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Die hebräische Bibel enthält unzählige verschlüsselte Botschaften. Sie besteht laut jüdischer Lehre aus mehreren Schichten. Die oberste Schicht enthält den rein literarischen Sinn. Aber bereits jeder einzelne Buchstabe und sogar jeder grafische Bestandteil eines Buchstabens ergänzt den Inhalt um eine weitere, versteckte Botschaft, die im Tora-Studium erforscht wird. Daher wird eine Torarolle auch unkoscher, wenn nur ein einziger Strich unleserlich oder beschädigt ist. Jesus selbst spricht ebenfalls jedem kleinsten Buchstaben der Heiligen Schrift eine große Bedeutung zu. „Bis Himmel und Erde vergehen, soll nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist“, betont Jesus mehrfach, beispielsweise in Lukas 16,17. Deshalb ist es auch für uns Christen spannend und lehrreich, sich dem Alten Testament in der hebräischen Sprache zu nähern. Ein gutes Beispiel für die verschiedenen Schichten, die in der Tora und in jedem einzelnen Buchstaben der Tora verborgen sind, ist der Buchstabe Alef.
Alef ist der erste von 22 Buchstaben im hebräischen Alefbet. Alef wird häufig mit dem deutschen Vokal „A“ verglichen. Doch das ist so nicht richtig. Denn Alef ist ein Konsonant – das hebräische Alefbet besteht ausschließlich aus Konsonanten. Und Alef ist ein Buchstabe, der in kein Klangkorsett passt. Alef selbst ist unaussprechlich. Gleichwohl aber wird dieser Konsonant in vielen Wörtern wie ein Vokal ausgesprochen, meist als „A“, aber auch ein „E“, „I“, „O“ oder „U“ sind möglich.
In Anfängertexten und Gebetsbüchern zeigt ein System aus kleinen Punkten und Strichen unter, über oder hinter den Buchstaben, welche Vokalisierung für das Alef im jeweiligen Wort gilt. Je nachdem, welchen Vokal man einsetzt, kann ein anderes Wort bzw. eine unterschiedliche Wortbedeutung entstehen. In Torarollen hingegen gibt es keine Punktierung, denn die Mehrdeutigkeit der Worte zu erforschen ist Teil des Torastudiums.
Ein geschriebenes Wort kann also unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, welche Vokale man für Alef einsetzt. Laut jüdischer Lehre symbolisiert Alef damit Gottes geheimes, unbegreifliches Wesen. Das Alef gilt deshalb als Gottesbuchstabe. Denn genau wie Gott bleibt Alef letztlich unfassbar und unerklärlich. Gottes Wesen lässt sich nicht in ein Korsett pressen. Seine Gegenwart kann in vielfältigen Formen auftreten – oder komplett unbemerkt bleiben. Auch drei der wichtigsten Gottesnamen beginnen mit einem Alef: Elohim אֱלֹהִים, Adonai אֲדֹנָי, Adon Olam אֲדוֹן עוֹלָם.
Der im Alef verborgene Hinweis auf Gott wird durch den Zahlenwert des Buchstabens bestätigt. Im Hebräischen entspricht jeder Buchstabe einer Zahl. Alef repräsentiert den Zahlenwert 1. Die Eins steht für die Einzigartigkeit, Unteilbarkeit Gottes und ist dabei in allen anderen natürlichen Zahlen enthalten. Alef steht im Judentum zugleich für das erste der zehn Gebote: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Hause der Knechtschaft.“
Obwohl Alef für die Einheit und Einzigkeit Gottes steht, wird der Buchstabe graphisch aber aus drei einzelnen Elementen gebildet, nämlich aus dem hebräischen Buchstaben Jod י (zweimal) und einem schrägstehenden Waw ו in der Mitte.
Das Jod oben rechts steht laut jüdisch-orthodoxer Auslegung für das Himmelreich, das andere Jod unten links für die Menschen, speziell für Gottes Volk. Das Waw in der Mitte verbindet beide Elemente und symbolisiert damit die Tora, das Wort Gottes – und darin dürfen wir als Christen Jesus erkennen, das Fleisch gewordene Wort Gottes (Joh 1,1.14).
Im Alef verbindet und erfüllt sich damit das Alte und das Neue Testament. Wie Jesus sagt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Matthäus 5,17).
Und es gibt noch mehr Hinweise auf Jesus im Gottesbuchstaben Alef. Denn der Buchstabe Jod, der im Alef enthalten ist, entspricht ausgeschrieben als Wort „Jod“ יוד in der Schreibweise exakt der Schreibweise des hebräischen Wortes „Jad“ יוד = Hand. Deshalb können die zwei Jod/Jad im Alef auch als Hinweis auf zwei Hände verstanden werden. Das schrägstehende Waw in der Mitte symbolisiert laut jüdisch-orthodoxer Lehre einen Nagel, und zwar einen Nagel, mit dem das heilige Stiftszelt in der Wüste am Boden befestigt wurde. Also kann das Alef als Hinweis auf zwei durchbohrte Hände verstanden werden.
Nähern wir uns einigen weiteren Schichten, die sich im Alef verbergen:
Das Wort „Alef“ אָלֶף hat zugleich eine literarische Bedeutung. Es steht für Herrscher, weist aber auch auf ein alttestamentarisches Opfertier hin, den Stier. Herrscher und Opfer – in Jesus erfüllen sich beide Bedeutungen.
Interessanterweise lehrte der große Rabbi Raschi (1040 bis 1105 n.Chr.), dass der Buchstabe Alef versteckte Hinweise auf den Messias enthalte. Laut Rabbi Raschi wird Gott seinen Messias einmal durch das Alef offenbaren und das jüdische Volk durch das Alef zur Erlösung führen.
Das Alef ist auch Teil einer großen Liebesgeschichte, die sich durch die ganze Bibel zieht: Die Tora beginnt bekanntlich mit den Worten „Im Anfang“, auf Hebräisch „Bereschit“ בְּרֵאשִׁית. Noch ehe er Himmel und Erde erschuf, bestätigt Gott hier bereits seine tiefe Verbundenheit mit Abraham und dessen Nachkommen. Denn gleich in diesem ersten Wort verweist Gott auf den Bund, den er mit seinem Volk schließen will: Nimmt man die erste und letzte Silbe des Wortes Bereschit, also Bet und Resch sowie Jad und Taf, erhält man das Wort „Brit“ בְּרֵאשִׁית.
„Brit“ (ברית) bedeutet Bund. Als Gott seinen Bund mit Abraham schloss, ließ er zur Bestätigung ein Feuer durch eine Gasse aus zerteilten Opfertieren laufen (1. Mose 15,8 ff). Die Buchstaben, die im Wort Bereschit zwischen der Gasse „Br“ und „it“ stehen, ergeben das Wort „Esch“ אש – das hebräische Wort für Feuer.
„Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoß kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt“, offenbart Gott in Jeremia 1,5.
Was für eine Liebe und Treue!
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