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Die SchUM-Gemeinden: Wiege des aschkenasischen Judentums

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
Ester Heinzmann
Eine symbolische Darstellung Raschis, der Mann trägt einen Hut, seiner Zeit entsprechende Kleidung und schreibt mit einer Feder.

Im Hochmittelalter lebte die jüdische Bevölkerung Deutschlands vor allem in den Bischofsstädten Mainz, Speyer, Magdeburg, Merseburg und Regensburg. Die Bischofssitze befanden sich in urbanen Zentren und um die Bedeutung ihrer Städte anzuheben - insbesondere als regionale Marktstädte - ermutigten die Bischöfe die Ansiedlung jüdischer Händler.

Obwohl Juden keine Bürger waren, genossen sie dennoch bis zu den Pogromen zur Zeit des ersten Kreuzzugs 1096 relative Freiheit, was sich u.a. in der wachsenden Bevölkerungszahl wiederspiegelte: Lebten Ende des 10. Jahrhunderts noch etwa 4.000 bis 5.000 Juden in Deutschland, wuchsen die jüdischen Gemeinden in den nächsten einhundert Jahren auf bis zu 25.000 Personen an.

Gerschom Rabbeinu

Im 10. Jahrhundert ließen sich jüdische Familien aus Italien und Südfrankreich in den sog. SchUM-Städten Speyer (Schpiro), Worms (Urmaisia) und Mainz (Magenza) nieder. In den dort entstandenen jüdischen Gemeinden (Kehilot SchUM) erlebte das Judentum in Deutschland seine erste Blütezeit.

Bis ins Mittelalter hinein waren die jüdischen Zentren in Mesopotamien („Babylonien“, daher auch „Babylonischer Talmud“) die geistliche Autorität der in der Zerstreuung lebenden Juden. Als Rabbi Gerschom ben Jehuda (960-1028) - genannt Gerschom Rabbeinu (unser Rabbi Gershom) mit dem Beinamen „Licht des Exils“ - eine Jeschiwa (Talmudschule) in Mainz gründete und in den Folgejahren auch in den Schwestergemeinden Speyer und Worms Jeschiwas entstanden, entwickelte sich ein von der babylonischen Tradition unabhängiges Judentum: das aschkenasische Judentum, mit eigenen Talmudschulen und eigenen Rechtsauslegungen.

Raschi

Aus ganz Europa kamen jüdische Männer in die SchUM-Gemeinden, um dort an den Jeschiwas zu lernen. Der berühmteste Talmudschüler war Rabbi Schlomo ben Isaak, genannt Raschi, der von 1055 bis 1065 in Worms studierte. Raschi gilt als der bedeutendste Kommentator der Hebräischen Bibel und des Babylonischen Talmuds. Sein Werk ist für Talmudschüler bis heute unverzichtbar. Obwohl seine Wirkungsstätte das französische Troyes war, geht das Ansehen Worms in der jüdischen Welt auf Raschis Studienzeit dort zurück.

Takkanot Kehilot Schum

Die SchUM-Gemeinden sind auch wegen ihrer Rechtsbestimmungen (Takkanot) berühmt. Diese wurden beim Auftreten neuer Rechtsprobleme, für die es nach jüdischem Recht noch keine Verordnungen gab, erlassen. Bereits bestehende Rechtsbestimmungen, die als nicht mehr zeitgemäß galten, wurden angepasst. Takkanot konnten zivile, soziale, wirtschaftliche und religiöse Angelegenheiten betreffen. So verboten die SchUM-Gemeinden unter dem Einfluss Gerschom Rabbeinus z.B. die Polygamie, legten fest, dass Ehescheidung nur noch in beiderseitigem Einvernehmen erfolgen durfte, und führten das Briefgeheimnis ein.

Die Gemeinden forderten die strikte Einhaltung der Rechtsbestimmungen– unter Androhung von Gemeindeausschluss und Bann. 1220 und 1223 wurden die Takkanot einzelner Gemeinden zusammengefasst und als allgemein verbindlich erklärt: die Takkanot Kehilot SchUM.

Die Blütezeit jüdischen Lebens am Rhein endete 1096 mit den antijüdischen Pogromen während des ersten Kreuzzugs.

Am 27. Juli 2021 wurden die SchUM-Stätten in Speyer, Worms und Mainz als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Es handelt sich um das erste jüdische UNESCO-Welterbe in Deutschland.

(Foto: Wikimedia Commons, Darstellung Raschis, 16. Jh.)

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