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Von der Antike bis zum Mittelalter – getrennte Wege

Von der Antike bis zum Mittelalter – getrennte Wege

Die gemeinsame Geschichte von Juden und Christen
Karl Klanner
Die Statuen Ecclesia und Synagoga, judenfeindliche Dastellungen

Die gemeinsame Geschichte von Juden und Christen

Leseauszug aus Israelperspektiven – Karl Klanner

Fast 2000 Jahre Kirchengeschichte haben das religiöse Umfeld von Jesus Christus in den heute christlich geprägten Gesellschaften in den Hintergrund treten lassen und zugleich bewirkt, dass eine scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen der jüdischen und christlichen Religion entstanden ist. Wiewohl im Laufe der Jahrhunderte immer wieder bedeutende Vertreter des Christentums auf die bleibende Berufung des jüdischen Volkes aufmerksam gemacht haben, waren es erst markante historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts, welche einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Beziehung zwischen Juden und Christen bewirkt haben. Dazu zählen u.a. die Balfour-Erklärung 1917, der Holocaust (Shoah), die Gründung des Staates Israel 1948 und der Prozess der Rückkehr vieler Juden nach Eretz Israel (Alijah).

Nachfolgend sollen deshalb ansatzweise nur einige wenige historische Entwicklungen skizziert und manche Autoren exemplarisch zitiert werden, die für das Verständnis der aktuellen Situation als relevant erscheinen. Im Wesentlichen soll es darum gehen, wie in der Christenheit mit dem biblisch begründeten Anspruch des jüdischen Volkes auf eine Rückkehr in ihr früheres Heimatland im Laufe der Geschichte umgegangen wurde. Was heute oft als „christlicher Zionismus” umschrieben wird, findet sich bei früheren Vertretern als „Restaurationismus” (Wiederherstellung, englisch restorationism) oder in Begriffen wie „jüdische Rückkehr” (Jewish return) oder „jüdisches Heimatland” (Jewish homeland). Beim Studium dieser Thematik wird man schnell mit theologischen Erklärungsmodellen wie „Dispensationalismus” oder „Millenarismus” konfrontiert, die jedoch nicht im Fokus unserer Überlegungen stehen sollen. Einzelne dieser Fachbegriffe werden deshalb im Begriffsverzeichnis dieser Orientierungshilfe erläutert.

Von der Antike bis zum Mittelalter – getrennte Wege

Nach den Schriften des Neuen Testamentes wurde Jesus als Sohn der Jüdin Maria (Miriam) geboren. Er lebte, wirkte und starb als Jude. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung erlebten viele Juden eine Ausgießung des Heiligen Geistes und eine Umkehr zu Jesus als ihrem Messias. Petrus sprach etwa zu  Pfingsten an die Männer von Judäa sowie an alle, die in Jerusalem wohnten, und schloss ihnen die Worte des Propheten Joel auf (Joel 3,1-5). Etwa 3000 Menschen nahmen an diesem Tag die Botschaft des Evangeliums an und ließen sich taufen (Apg 2,14-41). Welch universale Bedeutung der Tod und die Auferstehung Jesu für die Nichtjuden (Heiden) haben sollte, wurde Petrus erst durch die Vision von den unreinen Tieren in Joppe (heutiges Jaffa) und in der darauffolgenden Begegnung mit dem Hauptmann Kornelius aus Cäsarea klar. „Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde” (Apg 10,45 EU). Die Bekehrung des Paulus (Saulus) von Tarsus, seine Berufung zum Apostel der Heiden (Gal 1,10-15) sowie seine Tätigkeit als Missionar führten zu grundlegenden Fragen und Weichenstellungen im Umgang mit den neubekehrten Nichtjuden (Heiden). Eine zentrale Frage war, ob diese Heidenchristen sich auch beschneiden lassen und das jüdische Gesetz halten sollten. Beim sogenannten „Apostelkonzil“ wurde dies gemeinsam mit den Aposteln und Ältesten der Jerusalemer Gemeinde erörtert. Die Anwesenden kamen zum Schluss: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden” (Apg 15,28 EU). Heidenchristen waren in der Folge nicht an das jüdische Gesetz gebunden. Die rasche Ausbreitung des christlichen Glaubens in den ersten Jahrhunderten führte dazu, dass die an Jesus Gläubigen überwiegend Heidenchristen waren. Aufgrund der Zerstörung Jerusalems und des Tempels 70 n. Chr. sowie der folgenden Zerstreuung der Juden in die ganze Welt (Diaspora) wurde der Prozess der Entfremdung des Heidenchristentums vom Judentum beschleunigt.

Innerhalb der frühen Kirche etablierte sich zunehmend die sogenannte „Ersatztheologie“ („Substitutionstheologie“). Viele Gläubige des Frühchristentums verstanden sich selbst als das neue „wahre” Israel, weil ihrer Ansicht nach das israelitische Volk aufgrund seines Ungehorsams und der Nichtannahme des Messias von Gott verworfen worden wäre. In den ersten Jahrhunderten erfolgte seitens der Kirche nach und nach eine bewusste Abgrenzung zum jüdischen Erbe. Den neutestamentlichen Berichten entsprechend wurde der Sonntag zunehmend als Tag der Auferstehung Jesu gefeiert und der Sabbat als wöchentlicher Feiertag abgelöst. Kaiser Konstantin erklärte schließlich 321 den Sonntag – den „Tag der Sonne” (zu Ehren des sol invictus, des „unbesiegten Sonnengottes”) – zum öffentlichen Ruhetag.

Der Wandel von einer zunächst verfolgten Glaubensgemeinschaft zur Staatsreligion brachte die Christen im Römischen Reich ab dem 4. Jahrhundert in eine politisch starke Position. Ein markanter historischer Meilenstein bei der Abgrenzung der Christen vom jüdischen Erbe war das Konzil von Nicäa (heutiges Iznik in der Türkei), welches im Jahre 325 von Konstantin dem Großen (270/288-337) einberufen wurde, um das Römische Reich mithilfe des mittlerweile stark gewachsenen Christentums zu einen. Vorrangig wurde bei diesem Konzil die Frage nach dem göttlichen und menschlichen Wesen Jesu diskutiert und ein Konsens im sogenannten „Nizänischen Glaubensbekenntnis“ gefunden. Zugleich wurde jedoch auch beschlossen, das Osterfest nicht mehr nach dem hebräischen, sondern dem julianischen Kalender zu berechnen und an einem Sonntag zu feiern.

Der christliche Antijudaismus Kaiser Konstantins und bedeutender Vertreter des Frühchristentums ist historisch gut belegt. Exemplarisch sei an dieser Stelle nur einer von vielen Kirchenvätern, also einflussreichen Persönlichkeiten und Autoren des Frühchristentums, angeführt. Der Kirchenlehrer und Bischof Gregor von Nyssa (um 335/340-394) bezeichnete die Juden als „Mörder des Herrn, Totschläger der Propheten, hasserfüllte Rebellen gegen Gott; sie treten das Gesetz mit Füßen, leisten der Gnade Widerstand und verschmähen den Glauben ihrer Väter. Sie sind Statisten des Teufels, eine Rasse von Schlangen, Verräter, in ihrem Gehirn verdunkelte Verleumder, pharisäischer Sauerteig, eine Versammlung von Dämonen, verabscheuungswürdig, Feinde von allem, was schön ist“2. Worte wie diese klingen auch heute noch schockierend und lassen auf eine völlige Zerrüttung der Beziehung zwischen Juden und Christen schließen. Sie machen die antijüdische Haltung im frühen Christentum deutlich, welche eine Fortsetzung in vielen, die Juden diskriminierenden Aussagen und Entscheidungen weiterer Konzilien und Synoden findet.

Die Auffassung von Augustinus von Hippo (354-430) im Hinblick auf die Juden sollte in der Folge für die westliche Kirche lange Zeit prägend werden. Dieser sehr einflussreiche Theologe, Philosoph und Bischof vertrat in seinen Schriften und Predigten auch eine Ersatztheologie. Seine Haltung könnte aus heutiger Sicht als gemäßigt beschrieben werden. Die Zerstreuung der Juden interpretierte er als göttliche Bestrafung für deren Rolle beim Tod Jesu. Sie sollten jedoch nicht verfolgt, sondern eher beschützt werden; einerseits weil sie die Schriften des Alten Testamentes für die Kirche überlieferten, andererseits weil ihre Situation in der Diaspora als Zeugnis für die Echtheit biblischer Prophetie dienen sollte. Zugleich war ihr Status mit der Erwartung verbunden, dass sie sich einmal dem christlichen Glauben zuwenden werden. Lebte um 1000 n. Chr. die überwiegende Mehrheit der Juden unter islamischer Herrschaft, so änderte sich dies in den darauffolgenden fünf Jahrhunderten aufgrund der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Expansion Europas. Nach dem Sieg über die Mauren wurde der Islam auf der Iberischen Halbinsel zurückgedrängt, zugleich konnten sich die jüdischen Gemeinden in Europa eine Zeitlang trotz vielfacher Restriktionen einigermaßen entwickeln. Juden arbeiteten in verantwortungsvollen Positionen, sofern es für die damaligen Herrscher oder auch die Kirche hilfreich war. Ab dem 12. Jahrhundert etablierte sich eine zunehmend feindselige Haltung gegenüber dem Judentum, da dieses mehr und mehr als eine feindliche und häretische Religion in einer christlichen Gesellschaft wahrgenommen wurde. Zwischen 1200 und 1500 migrierten viele Juden innerhalb Europas vom Westen in den Osten, nachdem sie 1290 aus England, 1306 aus Frankreich und im späten 15. Jahrhundert aus Spanien und Portugal vertrieben worden waren. Die Beschlüsse des 4. Laterankonzils im Jahre 1215 brachten diese antijüdische Entwicklung u.a. im Gebot, sich abweichend kleiden zu müssen und im Verbot, wichtige gesellschaftliche Positionen auszuüben, besonders zum Ausdruck.

Die Ursachen für eine zunehmend feindliche Haltung der katholischen Kirche gegenüber den Juden waren vielfältig. Eine wichtige Rolle spielte der aus Kalabrien stammende Abt Joachim von Fiore (1139/1135-1202), der in seiner „Drei-Zeiten-Lehre” die Geschichte in drei Zeitalter teilte: die des Vaters (Altes Testament), des Sohnes (Neues Testament bis 1260) und die des Heiligen Geistes. Nach seinen Berechnungen sollte letzteres als „Drittes Reich” im Jahre 1260 beginnen; der „Antichrist‘‘ würde als Papst und Vertreter der Amtskirche in Erscheinung treten und besiegt werden. Danach sollte ein „Tausendjähriges Reich” der Heiligen (Mönche) folgen, in dem sich auch die Juden zum Evangelium bekehren würden. Er verfasste auch eine Abhandlung „Gegen die Juden“ und versuchte diese zum christlichen Glauben zu bringen. Seitens der damaligen Mönchsbewegungen entstand so ein großer Druck auf die Juden, den christlichen Glauben anzunehmen. Das Papsttum gelangte in dieser Zeit – besonders unter Innozenz III. (1198-1216)  jedoch zu enormem Einfluss innerhalb der Christenheit und der mittelalterlichen Gesellschaft.

Zudem wurde seitens der Kirche verstärkt die tradierte rabbinische Lehre wahrgenommen und auch bekämpft. So verfügte etwa Papst Gregor IX. (1227-1241) ein Verbot und die Verbrennung des Talmud – insgesamt eine Entwicklung, die sich bis zum Ende des 16. Jahrhunderts fortsetzen sollte.

Christen des Mittelalters sahen im Heiligen Land in der Regel keineswegs ein Land, auf das die Juden einen biblischen Anspruch hatten. Sie sahen es vielmehr als ein Territorium, in dem der Sohn Gottes gelebt, gewirkt und sein Leben für die Erlösung der Menschheit hingegeben hatte. Dieses Gebiet war nach deren Verständnis unter feindlich-muslimischer Herrschaft und galt es von den Ungläubigen zu befreien. Bei den von der römischen Kirche unterstützten Kreuzzügen kam es zwar zur Eroberung Jerusalems (1099) und der Errichtung von Kreuzfahrerstaaten, letztlich blieben jedoch alle Versuche der militärisch-politischen Einnahme des Heiligen Landes erfolglos. Mit dem Beginn der Kreuzzüge setzten in Mitteleuropa massive Pogrome gegen die Juden ein, weil sie wie die Muslime als Feinde des Christentums betrachtet wurden.

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