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Tage, Monate, Jahre. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, lehrt die Bibel (Prediger 3,1). Im Judentum spielt die Bestimmung der Zeit eine sehr wichtige Rolle. Ein kleiner Einblick in die jüdisch-biblische Zeitrechnung.
Die Israeliten hofften auf Befreiung. Aber sie wurden wieder enttäuscht. Neun Plagen waren bereits über Ägypten hereingebrochen. Vergebens. Noch immer weigerte sich der Pharao, das Sklaven-Volk ziehen zu lassen.
Da kündigt Gott die zehnte und letzte Plage an – und erteilt den Israeliten ihr allererstes Gebot als Volk. Es lautet: „Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen“ (2. Mose 12,2). Kurzum: Inmitten dieser äußerst prekären Situation fordert Gott sein auserwähltes, aber noch immer unterdrücktes Volk auf, einen Kalender einzurichten.
Es gibt über 600 Gebote im Judentum. Und da ist nun ausgerechnet die Schaffung eines Kalenders das erste Gemeinschaftsgebot, das Gott seinem Volk erteilt? Warum? Und warum zu diesem Zeitpunkt?
Das hat gute Gründe, lehrte Rabbiner Obadja Ben Jacob Sforno, der vor rund 500 Jahren in Italien lebte. Gott stellte auf diese Weise klar: Die Sklaverei ist zu Ende.
Sklaven brauchen keinen Kalender, weil sie nicht frei über ihre Zeit verfügen. Aber wer frei ist, kann selbst über seine Zeit herrschen. „Von nun an werden die Monate euch gehören, damit ihr mit ihnen machen könnt, was ihr wollt“, interpretierte Rabbi Sforno Gottes Kalendergebot.
Ein weiterer Grund: Der gemeinsame Kalender sollte dazu beitragen, aus dem ungeordneten Haufen Sklaven ein Volk zu machen, eine Einheit. Gott schenkte eine Zeitrechnung, die speziell dem jüdischen Volk gilt. Der gemeinsame Kalender markierte den Beginn einer nationalen Geschichte, den ersten Unabhängigkeitstag.
So wurde der jüdische Frühlingsmonat Nisan zum ersten Monat im jüdischen Kalender. Er wird zugleich als Monat der Erlösung geachtet, in Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei. Zur Besonderheit des jüdisch-biblischen Kalenders gehört allerdings, dass dieser erste Monat nicht deckungsgleich ist mit dem Beginn des jüdischen Jahres. Denn als erster Tag des neuen Jahres gilt der erste Tag des Herbstmonats Tischrei: Rosch Haschana (wörtlich „Kopf/Anfang des Jahres“). Laut jüdischer Überlieferung ist dies der Jahrestag von Adams Erschaffung – Tag sechs der Schöpfungsgeschichte. Jüdische Kalender beginnen deshalb üblicherweise mit dem Monat Tischrei, der dem siebten Monat des Jahres entspricht. Die Monate lauten: Nisan, Ijjar, Siwan, Tammus, Aw, Elul, Tschiri, Cheschwan, Kislew, Tewet, Schewat und Adar.
Aktuell befinden wir uns im jüdischen Jahr 5785 (gelegentlich wird die Jahreszahl nur dreistellig angegeben, wenn vorausgesetzt wird, dass dem Leser das Jahrtausend bekannt ist). Die Zählung beginnt ab dem Zeitpunkt der biblischen Schöpfung. Dieses Datum wurde vom jüdischen Gelehrten Hillel II. (350 bis 365 n. Chr.) anhand der biblischen Chroniken berechnet – wobei sich der Bibelkenner sicherlich bewusst war, dass die Zeit, wie wir sie kennen, laut Tora frühestens an Tag drei erschaffen wurde, als Gott sprach: „Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre“ (1. Mose 1,14).
Es gibt noch einen Grund, weshalb die Einrichtung eines Kalenders die erste Aufgabe war, die Gott seinem Volk auftrug: Nur wer einen Kalender hat, kann festgelegte Feiertage einhalten. Die Bibel macht an vielen Stellen deutlich, wie wichtig es Gott ist, dass sein Volk unterscheidet zwischen Zeiten des Alltags und Zeiten, die geheiligt werden sollen. Das hat auch etwas mit Ordnung zu tun, weiß die jüdische Lehre.
Die jüdischen Monate und Jahre werden durch Mond und Sonne bestimmt. Der Monat beginnt mit dem Anfang des Mondzyklus, wenn die erste dünne Sichel am Himmel erscheint. Der Mondzyklus umfasst 29,5 Tage, weshalb manche Monate 29 Tage, andere 30 Tage dauern. Weil ein Mondjahr allerdings nur 354 Tage zählt, statt 365 Tage wie ein Sonnenjahr, würden die jüdischen Festzeiten im Laufe der Zeit nicht mehr zu den Jahreszeiten passen. Deshalb wird dem jüdischen Jahr in zwei- und dreijährigen Abständen ein dreizehnter Monat hinzugefügt.
Der jüdische Kalender ist in Israel der offizielle Staatskalender. Parallel dazu wird aber auch der gregorianische Kalender genutzt, um die Kommunikation auf internationaler Ebene im Alltag nicht unnötig zu komplizieren.
Weniger kompliziert ist die Wochenberechnung. Auch im Judentum besteht die Woche aus sieben Tagen, die durchnummeriert sind, von eins bis sechs. Nur der siebte Tag trägt einen Namen: Schabbat.
Zur Besonderheit der jüdischen Zeitrechnung gehört allerdings, dass ein neuer Tag nicht um Mitternacht beginnt, sondern bereits bei Einbruch der Nacht, also am Vorabend, weil es in der Schöpfungsgeschichte heißt: „… da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ (1. Mose 1,5). Das zeigt auch, dass die Zeit im Judentum nicht als starres, künstliches Konstrukt betrachtet wird, sondern variabel ist, individuell abhängig von Standort und Jahreszeit.
Laut Talmud besteht eine (Tages-)Stunde außerdem nicht gleichbleibend aus 60 Minuten. Stattdessen entspricht sie 1/12 der Tageslichtzeit, gerechnet vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Unterschiede gibt es auch in der Stundenbenennung. Geht die Sonne um 6 Uhr morgens auf und um 18 Uhr unter, entspricht beispielsweise die biblische dritte Stunde des Tages nach heutiger, herkömmlicher Zeitrechnung 9 Uhr morgens. So erklären sich die Zeitangaben im Neuen Testament. Evangelist Markus schreibt: „Und es war die dritte Stunde, als sie Jesus kreuzigten“ (Markus 15,25). Als Sterbestunde wird die neunte Stunde genannt – 15 Uhr nachmittags (Markus 15,33). Im Alltag ticken die Uhren in Israel allerdings genauso, wie im Rest der Welt.
Rabbi Sforno lehrte, dass Zeit an sich aber ohnehin keine Bedeutung hat: Sie erhalte ihre Bedeutung einzig durch das, was wir tun, während sie vergeht.
Oder wie der 2001 verstorbene jüdisch-lutherische Pfarrer Richard Wurmbrand in Predigten ermahnte: „Ein Mensch, der 70 Jahre gelebt hat, wird von Gott zur Verantwortung gezogen werden für siebenunddreißig Millionen Minuten.“ Nutzen wir sie!
Amud heißt Säule. Das Wort kommt vom
Verb amad was stehen, stellen, bestehen
bedeutet. Amad kann aber auch wiederherstellen
und aufrichten bedeuten. Eine Säule symbolisiert
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Kraft, die Lasten trägt.
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