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Die letzte Nachricht

Karin Lorenz, Redaktionsleiterin, ICEJ Deutscher Zweig e.V.
eine Frau mit Mikrofon legt tröstend ihre Hand auf die schulter eines Mannes. Er hält ebenso ein Mikrofon in der Hnad und hat sein Gesicht in seine Handinnenflächen gelegt

Seine Stimme versagt. Mehrmals ist es Ofer Baram kaum möglich, weiterzusprechen. Aber er will, dass die Menschen hören, was in Israel am 7. Oktober geschehen ist.

Raketenhagel

Am Samstag um 6.20 Uhr begannen die Sirenen zu heulen. Im nächsten Moment detonierten die ersten Raketen. Einen solchen Beschuss hatten die leidgeprüften Bewohner der Ortschaften im Westnegev noch nie erlebt.

„Früher waren es an einem schlechten Tag 60 Raketen pro Stunde. Jetzt schossen sie 1000 Raketen in einer Stunde auf uns ab“, berichtet Ofer. Und da war noch etwas Anderes, was dem ehemaligen Fallschirmspringer auffiel: „Ich hörte Maschinengewehrsalven“.

Ofer wohnt in Sderot, drei Minuten entfernt von Kfar Aza, wo Sohn Aviv mit seiner Familie lebte. Jetzt rief seine Schwiegertochter Heli bei ihm an. Sie war im Bunker, zusammen mit ihren Kindern, dem vierjährigen Sohn und der einjährigen Tochter. „Aviv ist mit dem Zivilschutz draußen“, informierte die Schwiegertochter. Aviv gehörte zum kleinen Sicherheitsteam des Kibbuz. Dieser Zivilschutz hatte die Aufgabe, die Siedlung im Ernstfall eine halbe Stunde zu halten, bis die Armee anrückt. Aviv fuhr mit dem Motorrad zum Waffenlager des Kibbuz, erfuhr Ofer später. Vor dem Bunker sah sein Sohn zwei Freunde tot im Gras liegen. „Da verstand er, was hier passierte“, glaubt Ofer. Aviv rief seine Frau an und drängte sie, die Türen und Fensters zu schließen und sich einzusperren.

Heldenmut

Zusammen mit drei Kameraden gelang es Aviv, zwei Terroristen zu töten. Aber ein Kamerad wurde verwundet und es war klar, dass sie keine Chance hatten gegen die Übermacht der Angreifer. „Aviv gab dem Verletzten und den beiden anderen Feuerschutz, damit sie fliehen konnten“, weiß Ofer.

„Er rannte zwischen den Kugeln.“ Die Terroristen zerschossen seine Beine. „Er fiel“, sagt sein Vater, „aber er war noch fähig, eine Nachricht an seine Frau zu schicken: Ich bin verwundet.“ „Versteck dich hinter den Bäumen“, antwortete sie ihm. „Ich kann nicht“, schrieb er. Sie schickte ihm Mut machende Nachrichten und versuchte gleichzeitig verzweifelt, Kameraden zu erreichen, die ihm helfen könnten. Eine halbe Stunde später kam seine letzte Botschaft: „Ich liebe euch alle.“

Hilfe für Terroropfer

Vor vielen Jahren gründete Ofer für die Jewish Agency einen Hilfsfonds für Terroropfer, um unbürokratisch helfen zu können. Nach dem 7. Oktober wurden er und seine Familie selbst von diesem Fonds unterstützt. „Ich, der ich immer überall unterwegs war, um anderen Hilfe zu bringen, erhielt jetzt selbst Hilfe durch eure Spenden“, wendet er sich an die Konferenzteilnehmer.

Als Mitarbeiter der Jewish Agency war er für die Alijah zuständig, die Einwanderung der Juden in den jüdischen Staat. Er hat äthiopische Juden nach Hause gebracht, mit Booten, Flugzeugen, Bussen. Zehntausende. Er hat acht große Integrationszentren geleitet. „Ich dachte immer, dass man als Jude nur in Israel leben kann.“ Alijah war seine Berufung, seine Lebensaufgabe. Aber heute will er nur noch weg aus dem Land, das seiner Ansicht nach aus politischer Rücksichtnahme zu schwach war, seine Familie zu schützen. Raus aus Israel, zusammen mit seinen Enkelkindern. So bald wie möglich. „Aber wohin?“, fragt er mit Verbitterung. Überall Judenhass.

Er will Israel verlassen. Aber er hat bereits ein neues Projekt aufgebaut, eine Therapie-Werkstatt für Terroropfer. Nach seiner Pensionierung unterrichtete Ofer als Hobby-Schreiner im Kunsthandwerk-Projekt Beit Melacha in Kfar Aza. Es wurde beim Terrorangriff zerstört.

Holz als Therapie

Mit viel Unterstützung der israelischen Nachbarn konnte das neue Therapie-Zentrum in einem anderen Kibbuz in einer halb zerstören Halle aufgebaut werden. Fremde halfen bei der Renovierung, andere brachten kostenlos hochwertiges Werkzeug und Holz vorbei. Das neue Beit Melacha kann in den nächsten Tagen schon eröffnet werden.

„Es ist Livnat Kotz gewidmet“, betont Ofer. Livnat war die Gründerin des alten Kunsthandwerk-Projekts. Sie wurde von den Terroristen umgebracht, zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Als die Familie ermordet wurde, hielten sie einander in den Armen. Eng umschlungen. So fanden die Bergungstrupps ihre Leichen.

Er glaubt nicht an Gott, stellt Ofer vor der Konferenz im Vier-Augen-Gespräch klar. Doch die Gebete an diesem Abend berühren sein Herz. Am Ende der Konferenz bittet er die Christen: „Ihr habt die Verbindung, betet doch, dass die Entführten zurückkommen“. Und vor seinem Rückflug nach Israel bekennt er vor laufender Kamera: „Es war eine große Erfahrung für mich, hier zu sein. Seit langem habe ich keine solche Liebe mehr gefühlt wie bei euch.“

Wir durften erleben, wie Gottes heilende Gegenwart für Ofer spürbar geworden war.

(Foto: Die Erinnerung schmerzt. Ofer Baram mit Dolmetscherin Lisa Schmid)

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