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Emanzipation der Juden in Deutschland

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
Ester Heinzmann
Prächtige Gebäudefront, mit großen Fenstern und Verzierungen und Dekorationen an den Wänden. Kolorierte Ansichtskarte, zirka 1900.

Im Zeitalter der Aufklärung und Haskala wurde immer wieder die rechtliche Gleichstellung der Juden in Deutschland diskutiert.

In Frankreich waren Juden seit 1791 gleichberechtigte Bürger. Infolge der napoleonischen Kriege verbesserte sich unter französischer Besatzung der Status der jüdischen Bevölkerung auch in einigen süddeutschen Territorien, was jedoch in den Jahren nach dem Wiener Kongress 1814/1815 vielerorts wieder rückgängig gemacht wurde. Auch im 19. Jahrhundert erlebten Juden in Deutschland Vertreibung. In Bayern wurde festgelegt, wie viele Juden an einem Ort wohnen durften. Es kam weiterhin zu antijüdischen Übergriffen und Pogromen, darunter die Hep-Hep-Unruhen 1819.

Die Bevölkerung, der ein „christlicher Staat“ vorschwebte, unterstützte die gesetzliche Diskriminierung und viele Intellektuelle, z.B. Vertreter der Romantik, lehnten jüdische Elemente in dem ihnen vorschwebenden „deutschen Wesen“ ab. Erst 1869 erklärte der Norddeutsche Bund konfessionelle Unterschiede für hinfällig, 1871 wurde Juden in der Verfassung des Kaiserreichs die Gleichberechtigung garantiert.

Industrialisierung und Kapitalismus

Trotz gesetzlicher Diskriminierung gelang vielen Juden in der Epoche des modernen Kapitalismus und der Industrialisierung der wirtschaftliche und damit auch der gesellschaftliche Aufstieg. Bestritten sie zuvor als Hausierer oder Trödelhändler ihren Lebensunterhalt, gelang ihnen im 19. Jahrhundert der Aufstieg zu Klein- und Großhändlern. Aus Textilhändlern wurden Textilfabrikanten.

Über Jahrhunderte hinweg hatten jüdische Hofagenten, sogenannte „Hofjuden“, als Warenlieferanten und Kreditvermittler deutschen Herrscherhäusern gedient. Einigen jüdischen Hofagenten gelang im 19. Jahrhundert der Einstieg ins Bankiersgeschäft. Mit ihren Kredit- und Wechselgeschäften unterstützten sie die Industrialisierung deutscher Fürsten und später des deutschen Kaiserreichs. Das bekannteste Beispiel einer solchen Erfolgsgeschichte war die Frankfurter Familie Rothschild.

Mayer Amschel Rothschild, 1744 im jüdischen Ghetto in Frankfurt am Main geboren, wurde zunächst Hoffaktor Wilhelms IX. von Hessen-Kassel. Er stieg ins Bankiersgeschäft ein und übersah während der napoleonischen Kriege die Finanzgeschäfte verschiedener europäischer Großmächte. Seine Söhne führten die Geschäfte fort und ermöglichten, unter anderem mit ihren Krediten für den Eisenbahnbau, den wachsenden Wohlstand Europas. Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs, zu dem die Familie den Herrscherhäusern verhalf, blieb sie von gesellschaftlichen Anlässen ausgeschlossen.

Erfolgreiche Selbstintegration

Als die Juden 1871 die rechtliche Gleichstellung erlangten, hatten sie sich bereits in den vorangegangen Jahrzehnten ihre Emanzipation hart erkämpft. Die Integration der deutschen Juden in die Gesellschaft geschah nicht „von oben“ oder dank einer offenen, fortschrittlich denkenden Mehrheitsgesellschaft. Sie wurde vielmehr allen Widerständen zum Trotz von den Juden selbst erreicht.

Juden bemühten sich darum, Ausgrenzung zu überwinden: sie initiierten eine deutschsprachige, weltliche Schulbildung, betätigten sich auf dem Gebiet der Kunst und wurden zu überzeugten deutschen Patrioten. Insbesondere ihr wirtschaftlicher Aufstieg, aber auch ihr Einfluss auf intellektuellem Gebiet, unter anderem in der Dichtung und der Literatur, begünstigte diesen Prozess. Trotz dieser „erfolgreichen Integration“ waren sie in der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich willkommen.

„Antisemitismus“ im Kaiserreich

Etwa zeitgleich mit der rechtlichen Gleichstellung der Juden im Kaiserreich bekam der Antisemitismus wieder Aufwind. Judenfeindliche Ansichten wurden von Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern und Klerikern, unter anderem vom Komponisten Richard Wagner, dem Historiker Heinrich von Treitschke sowie dem Berliner Hofprediger Adolf Stoecker, in aller Öffentlichkeit diskutiert, verbreitet und salonfähig gemacht.

Dabei versuchten die Judenhasser, sich vom „traditionellen“, religiös motivierten Judenhass des Mittelalters abzugrenzen und ihren Hass mit scheinbar intellektuellen, rationalen Überlegungen zu begründen. Dies sollte mit dem neugeschaffenen Begriff „Antisemitismus“, der ab 1879 von Judenhassern verwendet wurde, unterstrichen werden.

Dieser neuen Form des Judenhasses lagen vor allem pseudowissenschaftliche Rassentheorien zugrunde. Erstmals wurden Juden nicht den Christen, sondern den „Germanen“ gegenüber gestellt. In den Augen der Antisemiten galt es, die Akzeptanz von Juden in der Gesellschaft zu bekämpfen, insbesondere aber die „Vermischung“ der deutschen mit der jüdischen „Rasse“ abzuwenden. Juden wurden unter anderem als „minderwertig“ oder „Ungeziefer“ dargestellt. Letztlich war das Ziel dieser neuen Judenfeindlichkeit nicht, wie im Mittelalter, die Konversion, sondern die Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung der Juden.

Antisemiten organisierten sich politisch und forderten unter anderem die Rücknahme der Bürgerrechte für Juden und den Stopp jüdischer Zuwanderung aus Osteuropa und Russland, von wo ab den 1880er Jahren zahlreiche Juden vor Pogromen flohen. Neben den nationalen Parteien war Antisemitismus auch in katholischen sowie evangelischen Parteien zu finden.

Lediglich Linksliberale und Sozialdemokraten stellten sich dem Antisemitismus entgegen. Ein prominenter Gegner des Antisemitismus war Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere „99-Tage-Kaiser“ Friedrich III. Er bezeichnete die antisemitische Bewegung als „Schmach für die deutsche Nation“ und sagte, er schäme sich „der Judenhetze, die in Berlin alle Grenzen des Anstands überschreitet.“

Die jüdische Bevölkerung versuchte, dem Antisemitismus mit Aufklärungsarbeit entgegenzutreten, und ging rechtlich gegen antisemitische Verleumdungen sowie antijüdische Boykottaufrufe vor.

Foto: Wikimedia Commons, Das jüdische Kaufhaus Tietz in Berlin 1900, Symbolbild

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