalem war. Doch er wurde 135 n. Chr. durch den ersten nichtjüdischen Bischof ersetzt – Marcus, der übrigens nicht mehr „Bischof von Jerusalem“, sondern „Bischof von Aelia Capitolina“ genannt wurde. Von da an war Rom das neue geistliche Zentrum der Christenheit. In den folgenden 200 Jahren nahm nicht nur der jüdische Einfluss in der Kirche ab, die Kirche trennte sich auch mehr und mehr von Israel und den Juden. Diese nichtjüdische Kirche betrachtete sich selbst als das „neue Israel“, das die Juden als Gottes auserwähltes Volk ersetzt hatte.

Messianische Gemeinden: Zeichen der Hoffnung

Dass es wieder eine messianische Gemeinde in Israel gibt, ist für viele Christen nicht nur Teil der heutigen Wiederherstellung Israels, sondern ein wirksames „Gegengift“ gegen Ersatztheologie und Anti-Israelismus. Schon Paulus hatte der Gemeinde anhand seiner Identität als Israelit vom Stamm Benjamin verdeutlicht, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat (Römer 11,1). Die Frage, die viele Theologen heute stellen, lautet: Wie sieht das Neue Testament die messianischen Juden? Diese Fragestellung mag für die jüdische Urgemeinde beleidigend geklungen haben. Für die späteren, nichtjüdischen Gemeinden, wie z.B. die Lutherische Kirche in Deutschland, die messianische Juden vehement von ihren Kirchentagen ausschließt, kommt sie einem Ärgernis gleich. Ihnen fällt es schwer zu akzeptieren, dass der Glaube der frühen Kirche die Erfüllung der uralten Hoffnung des jüdischen Volkes war.

Für die ersten Apostel wie Paulus und Petrus war ihre jüdische Identität kein Hindernis, auch dann nicht, als sie sich für die Aufnahme nichtjüdischer Gläubiger in den Leib des Messias (den Leib Christi) einsetzten. Paulus verglich die Heilsgeschichte mit einem alten Ölbaum. Dieser edle Ölbaum wuchs aus der Wurzel von Abrahams Glauben zu einer messianischen Hoffnung vor allem jüdischer Männer und Frauen. Einige der edlen Zweige (Juden) wurden teilweise ausgerissen, damit wilde Zweige (Nichtjuden) eingepfropft werden und Stärke und Hoffnung aus dem nährenden Saft dieses alten Baums messianischen Glaubens ziehen konnten. Paulus sah darin die Erfüllung von Gottes Verheißung an Abraham: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1. Mose 12,3; Galater 3,8).

Die „Ersetzung“ der herausgerissenen Zweige war jedoch nicht dauerhaft. Paulus verstand, dass Gott eines Tages die edlen Zweige wieder in den Ölbaum zurückpflanzen würde. Dieser Rückkehr der Zweige maß er sogar die größte Bedeutung bei. In Römer 11,12-15 weist er auf eine wunderbare Wahrheit hin: Wenn der Fall des jüdischen Volkes bereits zum Segen für die Heiden geworden ist, wie viel größer wird der Segen ihrer Annahme sein. Das Wiedereinpfropfen der ursprünglichen Zweige bedeutet die Freisetzung der Auferstehungskraft Gottes. Daher sahen Prediger wie John Wesley darin den Katalysator für die größte Erweckung, die es je geben wird.

Wir sollten uns überlegen, wie die Kirche, die Gemeinde Jesu, diesem neuen und noch zarten Zweig jüdisch-messianischer Gläubiger mehr Raum geben und mehr Bedeutung zumessen kann. Die Gemeinde muss ihnen zur Seite stehen, im Gebet, in Freundschaft, in Unterstützung und zugleich die Einzigartigkeit der Zeit erkennen, in der wir leben. Aus diesem Grund stehen wir unerschütterlich an der Seite Israels und des jüdischen Volkes und erkennen zugleich unsere untrennbare Verbindung und Freundschaft mit unseren messianischen Brüdern und Schwestern an, besonders in Israel. Auf diese Weise wehren wir der Ersatztheologie und bezeugen, dass Gottes ewige Verheißungen tatsächlich „Ja und Amen“ im Messias sind (2. Korinther 1,20). Wir leben in wirklich erstaunlichen Zeiten!

(Bild: Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus)

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