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Schätze des hebräischen Denkens – Hoffnung für jeden Tag

Schätze des hebräischen Denkens Hoffnung für jeden Tag

Hanna Tischer, Hebräisch-Lehrerin und Referentin
Ein Olivenzweig

„Ich weiß, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht
des Unheils, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben.“ Jeremia 29,11 (Schlachter 2000)

Sehnsucht nach Perspektive

Hoffnung ist etwas, wonach wir alle in diesen Zeiten lechzen, sei es persönlich, in der Gesellschaft
oder weltweit. Die globale Herausforderung der Pandemie, massive gesellschaftliche Veränderungen,
eine Atmosphäre von Angst in allen Bereichen der Gesellschaft. Auch privat gehen viele Menschen
durch große Herausforderungen. Es sind stürmische Zeiten, die unsere Seele aufwühlen und das
Unterste nach oben bringen, uns voneinander entzweien und viele Menschen entsetzlich einsam
zurücklassen. Wir wollen gerne Hoffnung denken, aber wir merken, dass Angst wirklich eine Macht
ist und dass wir uns in einem Kampf befinden.

Und doch erleben wir auch, dass sich Entscheidendes verändert, wenn wir wieder eine Perspektive
sehen, Hoffnung denken können, selbst wenn die Umstände noch genau die gleichen sind. Dann
sprudeln wieder kreative Gedanken, dann sehen wir wieder die nächsten, guten Schritte, dann haben
wir wieder einen Blick füreinander und gegenseitige Ermutigung fließt.

Wer die Hoffnung ist

Hoffnung ist ein zentrales Thema der Bibel. Eigentlich ist sie keine Sache, sondern eine Person. Gott
hat nicht nur Hoffnung, er IST der Hoffnungsgott! (Römer 15,13). Sie ist auch nicht irgendwo da
draußen, sondern „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1,27)! Wer also bewusst
im Bund mit Gott steht, in dem lebt die Hoffnung in Person! Sollte es also möglich sein, Jesus zu
bitten, in uns Hoffnung zu wecken? Könnten wir mit seiner Hilfe lernen, seine Gedanken
mitzudenken und entsprechend auch zu reden und zu handeln?

Ha Tikvah

Biblisches Hebräisch hat gleich zwei Begriffe für „hoffen“. Den einen kennen viele von uns vom Titel
der israelischen Nationalhymne „Ha Tikvah“ והָקְ תִ הַ her. „Ha Tikváh bat schnot alpájim“ – die 2000
Jahre alte Hoffnung. Schon in diesem Lied wird deutlich, dass Hoffnung alles andere als ein dumpfes
Warten ist. Es ist eine Lebenshaltung, die schwerste Zeiten zu durchstehen vermag, die das Hier und
Heute aktiv gestaltet im Blick auf ein Ziel, für das es sich lohnt, einen hohen Preis zu zahlen. Und es
ist eine gemeinsame Hoffnung. Man betet sie gemeinsam, spricht von ihr, singt, feiert sie zu Hause
und in den Gottesdiensten, man geht gemeinsam durch die Stürme und hält aneinander und an der
gemeinsamen Hoffnung fest. So hat das jüdische Volk 2000 Jahre lang unter schwierigsten
Umständen seine Identität bewahren können – und heute sind wir Zeugen der Erfüllung dieser
Hoffnung, die schier unmöglich schien. Welch eine Ermutigung!

Das Wort Tikvah והָקְ תִ geht auf die Wortwurzel kaváh והָקָ zurück mit der Bedeutung „drehen,
winden, binden“. Kav קוַ ist eine Schnur, in der Bibel gebraucht für Messschnur, Richtschnur (Befehl)
oder auch Saite eines Instruments. Von der gewundenen Schnur, dem Seil, geht die Bedeutung
weiter zu Strang oder Englisch strong, also stark, fest als Hintergrund zum Warten, Harren,
Vertrauen. Steht es im Akkusativ, wartet, hofft man auf etwas, eine Sache. Viel öfter aber wird es mit
dem Wörtchen „zu“ verbunden und meint dann Gott, zu dem hin man hofft, dem man vertraut. Bei
ihm also ist unser Seil angebunden, nicht an Umständen und Dingen, die möglicherweise passieren,
vielleicht aber auch nicht. Der Hoffnungsgott in Person, seine Treue, seine Verlässlichkeit und sein
Wort sind Quelle und Anker unserer Hoffnung (Hebräer 6,18-19). Hier ahnen wir schon etwas von
der Qualität dieser Hoffnung, die mitten durch schwerste Bedrängnisse hindurch Grundlage des
Denkens, Redens und Handelns bleiben kann.

Hoffnungsstark

Noch stärker kommt dies zum Ausdruck im zweiten Hoffnungsbegriff. Seine Wortwurzel chul חוּל
bedeutet ebenfalls „drehen“, auch „reiben“, daher chol חוֹל – Sand. Im modernen Hebräisch nennt
man den Alltag jom chol חוֹל יוֹם – Sandtag. Es reibt, man watet durch Sand. Das Bild des Drehens
kommt biblisch z.B. im Zusammenhang mit Stürmen vor, aber auch im „sich winden in Schmerzen“,
vor allem beim Gebären eines neuen Lebens. Was für ein Hoffnungsbild!

Außerdem führt es uns wieder zum Bild des Seiles, zu „stark, dauerhaft (eigentlich: gewunden) sein“
zurück. Das Nomen chail חייל) Stärke, mächtige Taten) wird in der Bibel häufig für Gott gebraucht,
aber auch z.B. für die Frau in Sprüche 31. All diese Untertöne schwingen schließlich mit im Verb
„bleiben, warten, harren, hoffen“ jichél חלֵ יִ . Es ist ein Dranbleiben trotz Reibung, Sturm und
Schmerz, eine Stärke, die gemeinsam mit Gott etwas zur Geburt bringen kann. In Psalm 42 und 43
werden solche Lebensstürme in dramatischen Worten beschrieben. Drei Mal heißt es in einer Art
Refrain: „Harre (jichél) doch auf Gott, meine Seele, denn ich werde ihm noch danken…“

Eine letzte, erstaunliche Ableitung aus der Wurzel chul ist das Wort machol מחול – Reigentanz, in
der Bibel eine Art des Lobpreises, ein Trotzdem-Aufstehen als ganze Person, in Stärke und Hoffnung.
Auch heute wird in Israel viel getanzt. Viele der modernen Volkstänze sind vertonte Bibelstellen. Man
tanzt in Zeiten der Bedrohung, nach Terroranschlägen, unter Raketenbeschuss. Man tanzt sich den
Staub von der Seele. Man tanzt, um trotz allem seelisch gesund und dem Leben zugewandt zu
bleiben. Wollen wir diese Lebenshaltung lernen?

Dreiklang

Im Neuen Bund begegnet uns das Wort Hoffnung erstaunlich oft im Dreierpack mit Glaube und Liebe.
Die drei bedingen und fördern einander. Ein angstbesetztes, hoffnungsloses Denken ist nicht fähig
zur Liebe. Wer sich jedoch geliebt weiß, Gott kindlich vertraut und wer selbst liebt, atmet Hoffnung.
In Römer 5,1-5 sehen wir wieder, wie aus Bedrängnissen, durch die wir ganz bewusst mit Gott gehen,
Bewährung, Geduld und Hoffnung wachsen können. „Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden,
denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
(Vers 5)

In 1. Thessalonicher 5,8 fordert Paulus uns auf, nüchtern zu sein und neben dem Brustpanzer des
Glaubens und der Liebe den Helm der Hoffnung auf das Heil zu tragen. Hier geht es wieder um unser
Denken, das wir nach Römer 12,2 beständig durch Gott erneuern lassen sollen. Der Kampf in unseren
Tagen tobt vor allem um unser Denken. Denkmuster, Denksysteme, Quellen, aus denen wir unser
Denken speisen. Alles andere entwickelt sich daraus. Ein Helm schützt das Denken. Hebräisch
gedacht wäre Heil jeschu´áh עהָישׁוֵּ, ein weiter Begriff, der sowohl praktische Hilfe, heilvolle
Veränderungen in allen Lebensbereichen, als auch innere Erlösung, Durchbrüche, Rettung bis hin
zum vollkommen heilvollen Leben in Gottes neuer Welt umfasst. Die neutestamentliche Gemeinde
Jesu lebte kraftvoll in der Erwartung seiner Rückkehr und rechnete mit seinen göttlichen
Dimensionen im Alltag. Das nennt Paulus „nüchtern“.

Hoffnungsvoll

In 1. Korinther 13,13 heißt es, dass Glaube, Hoffnung und Liebe in Ewigkeit bleiben werden. Wieso
brauchen wir dann noch Hoffnung? Wir haben schon gesehen, dass Hoffnung viel mehr ist als das
Erwarten bestimmter Dinge. Es ist ein Denksystem, ein Lebensstil, es ist die Luft, die wir in Gottes
Gegenwart atmen.

Wir leben mitten in großen Stürmen, aber in einer sehr wichtigen Zeit. Etwas soll geboren werden.
Gott ruft Hoffnung aus, und sie beginnt in unserem Denken. Lasst uns ihm erlauben, unser Denken
und damit auch unser Reden zu erneuern. Lasst uns sein Wort meditieren, auswendig lernen, singen,
tanzen, zurückbeten in sein Herz; lasst uns einander ermutigen und das reden, was aufbaut (Philipper
4,8), statt in unseren Gesprächen die schwarze Soße noch einmal umzurühren. Lasst uns gemeinsam
als Kinder Gottes mitten in Stürmen und Sandtagen eine Atmosphäre göttlicher Hoffnung kultivieren,
weil Er, der Hoffnungsgott, in uns lebt.

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