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Einsatz unter Lebensgefahr

Familienschicksale im Holocaust
Katja Bühler
Ernst als Kind steht neben seinen Eltern, die auf zwei Sesseln sitzen.

Niederlande, Bentveld, 1940: „Ich erwarte ein Baby, aber wenn wir in ein Lager kommen, wird es gewiss sterben“, schluchzte die Jüdin Martha Krakenberger voller Sorge. „Dann kommt das Kind zu uns!“, antwortete ihre christliche Freundin Annemarie Stockmann entschlossen.

Zuflucht Niederlande

Während der Reichspogromnacht 1938 wurde die Wohnung von Familie Krakenberger in Nürnberg stark demoliert. Sie entschloss sich deshalb im Januar 1939 in die Niederlande auszuwandern. Durch geschäftliche Beziehungen entstand ihre Freundschaft mit der christlichen Familie Stockmann. Carl und Annemarie Stockmann waren deutscher Abstammung, hegten jedoch keine Sympathien für das NS-Regime, im Gegenteil. Sie wurden deshalb in ihrem sozialen Umfeld mit großem Argwohn beäugt. Dies hinderte die warmherzige Familie nicht, zu helfen, wo Hilfe dringend benötigt wurde.

Martha Krakenberger brachte am 22. Dezember 1940 ihren Sohn Ernst in Naarden zur Welt. Als knapp ein Jahr später alle Juden gezwungen wurden, ihr Zuhause zu verlassen, um in einen jüdischen Bezirk umzuziehen, spürte Martha Krakenberger intuitiv die Gefahr, die ihrem Kind drohte. Das 1940 ausgesprochene Angebot uneingeschränkter Unterstützung wurde in die Tat umgesetzt. Der kleine Ernst durfte bei Familie Stockmann untertauchen. Er wurde sehr liebevoll aufgenommen, lernte laufen, sprechen und Blödsinn machen. Er war ein glückliches, aufgewecktes Kind.

Während des Holocaust

Doch auch für Familie Stockmann wurde es immer gefährlicher. Sie mussten sich trennen und sich an unterschiedlichen Orten verstecken. Ernst, auch Erni genannt, kam in die Obhut der 19-jährigen Tochter Maja und wurde als ihr uneheliches Kind ausgegeben. Es war eine heldenhafte Leistung, inmitten der Turbulenzen des Krieges ein kleines Kind zu versorgen.

Nach dem Holocaust

1945 kam das ersehnte Kriegsende. Familie Stockmann konnte glücklicherweise wieder in ihr Haus zurückkehren. Sie begannen sofort mit der Suche nach den Eltern Krakenberger, ohne Erfolg. „Dann bleibt Erni bei uns!“, sagte Annemarie Stockmann entschlossen.

Doch im September 1945 geschah das unfassbare Wunder: Otto und Martha Krakenberger standen vor der Tür! Sie waren ausgemergelt, um Jahre gealtert und fast nicht mehr zu erkennen. Es ist kaum zu glauben, aber beide überlebten vier Konzentrationslager. Sie waren überglücklich, ihren Sohn wiederzusehen. Familie Krakenberger war wieder vereint!

Dank verbindet

Aus tiefer Dankbarkeit gegenüber der Rettungstat Familie Stockmanns wurde Ernst katholisch getauft und im christlichen Glauben erzogen. Bis heute verbindet ihn eine enge Beziehung zu Maja Stockmann, die er im Sommer 2022 an ihrem 98. Geburtstag besuchte. Familie Stockmann hat in Zeiten großer Not nicht schweigend weggeschaut, sondern tatkräftig angepackt und ihr Leben riskiert. Als Anerkennung wurde ihnen 2011 die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem verliehen.

(Foto: Ernst mit seinen Eltern nach dem Holocaust)

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