MENÜ

Mein Name ist Manfried Glucksmann. Mein hebräischer Name ist Menashe. Ich wurde am 2. September 1919 als drittes von vier Kindern meiner Eltern Cipa und Samuel Glucksmann in Hamburg geboren. Arnold war der Älteste von uns Geschwistern, gefolgt von meiner Schwester Annie, mir und meinem jüngeren Bruder Harry. Wir hatten auch viele Verwandte in Hamburg.
Der Samstag war für mich immer ein besonderer Tag. Mein Vater nahm mich in die Synagoge mit und ich erinnere mich an meine Bar Mizwa.
Als ich zehn Jahre alt war (1929), wurde ich auf der Straße "dreckiger Jude" genannt, aber ich hatte keine Ahnung, was uns noch Schlimmeres bevorstand.
Im Jahr 1933 verließ meine Schwester Annie Deutschland, um in Jerusalem an einer Musik-Hochschule zu arbeiten. Damals beschloss ich, Deutschland ebenfalls zu verlassen. Nach acht Schuljahren schloss ich mich in Berlin einer Organisation namens Ahava (hebräisch „Liebe“) an.
Mit Hilfe der Amerikanischen Organisation Hadassah half sie Kindern, Dokumente zu erhalten, die ihnen ein Verlassen Deutschlands ermöglichte. In jenem Sommer (1933) schickte mich Ahava in ein Trainingslager, um zu lernen, wie man auf dem Land lebt. Nach drei Monaten reiste ich via Triest (Italien) per Zug und Schiff in das Land, das 15 Jahre später der moderne Staat Israel werden würde. Ich war 14 Jahre alt, als ich diese Reise begann.
Mein erster Eindruck bei der Ankunft im heutigen Staat Israel war geprägt von der Hitze. Eine andere Sache, an die ich mich erinnere, war, dass ich jeden Tag meine Schuhe untersuchte – aus Angst vor Skorpionen. Ich lebte in einem Haus für Kinder ohne Eltern am Berg Carmel in Haifa. Meine Eltern und Brüder konnten nach einiger Zeit in die USA ausreisen, um sich vor den Nazis in Sicherheit zu bringen.
Ich schloss mich später einer Organisation an, die Gesundheitsdienstleistungen anbot, der Jewish Agency. Der Leiter, Moshe Sharett, würde nach einigen Jahren Israels erster Außenminister werden. Er ermutigte uns, der britischen Armee beizutreten. Er sagte: "Wir wollen die Briten nicht bekämpfen, um unabhängig zu werden. Wir wollen vielmehr mit ihnen gegen die Nazis kämpfen."
Die britische Armee brachte uns nach Tobruk, Libyen, um Munition von Schiffen zu entladen aber später waren wir südlich von Piräus, Griechenland, aktiv.
Die deutsche Luftwaffe bombardierte alle unsere Boote. Schließlich sah der britische General keinen anderen Ausweg als seine Kapitulation zu unterschreiben. Man brachte uns nach Salonika in Griechenland und die SS trennte die Juden von den übrigen Gefangenen.
Es war Juni 1941. Wie ca. 6.000 weitere Gefangene wurde ich in einem Viehwaggon nach Deutschland gebracht. Nach etwa fünf Tagen kamen wir in Lamsdorf im Osten Deutschlands an. Dort gab es ein Gefangenenlager mit etwa 100 Baracken. In unserer Baracke waren ausschließlich Juden untergebracht.
Nach etwa drei Monaten hat uns das Rote Kreuz Pakete geschickt, die uns am Leben erhalten sollten. Es gab sogar Zigaretten. Ich rauchte nicht, also benutzte ich sie zum Tausch. Sie waren wie Geld.
Nach etwa sechs Monaten wurden wir zum Arbeitseinsatz nach Gleiwitz gebracht. Die Deutschen hatten dort eine Bäckerei. Sie schickten ihrer Armee Teig zum Brotbacken in Zügen an die Front. Unsere Aufgabe war das Reinigen der Züge.
Im Konzentrationslager bei Gleiwitz sahen wir die ersten KZ-Häftlinge. Wir beluden Lastwagen und ich sah sie auf der Straße. Wir konnten die Jungen und Mädchen sehen. Sie waren Juden und schienen fünfzehn bis zwanzig Jahre alt zu sein.
Wir waren ungefähr ein halbes Jahr in Gleiwitz. Es gab keine Küche. So machten wir ein kleines Feuer außerhalb der Baracken auf dem Boden. Wir stellten eine leere Dose auf einige Steine und kochten Suppe aus Kartoffelschalen.
Wir zogen von Lager zu Lager. Einmal wurden wir ausgesandt, um den Schnee von den Gleisen zu beseitigen. Es war in der Nähe von Auschwitz. Ich wusste nicht, was dort vorging. Unsere Arbeitsgruppe befand sich direkt neben dem Konzentrationslager. Auf der anderen Seite des Zauns waren Häftlinge. Sie hatten Schaufeln und taten etwas im Schnee. Sie trugen gestreifte Kleidung. Wir bestachen die SS-Wachen, dass sie den Häftlingen unser Essen geben.
Wir hatten Feuer und die Kartoffelsuppe. Wir gaben den Wachen das Essen und sahen, wie sie es den Gefangenen gaben. Die Gefangenen wurden geschlagen. Man schlug sogar einige von ihnen zu Tode. Das war das einzige Mal, dass ich direkt sah, wie es in einem Konzentrationslager zuging. Ich bin ihm nie wieder so nah gekommen. Der Mann, der mit der SS verhandelte, war ein israelischer Sergeant, Josef Karlenboim. Er war für unsere Truppe verantwortlich und Leiter unserer Baracke. Für das Allgemeinwohl hatte ihm jeder von uns zehn Zigaretten aus den Rot-Kreuz-Paketen, die wir regelmäßig erhielten, zu geben. Ich nehme an, er benutzte sie, um zusätzliche Waren für uns zu beschaffen oder die Wärter für eine bessere Behandlung zu bestechen. Sergeant Kalenboim änderte einige Jahre später seinen Namen in Josef Almogi und wurde Bürgermeister von Haifa.
Am 7. Mai 1945 ergab sich Deutschland den Alliierten. Unsere deutschen Wärter rannten. Sie zogen ihre Uniformen aus und rannten in Zivil in großer Eile davon. Wir waren noch ein paar Tage im Lager, als ein Jeep mit einem russischen Major eintraf. Er sagte, wir wären frei, die Sowjets hätten das Territorium übernommen.
Man setzte uns in einen Zug nach Wien. In den ersten Tagen nach Kriegsende herrschte dort Chaos, doch nach einiger Zeit konnten wir von Linz nach Großbritannien reisen. Dort gab es Essen! Viel Essen! Ich wog nur 54 kg bei einer Größe von 173 cm.
Inzwischen gab es eine jüdische Brigade in der britischen Armee. Sie begann, Juden aus den Konzentrationslagern zu befreien und später auf Schiffen und Booten in das Land ihrer Väter zu bringen. Das war gegen die Regeln der britischen Armee, aber sie taten es trotzdem. Dies ist Teil der wahren Geschichte des Films namens Exodus.
Die Kriegsmacht Japan kapitulierte formell am 2. September 1945. Zu jenem Zeitpunkt wurde ich aus der britischen Armee entlassen. Sie brachten uns auf ein Schiff zurück nach Haifa. Vor dem Krieg wollte ich in die Vereinigten Staaten reisen, um bei meiner Familie zu sein. Die Bearbeitung meiner nun beantragten Papiere dauerte über ein Jahr, aber ich konnte schließlich 1946 meine Reise antreten.
Ich kam nach Newark, New Jersey, und plante, fünf Tage bei Dr. Allen Abrams (einem Zahnarzt) und seiner Frau Genie, einer Verwandten meiner Mutter, zu bleiben. Daraus wurden fünf Wochen und dann Jahre. Ich hatte mein eigenes kleines Reich, in dem ich mich zu Hause fühlte. Als sie nach Livingston, New Jersey, zogen, bin ich mit ihnen umgezogen. Ich hatte auch dort mein eigenes Zimmer. Später kaufte ich ein Grundstück in der Nähe von Highland Park in New Jersey und hatte dort ein Gebrauchtwagen-Geschäft. Allen starb 2005, kurz nach Genie. Er war 100 Jahre alt. Sie waren ein bezauberndes Paar und hatten vier Kinder. Ich bin Junggeselle geblieben, obwohl ich damals mit ein paar Frauen ausgegangen bin. Nach dem Tod der beiden zog ich dauerhaft nach Miami, Florida.
1952 hatte ich fünf Jahre in den Staaten gelebt und erhielt ich einen amerikanischen Pass. Ich fühlte mich in England zu Hause, in den USA zu Hause und in Israel zu Hause.
Meine Schwester Annie war politisch engagiert. Sie gründete den Israelisch-Deutschen Freundschaftsverein. Nach dem Krieg gab es keine Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Annie stellte eine Gruppe von 25 Geschäftsfrauen zusammen und sie gingen nach Deutschland. Sie wurden in viele Städte eingeladen. Daraus entstand der israelisch-deutsche Freundschaftsverband. Zwei Jahre später traf Deutschlands Kanzler Adenauer David Ben-Gurion.
Annie lebte seit 1933 in Tel Aviv und starb dort 1989. Ich habe keine Ahnung, warum ich so lange lebe. Und wer weiß wie lange!
Miami im Dezember 2017
My name is Manfried Glucksmann. My Hebrew name is Menashe. I was born on September 2nd, 1919, in Hamburg, Germany as the third child to my parents, Cipa and Samuel Glucksmann. Arnold was the oldest child, followed by my sister Annie, me and my younger brother Harry. We had lots of relatives in Hamburg.
Saturday was always a big day for me. My father took me to synagogue and I remember my bar mitzvah.
When I was ten years old (1929) I was called “a dirty Jew” in the street but I had never imagined what was ahead of us. In 1933, my sister Annie left Germany to attend a music school in Jerusalem. It was then that I decided to leave Germany as well. After eight years of school, I went to Berlin to join an organization called Ahava (Love in Hebrew).
An American organization called Hadassah worked with Ahava and helped children get documents to leave Germany. In the summer of 1933 Ahava sent me to a summer camp to learn how to live off of the land. After three months, Ahava arranged for me to board a train to Trieste, Italy and then board a ship to the land that became the modern State of Israel 15 years later. I was 14 years old when I began this journey.
My first impression when I arrived to the Land of Israel was that it was hot. One other thing I remember is checking my shoes every day for scorpions. I lived in a home for children without parents up on the Carmel mountain in Haifa. My parents and brothers would move to the U.S. later to escape the Nazis.
I belonged to an organization that entitled me to health services, the Jewish Agency. Its chairman, Moshe Sharett, who would later become Israel’s first foreign minister, told us we should all join the British Army. He said, “We don’t want to fight the British for independence, we want to fight the Nazis.”
The British army took us to Tobruk, Libya. We were taken there to unload ammunition from ships. However, we ended up outside Athens south of Piraeus.
The German air force had bombed all our boats. Finally, the British general decided to sign the papers of surrender. They took us to Salonika in Greece. The SS questioned us and separated the Jews from the rest of the prisoners.
It was June 1941. All of us prisoners of war (POW) were shipped on a train to Germany by cattle cars. There were 6,000 of us. In about five days we arrived in Lamsdorf, in the eastern tip of Germany. This was a main POW camp with about 100 barracks. We were all Jews in our barrack.
After about three months in Lamsdorf, the Red Cross sent us some packages that kept us alive. They also included cigarettes. I didn’t smoke, therefore, I used them to barter. They were like money.
After about six months, we were sent out by train to Gleiwitz as a work party. The Germans had a bakery there. We had to empty the trains of the dough that was being shipped there to make bread, which was sent to the front for the German army.
At the concentration camp near Gleiwitz we saw the first concentration camp prisoners. We were loading trucks and I saw them on the highway. You could see the young boys and girls and they were Jews. They looked to be from 15 to 20 years old.
We were in Gleiwitz for about half a year. We had no kitchen. Therefore, we made a little fire outside the barracks on the ground. We put some stones together, put an empty can on the pile and made some soup from potato skins.
We moved from camp to camp working. One time we were sent out to clean the snow from the train tracks. It was near Auschwitz. I didn’t know what was happening there. Our working party was right next to the concentration camp, next to a fence and there were prisoners from the camp on the other side of the fence. They had shovels, and were doing something in the snow. They were wearing striped clothes. We bribed the SS guards to give the prisoners our food.
We had a fire and the potato soup. We gave the guards the food and saw them give it to the prisoners. The prisoners got beaten, some to death. That was the only time I really had a taste of what it was like to be in a concentration camp. I never got that close again. The guy who negotiated with the SS was an Israeli sergeant named Josef Karlenboim. He was in charge of our troop and leader of our barracks. For the common good he ordered each of us had to give ten cigarettes from the Red Cross packages we received periodically. I assume he used them to get additional goods for us or bribe the guards for better treatment. A few years later he changed his name to Yosef Almogi and later he became the mayor of Haifa.
On May 7th, 1945, Germany surrendered to the Allies. Our Germans guards were fleeing. They tore off their uniforms, put on civilian clothes, and ran away in a hurry.
We were at the camp a few more days when a jeep came, with a Russian major driving it. He told us we are all free because the Soviets have taken over the territory. They put us on a train to Vienna. In the first days after the end of the war there was chaos. After a while we could go to Britain. They had food in England. Lots of food! I was only 120 pounds and I was five foot eight.
Meanwhile, in Italy there was a Jewish brigade. They were in the British army. They started liberating Jews from the concentration camps and putting them on ships and boats. This is part of the true story of the movie called Exodus. This was against the British army rules but they were doing it anyway.
The military power Japan formally surrendered on September 2nd, 1945. By that time, I had been discharged from the British Army. They put us on a ship and we went back to Haifa.
Before the war, I wanted to go to the United States to see my parents. Now I went to the consul in Jerusalem to get the documents. The papers took a year to be processed but I could finally go to the U.S. The year was 1946. I arrived to Newark, New Jersey and planned to stay with Dr. Allen Abrams (a dentist) and his wife Genie, my mother’s relative, for five days. These became five weeks and then years. I had my own small place, by I felt at home with them. When they moved to Livingston, NJ, I moved with them. I had my own room there, too. I bought a parcel of land near Highland Park NJ and had a used cars business there. Allen passed away in 2005, shortly after Genie. He was 100 years old. They were a sweet couple and had four children. I remained a bachelor, although I did date a few women at that time. After their passing, I moved permanently to Miami, Florida.
In 1952, I had lived in the States for five years and I got an American passport. I felt at home in England, at home in the United States, and at home in Israel.
My sister Annie was into politics. She founded the Israeli-German Friendship Association. After the war there were no relations between Germany and Israel. Annie put together a group of twenty-five professional women and they went to Germany. They were invited to every city. Out of that came the Israeli-German Friendship Association. Two years later Adenauer, who was Germany’s chancellor, met with David Ben-Gurion.
Annie lived in Tel-Aviv since 1933 and died there in 1989. I have no idea why I’ve lived so long. And who knows for how long!
Miami, December 2017

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