Investoren als Feindbild
In Israel ist alles politisch. Auch ein Arbeitsplatz – davon gibt es mehr als 12.000 im modernen Industriegebiet Barkan, 25 Kilometer östlich von Tel Aviv. Rund 150 Unternehmen haben sich hier angesiedelt und Wohlstand in die wirtschaftlich schwache Region im biblischen Judäa und Samaria gebracht, im sogenannten „Westjordanland“. Doch die Unternehmen gehören jüdischen Israelis. Und weil das „Westjordanland“ für Juden tabu sein soll, wenn es nach den Plänen der Vereinten Nationen und der EU geht, gelten die jüdischen Investoren in der Weltöffentlichkeit als Völkerrechtsverletzer und Friedenshindernis.
Kollegen statt Gegner
Die Palästinenser, die in der israelischen Siedlung beschäftigt sind, sehen das allerdings anders. Sie schätzen ihre jüdischen Arbeitgeber und Kollegen. Barkan ist nicht nur ein Industriegebiet, sondern auch ein Musterbeispiel für gelungene Koexistenz und Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Israelis. Selbst während der schlimmsten Phasen der Intifada blieb es friedlich in Barkan. Das bestätigt auch Abed. Der Moslem arbeitet seit 20 Jahren als leitender Mitarbeiter im Lager der israelischen Firma Twitoplast, ein mittelständisches Unternehmen, das auf die Herstellung von Kunststoffteilen für Lüftungssysteme spezialisiert ist. Der Familienbetrieb ist Arbeitgeber für über 150 Menschen – die Hälfte von ihnen Palästinenser. Auch Abeds Bruder arbeitet in Barkan, erzählt der Moslem
Dreifacher Lohn
Die Arbeitsplätze sind begehrt, denn bei israelischen Firmen verdienen die palästinensischen Mitarbeiter mehr als das Dreifache des Lohns, der sonst im „Westjordanland“ üblich ist. Außerdem gibt es in israelischen Firmen strenge Arbeitsschutzregeln, bezahlte Urlaubs- und Krankheitstage, Rentenbeiträge und medizinische Versorgung. Die Anwesenheit der erfolgreichen israelischen Unternehmen ist für die Region ein Segen. Denn außerhalb des Industriegebiets sind Arbeitsplätze nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch kaum zu finden – unter der Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde liegt die Wirtschaft am Boden. Einzig die Arbeitslosenquote wächst, obwohl die Palästinensische Autonomiebehörde Milliarden Euro Subventionen aus Europa erhält.
Finanzelle Versorgung
Twitoplast belegt eine führende Stellung auf dem internationalen Markt für Lüftungssysteme. Die vom Unternehmen selbst entwickelten Produkte sind ein Verkaufsschlager. Firmengründer Israel Twito, ein jüdischer Einwanderer aus Tunesien, entschied sich bewusst für das Industriegebiet im „Westjordanland“, um den Menschen dort Arbeitsplätze zu bieten. Insgesamt arbeiten rund 100.000 Palästinenser in jüdischen Betrieben in Judäa und Samaria. Durchschnittlich versorgt ein Gehalt zehn Personen – Großeltern, Eltern, Kinder. Die jüdischen Betriebe sichern damit täglich die finanzielle Lebensgrundlage für rund eine Million Palästinenser. Das entspricht zwei Drittel der 1,6 Millionen Palästinenser, die im „Westjordanland“ leben.
Fatale Boykott-Aufrufe
Über die Hälfte der Produkte, die hier entstehen, werden exportiert. Deshalb haben die Kampagnen, die in den USA und Europa gegen jüdische Unternehmen im „Westjordanland“ geführt und von der antisemitischen Boykottbewegung BDS lanciert werden, dazu geführt, dass in den letzten Jahren mehrere israelische Unternehmen ihre Produktionsstätten in Judäa und Samaria aufgegeben haben. Zu den bekanntesten Opfern der Boykott-Aufrufe gehörte vor rund sieben Jahren die Firma Sodastream.
Gewaltiger Image-Schaden
Auch Sodastream hatte seine Produktionsstätte bewusst im konjunkturschwachen „Westjordanland“ aufgebaut nahe der Siedlung Maale Adumim, um die Region zu stärken. Juden und Moslems arbeiteten Seite an Seite, zu gleichen Konditionen. Es gab gemeinsame Betriebsfeste, sogar gemeinsame Ramadan-Feiern. Mit diesem Konzept hat man zu einem besseren, friedlicheren Miteinander zwischen Juden und Arabern beitragen. Doch nachdem Israelfeinde den bekanntesten Sprudel-Hersteller der Welt in einer beispiellosen medialen Kampagne als Symbol für israelische Besatzung und Ausbeutung unterdrückter Palästinenser diffamierten, stürzte der Kurs der Sodastream-Aktie in den Keller. Zahlreiche Kaufhäuser und Vertriebe strichen die Produkte von Sodastream aus ihrem Sortiment, sogar manche Kirchengemeinden riefen ihre Mitglieder zum Boykott auf. Der Image-Schaden war gigantisch. Und wer am Boykott gegen den Sprudelhersteller nicht teilnahm, musste ebenfalls mit Sanktionen und öffentlicher Diskreditierung rechnen. So wie die Schauspielerin Scarlett Johansson, weil sie in Werbeaufnahmen für Sodastream zu sehen war.
Jobverlust für Palästinenser
Sodastream drohte der Bankrott. Also zog man die Notbremse – und gab die Produktionsstätte im „Westjordanland“ auf. Das war 2015. 500 palästinensische Arbeitsplätze gingen im „Westjordanland“ verloren. Nur 150 palästinensische Arbeitnehmer am Ortsrand der Beduinenstadt Rahat im Negev konnten am neuen Standort weiterbeschäftigt werden. Dort arbeiten nun Juden und Beduinen Seite an Seite.
Abschied vom „Westjordanland“
Rund sieben Jahre sind seither vergangen. Der Aktienkurs schoss nach dem Umzug wieder in die Höhe, die Verkaufszahlen ebenfalls. Sodastream engagierte sich weiterhin im sozialen Bereich und förderte ein friedliches Miteinander im Betrieb – nur nicht mehr im „Westjordanland“. PepsiCo erwarb das nun wieder attraktiv gewordene Unternehmen im Jahr 2018 für 3,2 Milliarden US-Dollar, berichteten Wirtschaftsmedien.
Auch im Industriegebiet Barkan mussten mehrere Unternehmen ihre Produktionsstätten schließen. Die palästinensischen Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verloren, sie sind die Hauptopfer der anti-israelischen Boykott-Kampagne.



