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Wie kann man Gott loben im größten Leid? Als bereits erste Bilder des Pogroms die Runde machten, feierten orthodoxe Juden an vielen Orten in Israel weiter „Simchat Tora“ – ein Freudenfest.
Tanzen und jubeln soll das jüdische Volk an „Simchat Tora“. Als tausende Raketen auf Israel abgefeuert wurden und erste Gerüchte zum grausamen Blutbad durchsickerten, das Hamas-Terrorkommandos an wehrlosen Zivilisten verübt hatten, wurde in vielen Synagogen weiter das Freudenfest der Tora gefeiert. Mit Tora-Rollen im Arm flüchteten die Gläubigen in die Bunker. Während die Detonationen der Raketen zu hören waren, lobten und priesen sie den allmächtigen Gott. Sie feierten. Mit Tränen in den Augen.
Lobpreis ist im Judentum keine Sache des Gefühls, sondern in erster Linie eine Sache des Gehorsams, des Vertrauens, des Willens. Nicht das Herz, sondern der Verstand entscheidet sich, Gott zu preisen. Das kann Kraft kosten, sehr viel Kraft. Im Judentum gibt es die Vorstellung, dass Anbetung zum Opfer wird – ein Lobpreisopfer, das wie Weihrauch zu Gott emporsteigt.
Das spiegelt sich auch im traditionellen jüdischen Gebet für Verstorbene wider, dem Kaddisch. Dieses wichtige „Trauer“-Gebet enthält keine einzige bittere oder bittende Zeile. Es ist Anbetung pur, basierend auf einem Vertrauen, das jede Gefühlslage übersteigt.
Die hebräische Sprache kennt mehrere Wörter, die als Synonym für Anbetung verwendet werden können. Zum Beispiel לעבוד – la-avod „arbeiten“. Anbetung kann harte Arbeit sein. Zugleich kann aber auch Arbeit zur Anbetung werden, wenn die Arbeit für Gott oder aus Liebe zu Ihm getan wird. Im Judentum ist damit nicht nur ein soziales Amt oder der ehrenamtliche Putzdienst in der Gemeinde gemeint. Das Judentum geht noch weiter: Es lehrt, dass sogar alltägliche Handlungen zur Anbetung werden, tut man sie im Bewusstsein, Gott damit zu ehren – vom morgendlichen Erwachen bis zum Niederlegen am Abend. Alle denkbaren Alltagsereignisse können und sollen bewusst erlebt und mit speziellen Segenssprüchen oder Handlungen geheiligt werden, sogar profane Tätigkeiten wie Händewaschen oder das Betreten eines Zimmers.
Zum Lobpreis gehört auch das Studium der Tora als eine besondere Form der Anbetung. „Wer die Tora liest, dem kommt Gott auf halbem Weg entgegen“, heißt es im Judentum. Der Leser macht eine Zeitreise: Das Tora-Studium versetzt den Gläubigen zurück zum Sinai, in die Gegenwart Gottes, die „Schechina“. Wer die Tora liest, lässt Gott zu sich sprechen, sagt man im orthodoxen Judentum: Die Tora ist der Liebesbrief, den Gott seinem Volk geschrieben hat.
Ein anderes Synonym für Anbetung lautet להקריב – lehakriw. Es hat zwei weitere Bedeutungen: „Opfern“ und „sich nahen“. Sich Gott zu nahen ist das Hauptziel der Gebete im Judentum. Es geht darum, Seine „Schechina“ zu suchen – um sich von Ihm verwandeln zu lassen. Rabbinische Auslegungen besagen, dass die Nähe zu Gott nie größer ist als in Momenten, in denen Gott angebetet wird, obwohl alle weltlichen Umstände dagegensprechen. Gott kann sich in Dunkelheit verbergen, verrät die Bibel (Vergl. 2. Mose 20,21). Dennoch ist das Judentum weit davon entfernt, Leid als „Abkürzung“ zu Gott zu glorifizieren. Leiden ist nicht erstrebenswert.
Der Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen zerreißt das Herz. Gemäß jüdischer Tradition zerreißen Trauernde deshalb ihre Kleider. Bereits Hiob tat es, als er vom Tod seiner Kinder erfuhr. Ebenso Jakob, als ihm die Nachricht vom vermeintlichen Tod seines Sohnes Josefs überbracht wurde. Und auch der Vorhang im heiligen Tempel zerriss, als Gott-Vater seinen Sohn am Kreuz sterben sah. (Matthäus 27,51)
Das Zerreißen der Kleider hat aber auch noch eine andere, positive Bedeutung. Es soll die Trauernden daran erinnern, dass der Körper nichts weiter als ein Kleid ist, das unsere Seele trägt. Zu sterben bedeutet, dieses Kleid auszuziehen. Die Seele lebt weiter, nur das Kleid ist zerrissen.
Aber warum? Warum lässt Gott so etwas zu? Kritische Fragen zu stellen ist legitim im Judentum. Eine universelle Antwort darauf gibt es nicht. Hiob haderte mit Gott und forderte Antworten. Trotzdem blieb er ein Freund Gottes – während Hiobs Freunde, die meinten, Gott verteidigen zu müssen, seinen Ärger auf sich zogen. Fragen, hadern und glauben schließen einander nicht aus.
Anbetung erfüllt im Judentum noch eine andere Funktion: Gemeinschaft. Mindestens zehn männlichen Juden sind erforderlich für einen gültigen Gottesdienst. Israel hat nach dem Angriffskrieg der Hamas gezeigt, dass es als Gemeinschaft zusammensteht.
Es ist den Terroristen gelungen, ein Massaker anzurichten. Aber es wird ihnen niemals gelingen, Gottes Volk zu vernichten und von seinen Verheißungen zu trennen. Das bezeugten die Juden, die mit Tränen in den Augen das Freudenfest Simchat Tora weiterfeierten.
„In jeder Generation stehen sie auf, um uns zu vernichten“, heißt es in jedem Andachtsbüchlein zu Pessach-Haggada. Eine trostlose Aussicht – gäbe es da nicht den zweiten Teil des Satzes. Er lautet: „… aber der Heilige, gelobt sei Er, rettet uns aus ihrer Hand!“
(Foto: Rabbi Menachem Fruman, der 2005 eine Tora-Rolle aus einer jüdischen Ortschaft im Gazastreifen rettete. Der Gazastreifen wurde damals auf internationalen Druck von Israel vollständig geräumt. Doch statt „Land gegen Frieden“ erntete Israel Terror. Die islamistische Terrororganisation Hamas verwandelte den Gazastreifen in eine Raketenabschussbasis.)
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