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Schoa-Geschichten am Kinderbett

Schoa-Geschichten am Kinderbett

Foto: Holocaust-Museumsführerin Jana Marcus-Natanov und ICEJ-Geschäftsführer Stephan Lehnert
Karin Lorenz
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Seit vielen Jahren führt Jana Marcus-Natanov Reisegruppen durch Yad Vashem, darunter viele Gruppen der ICEJ. Die 77-Jährige erzählt, wie sehr die Schoa ihre Familie  bis heute beeinflusst.

Zerstörte Wurzeln

Ein Besuch bei Oma und Opa? Das gab es für Jana nicht. Sie ist ihren Großeltern nie begegnet, denn sie wurden im Holocaust ermordet.

Janas Eltern lernten sich in Theresienstadt kennen. Gerade einmal 18 Jahre alt war Janas Mutter, als das Ghetto im Mai 1945 befreit wurde. Ein schwer traumatisiertes junges Mädchen, das nie eine unbeschwerte Jugend erlebt hatte. Es gab kein Leben, in das sie zurückkehren konnte. Keine Familie, keine Eltern. Die Holocaust-Überlebende wusste nicht wohin, auch nicht wohin mit sich, und so blieb sie noch bis August im aufgelösten Ghetto.

Zerbrechliche Seele

Die junge Frau kann die grausamen Erinnerungen nicht verarbeiten, entwickelt Schuldgefühle. „Meine Mutter hat sich Zeit ihres Lebens dafür entschuldigt, dass sie überlebt hat – und ihre Mutter gestorben ist“, erzählt Jana, die schon als kleines Kind instinktiv das Trauma spürt, das ihre Mutter begleitet, obwohl die Holocaustüberlebende niemals über das Vergangene spricht. „Und ich habe nie gewagt, ihr Fragen zu stellen“, sagt Jana. „Ich war mir sicher, wenn ich auch nur eine einzige Frage stelle, zerbricht meine Mutter wie eine Porzellanpuppe.“

Anders der Vater. „Er hat zu viel geredet“, stellt Jana rückblickend fest. Auch er überlebte Theresienstadt. Doch er war bereits eine gefestigte Persönlichkeit, ein erfolgreicher Ingenieur, als der Nazi-Terror begann. Am Tag der Befreiung ist er 36 Jahre alt. „Für ihn war der Neuanfang leichter“, vermutet Jana.

Der Ingenieur kehrt in seinen Beruf zurück, in seine alte Heimatstadt Prag. Dort besitzt er eine Wohnung, in der sich ein Deutscher einquartiert hat. Er setzt den Mann eigenhändig auf die Straße.

Horror statt Feen

Doch während andere Väter ihren Töchtern Gute-Nacht-Geschichten von Feen, Prinzen und Prinzessinnen erzählen, sitzt Janas Vater an ihrem Bett und erzählt Erlebnisse aus dem Lager. „Da war ich drei“, erinnert sich Jana. Seine Lagergeschichten begleiten sie in ihren Träumen, lassen die Schoa nachts für sie lebendig werden.

Janas Vater kann nicht aufhören, über die Vergangenheit zu reden. Die Erinnerung ist immer präsent. Sogar in Janas Namen. „Ich bin nach einem Mädchen benannt, das in Theresienstadt geboren wurde. Mein Vater und ihr Vater waren beste Freunde.“ Die kleine Jana und ihre Mutter starben in Auschwitz. Nur der Vater des Babys überlebte. „Er wurde mein Patenonkel“, erzählt die Museumsführerin. „Ich denke oft an Jana, deren Namen ich trage, und frage mich, was wohl aus ihr geworden wäre.“ Sie fühlt sich verpflichtet, die Erinnerung an Jana, die Ermordete, weiterzutragen.

Jana hat viele Sprachen und Kulturen kennengelernt, ehe sie nach Israel kam. Sie wuchs auf in der Tschechoslowakei, unter russisch-kommunistischem Einfluss. Ihre Mutter stammte aus Österreich. Später lebte Jana in verschiedenen Ländern, viele Jahre auch in der Schweiz. Sie spricht mehrere Sprachen fließen. „Mein Vater hat überlebt, weil er neun Sprachen kannte und für die Deutschen übersetzt hat“, erklärt Jana. „Deshalb wollte er, dass auch ich viele Sprachen lerne.“

Prägende Einflüsse

„Denkt ihr vielleicht, ich bin normal?“, fragt Jana manchmal ihre Reisegruppen. „Ich bin nicht normal“, beantwortet sie dann ihre Frage. „Ich bin auch vom Holocaust betroffen. Warum glaubt ihr wohl, mache ich diese Führungen?“ Die Erinnerung an die Großeltern und andere Ermordete gehört zur Familienkultur – wie in vielen jüdischen Familien. Es ist ein Auftrag, den Jana und auch ihre Kinder in sich spüren.

Die ehrenamtliche Arbeit in Yad Vashem ist Janas Art der Vergangenheitsbewältigung. Mit trockenem Humor lockert sie ihre Führung auf. „Einige kennen mich schon, die anderen werden mich kennenlernen“, kündigt sie zur Begrüßung an und stellt klar: „Es darf gelacht werden, auch in Yad Vashem.“ Ohne Lebensfreude kann man einen Ort wie diesen nicht Tag für Tag ertragen. Ohne Lebensfreude hätte das jüdische Volk die letzten Jahrtausende nicht überlebt.

Wertvolle Namen

Yad Vashem bedeutet „Denkmal und Name“, ein Hinweis auf Jesaja 56,5: „Denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben; das ist besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“

„Leider ist es uns noch nicht gelungen, die Namen aller sechs Millionen ermordeter Juden zu archivieren“, bedauert Jana. „Weil nicht alle Opfer verzeichnet wurden. Viele starben namenlos.“ 4,8 Millionen Namen konnten gesammelt werden. Sie sind in einem Buch niedergeschrieben, das in Yad Vashem ausliegt.

Haman, Hitler, Hamas

Auch die Erinnerung an Menschen, die uneigennützig ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden zu retten, liegt Jana sehr am Herzen. Sie gelten als Gerechten unter den Völkern. Rund 29.000 Gerechte wurden in Yad Vashem bisher ausgezeichnet, viele posthum. „Es gibt aber mindestens doppelt so viele Gerechte. Die Dunkelziffer ist groß“, weiß die Museumsführerin. Viele Retter sprachen auch nach Kriegsende nicht über ihre Heldentat, aus Angst vor Repressalien. Denn der Antisemitismus verschwand nicht von einem Tag auf den anderen. Und er erlebt in unseren Tagen einen neuen Aufschwung. „Europa hat sich sehr, sehr verändert“, bedauert Jana. „Aber ob Haman, Hitler oder Hamas – die Feinde, die Israel vernichten wollen, verschwinden. Wir bleiben.“

Boten des Himmels

Durch die Mitte des Museums führt die „Allee der Gerechten“. Ein schmaler Fensterstreifen an der Decke des Gebäudes ermöglicht einen Blick in den Himmel – ein Symbol für die Taten dieser Gerechten.

Welche besondere ethisch-moralische Prägung weisen Menschen auf, die zu solch großer Zivilcourage und Nächstenliebe fähig sind? Wer waren diese Boten des Himmels?

Jana lächelt. „Mein Schwiegervater hat überlebt, weil ihm eine Prostituierte geholfen hat, eine Nutte!“, erzählt Jana. „Diese mutige Frau hat ihn über die Schweizer Grenze geschmuggelt.“ Sie gehörte zu einer ganzen Gruppe Prostituierter, die selbstlos Juden zur Flucht verholfen haben.

Mutige Frauen

Keine dieser Frauen meldete sich nach dem Krieg. „Wir wissen nicht, wie sie hieß. Aber wir erinnern uns an sie in unserer Familie“, versichert Jana mit Respekt und Dankbarkeit.

Bei ihren Führungen erinnert sie auch an das einzige europäische Land, in dem nach Kriegsende mehr Juden lebten als zuvor. „Das war möglich, weil dieses Land seine Juden wirklich beschützt und sogar noch fremde Juden aufgenommen hat. Das ganze Land stand dahinter“, erzählt Jana und verrät: „Es war Albanien – ein muslimisches Land!“

Gottvertrauen

„Wir können uns auf nichts anderes verlassen als auf Gott“, ist Janas Lehre aus der Vergangenheit. Es ist die einzige verlässliche Konstante in der Geschichte des jüdischen Volks. „Und die vielen Gesetze, die es im Judentum gibt, helfen uns, auf dem Weg zu bleiben“. Ohne diese Gesetze hätte das jüdische Volk seine Identität nicht über Jahrtausende in der Diaspora bewahren können, glaubt Jana. „Sie geben uns den Rahmen.“

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