Die Wut und Verzweiflung waren spürbar, trotzdem waren wir davon überzeugt, das Richtige zu tun: 2005 wurden die letzten Israelis aus dem Gazastreifen evakuiert.
Schmerzhafter Rückzug
Damals war ich Staatssekretär im Außenministerium und kann bezeugen, dass die Entscheidung nicht unumstritten war. Ich habe aus nächster Nähe gesehen, wie wir unsere Entscheidung in die Praxis umgesetzt haben: Obwohl ein Großteil der israelischen Bewohner ihre Wohnhäuser freiwillig und friedlich hinter sich ließen, mussten nicht wenige von bewaffneten Soldaten aus ihren Häusern getragen werden. Kinder wurden ihrer angestammten Umgebung entrissen, Bauern ließen Höfe und Felder zurück.
Warum all das? Wir wollten die Sicherheit Israels erhöhen und gleichzeitig den Palästinensern eine echte politische Perspektive bieten. Die Infrastruktur wie die Gewächshäuser, in denen zuvor Gemüse und Früchte angebaut wurden, ließen wir intakt. Nicht wenige politische Beobachter hofften darauf, dass sich der Gaza-Streifen zu einem „Singapur am Mittelmeer” verwandeln könnte. Der Rückzug aus dem Gazastreifen beweist: Israel ist bereit, schmerzhafte Schritte zu unternehmen, wenn wir eine Chance auf Frieden sehen.
Zerstörte Hoffnung
Doch schon bald nach dem Rückzug wurden die Gewächshäuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt, sie gingen in dickem schwarzen Rauch auf – ein böses Omen für das, was noch kommen würde. Den innerpalästinensischen Machtkampf konnte die Hamas für sich entscheiden. In den Wahlen von 2006 sprach sich die Mehrheit des Stimmvolks für die Hamas aus, spätestens ab 2007 konnte die Terrororganisation ihre Gewaltherrschaft über ganz Gaza ausdehnen. Die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung erfüllten sich nicht. Der Küstenstreifen hat sich in einen gescheiterten Terrorstaat verwandelt, dessen einziges Exportgut Terror, Angst und Schrecken ist. Die Idee des Staates, der für seine Bürger da ist, kippte die Hamas ins Perverse. Einrichtungen, die in Städten unserer westlichen Wertegemeinschaft wichtige Funktionen für die Gesellschaft erfüllen, dienen in Gaza einzig und allein dem Terror der Hamas.
Nicht einmal Kindergärten können sich dem entziehen – schon hier wird den Kleinen der Hass eingeimpft. Israel ist in Gaza auf Spielzeugraketen und terrorverherrlichende Puzzle gestoßen. Im Comicstil wird hier eine Invasion Israels dargestellt. Man sieht, wie Israel von Figuren mit Palästinaflaggen überrannt wird. Das wichtigste Teil in diesem Terrorpuzzle ist jedoch das spielende Kind selbst, während es die Teile zusammenfügt, setzt sich die tödliche Ideologie in seinem Kopf fest. Später, wenn aus den Kindern Schüler werden, bekommen sie Schulbücher, in denen Namen wie Curie, van Beethoven und Goethe nicht auftauchen. Stattdessen wird jemand wie Dalal al-Mughrabi als Vorbild präsentiert – eine Terroristin, die 35 Israelis ermordet hat, darunter 12 Kinder. Statt Erziehung steht auf dem Lehrplan Agitation, Propaganda und vor allem Hass. Das Ergebnis? Statt davon zu träumen, Herzchirurg oder Astronaut zu werden, rangiert das Märtyrertum weit vorn unter den Traumberufen. Sprengstoffgürtel statt Raumschiff. Auf der jungen Generation liegen große Erwartungen für den Frieden – doch was tun, wenn Frieden und Koexistenz im Lehrplan nie eine Rolle gespielt haben?
Es soll tatsächlich vorkommen, dass sich Menschen in Gazas Moscheen zum Gebet einfinden. Das geht natürlich nur, wenn es noch Platz gibt, denn die Hamas hat Gotteshäuser systematisch entweiht und nutzt viele als Waffenlager. Statt auf Ruhe und Selbstreflexion stoßen Gläubige in Gazas Moscheen auf Raketenwerfer, Kombattanten und Eingänge zu unterirdischen Kommandozentralen. Unter der Hamas zählt nicht das Wort Gottes, sondern einzig ihre Charta, die als Ziel die Auslöschung des jüdischen Staates, ja allen jüdischen Lebens, festschreibt. Hier zeigt sich eine Parallele zum Nazi-Regime, dessen Staatsräson ebenfalls die Auslöschung der Juden war. Die Religion der Hamas ist ein Kult um den Tod mit großer Verachtung für das Leben.
Wie wenig Wert die Hamas dem Leben beimisst, zeigt sich besonders in Krankenhäusern. Im Kamal Adwan Hospital in Jabaliya stießen israelische Soldaten auf Brutkästen, in denen die Hamas Waffen versteckt hatte. Bei weitem kein Einzelfall. Statt Babys den Start ins Leben zu ermöglichen, hat die Hamas dort kalte Patronen und Gewehrläufe geparkt, die nur darauf warten, ein Leben für immer zu zerstören.
Gefährlicher Häuserkampf
Das ist die Umgebung, in der die israelischen Streitkräfte ihr Leben aufs Spiel setzen. Der Häuserkampf gehört ohnehin zu den gefährlichsten Kampfarten in jedem Krieg – ungleich schwerer wird es, wenn die Bewohner nach jahrelanger Indoktrination als willfährige Schutzschilder missbraucht werden. Während Israel seine Waffen nutzt, um seine Bevölkerung zu schützen, macht es die Hamas andersherum. Sie missbraucht ihre Bevölkerung dazu, ihre Waffen zu schützen. Dennoch: auch unter diesen Umständen halten israelische Soldaten die gemeinsamen Werte der demokratischen Welt hoch und vermeiden zivile Opfer – auch wenn das bedeutet, dass sie sich einer noch größeren Gefahr aussetzen. Israel setzt mehr Soldaten ein, als modernes Kriegsgerät eigentlich erfordert. Israel tut das, damit Soldaten zielgerichtet und lokal begrenzt vorgehen können. Sollte doch der Einsatz eines Sprengkopfes erforderlich sein, wird der Sprengstoff so dosiert, dass eine Kommandozentrale zerstört wird, während beim Nachbar die Wäsche auf der Leine bleibt.
Die Absicht der Hamas ist für alle sichtbar – es ist die Auslöschung Israels und aller Juden. Wir müssen jetzt zusammenstehen, um die Werte unserer christlich-jüdisch geprägten Gesellschaften zu verteidigen und eine bessere Welt zu schaffen. Wir dürfen der Hamas nicht erlauben, uns und der Welt ihre mörderische Ideologie aufzuzwingen. Sie verherrlichen den Tod, doch wir verherrlichen das Leben.
Über den Gastautor
Unser Gastautor S.E. Ron Prosor ist Botschafter Israels in Deutschland und Major der israelischen Armee. Der Politikwissenschaftler gehörte 2000 zur Camp-David-Delegation und beaufsichtigte den israelischen Rückzug aus Gaza 2005.


