In den Jahren 1947 bis 1979 flohen rund 850.000 Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran oder wurden von dort vertrieben. Die große Flüchtlingswelle fand in der Weltöffentlichkeit bis heute kaum Beachtung.
Staatlich gesteuerte Pogrome
In den 1940er Jahren kam es in vielen arabischen Ländern zu gewaltsamen Übergriffen gegen Juden. In der irakischen Hauptstadt Bagdad, deren Bevölkerung zu knapp 30 Prozent jüdisch war, wurden 1941 während der NS-inspirierten Farhud-Pogrome 179 Juden ermordet, rund 2.000 verletzt, verstümmelt und vergewaltigt. Im libyschen Tripoli fielen 1945 etwa 140 Juden, darunter 36 Kinder, einem drei Tage währenden Massaker zum Opfer. In Aleppo (Syrien) wurden 1947 rund 70 Juden ermordet sowie hunderte verletzt.
Die Ursache dieser Judenfeindlichkeit war nicht der Zionismus oder die Gründung des modernen Israel. Antijüdische Pogrome in den islamischen Ländern reichten zurück bis ins Mittelalter, wie 1033 im marokkanischen Fes oder 1066 im muslimisch beherrschten Granada (Spanien). Jahrhundertealte antisemitische Ressentiments, die sich auch in der Rolle der Juden als Bürger „zweiter Klasse“ (sog. Dhimmis) widerspiegelten, bildeten den Nährboden für Hass und Gewalt. Juden, auch wenn sie persönlich dem Zionismus ablehnend gegenüberstanden, wurden als Spione des neuen Erzfeindes diffamiert und zur leichten Zielscheibe.
Die große Flucht
Fast überall überschnitt sich die Flucht der Juden mit geopolitischen Ereignissen. Aus Marokko, dem Irak und dem Jemen folgte sie auf die Staatsgründung Israels. Etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Ägyptens floh nach 1948, die zweite Hälfte infolge des Suez-Kriegs 1956. Die Juden Algeriens flohen nach dem Ende der Kolonialherrschaft, mehrheitlich nach Frankreich, und die meisten der bis dahin noch im Iran verbliebenen Juden emigrierte infolge der islamischen Revolution 1979.
Angesichts der sich zuspitzenden Situation in vielen arabischen Ländern trat der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad in Aktion. 1949-1950 wurde im Zuge der „Operation Fliegender Teppich“ fast die gesamte jüdische Gemeinde des Jemen, etwa 49.000 Personen, nach Israel gebracht. Die „Operation Esra und Nehemia“, mit der etwa 120.000 irakische Juden innerhalb eines Jahres über Zypern nach Israel ausgeflogen wurden, beendete das babylonische Exil des jüdischen Volkes, das 597 v. Chr. zur Zeit Nebukadnezars begonnen hatte. Mit der „Operation Jachin“ wurden 1961-1963 die noch in Marokko verbliebenen Juden, mit rund 265.000 Personen einst die größte jüdische Gemeinde in der arabischen Welt, evakuiert.
Die Juden Nordafrikas und des Nahen Ostens ließen nicht nur die Orte ihrer Kindheit oder die Gräber ihrer Mütter und Väter zurück. Bei der Ausreise wurden sie gezwungen, ihren gesamten Besitz aufzugeben, dessen Wert heute auf rund 300 Milliarden Euro geschätzt wird. Dazu zählt Grundbesitz von mehr als 100.000 Quadratkilometern – einer Fläche fünfmal so groß wie das heutige Israel.
Schwerer Neuanfang
Der junge jüdische Staat, der sich noch im Aufbau befand und gerade erst hunderttausende Überlebende des Holocaust aus Europa aufgenommen hatte, musste nun auch den Zustrom mittelloser, aber kinderreicher Flüchtlingsfamilien aus den arabischen Ländern stemmen.
Zehntausende von ihnen wurden in Zelten, Holz- oder Wellblechhütten untergebracht. Prekäre sanitäre Bedingungen und Nahrungsmittelknappheit führten zu Krankheiten und einer hohen Kindersterblichkeitsrate. Die Erinnerung an die überfüllten Auffanglager ist bis heute ein wunder Punkt in der israelischen Gesellschaft.
Heute machen Juden nordafrikanischer und orientalischer Abstammung, Sephardim und Misrachim genannt, rund 44,9 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels aus. Etwa 8.000 Juden leben weiterhin im Iran, 2.000 in Marokko und 1.000 in Tunesien. In den anderen arabischen Ländern ist die jüdische Gemeinde vollends verschwunden.
2014 ernannte Israel den 30. November zum Gedenktag an die Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran.


