MENÜ

Die Wannsee-Konferenz: Planung des Massenmords

Die Wannsee-Konferenz: Planung des Massenmords

Dr. Jürgen Bühler, ICEJ-Präsident (Jerusalem)
Gebäude der Wannseekonferenz

Im Januar 1942 kam es in Berlin zu einer der katastrophalsten Besprechungen der Menschheitsgeschichte. In der Villa Wannsee wurde Adolf Hitlers Plan zur Ermordung der in Europa lebenden elf Millionen Juden abgesegnet - während eines anderthalb Stunden dauernden Mittagessens. Der Arbeitstitel der Zusammenkunft lautete „Die Endlösung der Judenfrage“. Das Ergebnis dieser Konferenz war der beispiellose Völkermord an sechs Millionen Juden in Europa.

Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erwähnte Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ und zahlreichen Reden seine dämonische Vision von der Vernichtung des Judentums. Ziel der Wannsee-Konferenz war es, diesen von Hitler bereits beschlossenen Plan durch die wichtigsten Reichsministerien offiziell "genehmigen" zu lassen.

"Deutsche Reinkultur"

Schockierend ist auch der Blick auf die 15 Teilnehmer dieser Konferenz. Es versammelte sich dort nicht ein ungebildeter Mob verrohter Nazischergen oder opportunistischen Emporkömmlingen, die durch die Gunst der Stunde, zwar unqualifiziert, aber linientreu an die Macht gekommen waren. Die Teilnehmerliste zeigt das Gegenteil. Neun der 15 Teilnehmer waren promovierte Juristen, Volkswirte und sogar Theologen. Die meisten kamen aus guten, scheinbar geordneten Verhältnissen. Die Eltern waren selbst zumeist leitende Angestellte, höhere Beamte, Kaufleute und Fabrikanten. Reinhard Heydrich war der Sohn eines Komponisten und Direktors eines Konservatoriums. Wilhelm Kritzinger war gar der Sohn eines Pfarrers. Sieben der 15 Lebensläufe weisen auf einen christlich-religiösen Hintergrund der Eltern hin.

Bei den Treffen selbst herrschte „deutsche Reinkultur“: „Das geht eben sehr ruhig, sehr freundlich, sehr höflich und sehr artig und nett zu, und es werden nicht viele Worte gemacht. Es dauert auch nicht lange. Es wird dann ein Cognac gereicht durch die Ordonanzen und dann ist die Sache eben vorbei.“ So erinnerte sich Adolf Eichmann bei seinem Verhör in Israel 1960 an die Sitzung, die über elf Millionen Menschen das Todesurteil fällte.

Auch wenn während der Sitzung Klartext geredet wurde und von Vergasung, Erschießung und Zu-Tode-Schinden die Rede war, spiegelt sich dies im Protokoll lediglich als „Sonderbehandlung“ wider.

Der Schauplatz der Konferenz befand sich dabei im kulturellen Zentrum des aufgeklärten und – so genannten – christlichen Abendlandes. Es war das Land der Dichter und Denker, wie Kant, Hegel und Heidegger; das Land der wissenschaftlichen Errungenschaften und Nobelpreise. Es sei an Max Planck, Frank Hertz und Albert Einstein erinnert, um nur einige wenige zu nennen.

Das Versagen der christlichen Kirche

Die Frage drängt sich dabei unwillkürlich auf, ob es sich nicht auch heute wiederholen könnte. Wenn die aufgeklärte Kultur Deutschlands, die damals in den 1920er Jahren eine Blütezeit erlebte, kaum innere Barrieren aufwies, um dieses anti-christliche Reich des Bösen aufzuhalten, können wir da annehmen, dass unsere ethischen, moralischen und vor allem geistlichen Fundamente heute tiefer und stabiler gegründet sind als vor 70 Jahren?

Selbst große humanistische Denker, wie der Philosoph Martin Heidegger, konnten sich damals dem Bann der Naziindoktrination nicht entziehen. Aufgeklärte Wissenschaftler, wie der renommierte Physiker und Nobelpreisträger Johannes Stark, vertraten eine „arische Physik“ und bezeichneten z.B. Einsteins Theorien als jüdische Verschwörung.

Daher darf es nicht nur bei heute überall gehörten Appellen, wie „Nie wieder!“ bleiben. Für uns als ICEJ sind unsere Partnerschaft mit der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem und die Christlichen Freunde Yad Vashems eine strategische Partnerschaft, die durch weltweite Lehre und Informationsarbeit dazu beitragen soll, dass unter den Christen eine neue Wachsamkeit entsteht.

(Foto: Pixabay, Haus der Wannsee-Konferenz)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Skulptur ”Heart of the Sea” bei Ma’agan Michael

Liebe - Ahawa

Die Liebe ist nicht dafür geschaffen zu konsumieren,
sondern zu geben! Geben ist die Wurzel
der Liebe. Liebe definiert sich nicht in erster
Linie über das, was wir fühlen, sondern über das,
was wir tun, was wir geben.

Die Liebe ist nicht dafür geschaffen zu konsumieren,
sondern zu geben! ...

Rabbiner Trebnik

Jede Sekunde zählt

Wer ein Menschenleben rettet, rettet eine ganze Welt, lehrt der Talmud. Was ist die tiefere Bedeutung dahinter? Gedanken über Leben und Tod, Sterbehilfe, Terror und Toleranz aus jüdischer Sicht.

Wer ein Menschenleben rettet, rettet eine ganze Welt, lehrt der Talmud. Was ist die tiefere Bedeutung da...

altes schwar-weoß Foto von Menschen die mit Gewhren in einem Schützengraben stehen. Sie tragen arabische Kopfbedeckung, eine Frau ein Schwesternhut

90 Jahre Arabischer Aufstand

Das ist passiert: Im April 1936 begann der drei Jahre anhaltende „Arabische Aufstand“. Am Ende der gewaltsamen Auseinandersetzungen standen mehr als 2.000 getötete Juden, mehr als 3.000 getötete Araber und etwa 600 getötete Briten.

Das ist passiert: Im April 1936 begann der drei Jahre anhalten...

Der israelische Minister Eli Cohen (stehend) bedankte sich bei Dr. Jürgen Bühler, Nicole Yoder und Yudit Setz (von links) für die Hilfe der ICEJ.

Wie Christen Holocaustüberlebenden beistehen

Am 27. Januar jährte sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum 81. Mal. Weltweit wurde an die sechs Millionen jüdischen Opfer der Schoah erinnert. Der Holocaust-Gedenktag ist unseren Heimbewohnern sehr wichtig.

Am 27. Januar jährte sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum 81. Mal. Weltweit ...

Zwei Männer und eine Frau lächeln in die Kamera. Ein Mann hält eine kleine Israelfahne in der Hand

Das Exil im Osten geht zu Ende!

Von den Steppen Zentralasiens bis zu den ummauerten Städten Chinas und den nebelverhangenen Hügeln Indiens – die israelitischen Stämme wurden bis in die entlegensten Winkel dieser riesigen Region zerstreut.

Von den Steppen Zentralasiens bis zu den ummauerten Städten Chinas und den nebelverhangenen Hügeln Indie...

Rena Quint´s Geschichte

Unfassbare Wunder im Holocaust

Rena Quint wird im Dezember 1935 in der polnischen Stadt Piotrkow geboren. Mit dem Einmarsch der Deutschen beginnt für ihre Familie die Katastrophe.

Rena Quint wird im Dezember 1935 in der polnischen Stadt Piotrkow geboren. Mit dem Einmarsch der Deutsch...