Wer Israel kolonialistische Methoden vorwirft, missachtet historische Fakten.
Ideologischer Sumpf
Ist Israel ein imperialistischer Staat? Der Vorwurf ist wahrlich nicht neu. Heute allerdings wird er immer lauter, energischer und aggressiver erhoben, da die klassischen linken und antiimperialistischen Ideen mit postkolonialen und postmodernen Theorien angereichert werden, wodurch eine explosive Mischung entsteht. Gleichzeitig verabschiedet man sich damit von einer historisch-faktenbasierten Sicht und taucht in einen ideologisch-postfaktischen Sumpf ein.
Deshalb: Ist Israel ein imperialistischer Staat? War er es während seiner Gründung oder ist er heute dazu geworden? Nein! Israel war es nicht und ist es auch heute nicht. Denn der Imperialismus beschreibt das Expansionsbestreben einer Großmacht mit dem Ziel, ihren wirtschaftlichen, militärischen und politischen Macht- und Einflussbereich zu erweitern, um so eine Vormachtstellung zu erlangen. Oft werden dabei kolonialistische Methoden angewandt, um die so eroberten Völker auszubeuten und sich den Zugriff auf die natürlichen Ressourcen zu sichern.
Keine Großmacht
Auf Israel trifft all dies allerdings nicht zu. Denn die Entstehung Israels wurde durch keine Großmacht betrieben. Ging von keinem Staat aus. Und erfolgte nicht aus einer Position wirtschaftlicher, militärischer oder politischer Macht. Ganz im Gegenteil.
Israel wurde von Juden gegründet, die seit 1882 vor zunehmender Diskriminierung, Verfolgung und Ausgrenzung flohen. Sie kamen in ein Gebiet, mit dem sie durch die Geschichte und die Religion verbunden waren, und in dem es trotz der Vertreibung durch die Römer in den Jahren 70 und 135 eine kontinuierliche, wenn auch bescheidene, jüdische Existenz gab. Etwa in Jerusalem, Hebron, Safed, Tiberias und vielen anderen Orten.
Brachliegendes Land
Und sie kamen in ein Land zunächst unter osmanischer und später unter britischer Herrschaft, das in weiten Teilen nur dünn besiedelt, unwirtlich und unbebaut war. Ein Gebiet ohne natürliche Rohstoffe wie Öl oder Gold, das international kaum eine Rolle spielte.
Die ersten Einwanderer dachten dabei nicht an einen eigenen Staat. Sie hofften lediglich auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Furcht, Ausgrenzung und Verfolgung. Selbst als der Zionismus, also das Streben nach Selbstbestimmung in einem unabhängigen Staat, 1897 aus der Taufe gehoben wurde und angeheizt durch den wachsenden Antisemitismus in Europa immer mehr Juden in das heutige Israel einwanderten, gab es nichts Imperialistisches an dieser Entwicklung. Große Teile des brachliegenden unwirtlichen Landes wurden Großgrundbesitzern aus Ägypten oder Syrien zu überhöhten Preisen abgekauft und dann von den Einwanderern mit den eigenen Händen bearbeitet, bebaut und kultiviert. So wurde das Land Stück für Stück zum Blühen gebracht und die jüdischen Einwanderer schufen sich ihr neues altes Zuhause. Eine jüdische Heimstätte.
Wunsch nach Frieden
Sie waren keine Gesandten einer Großmacht, besaßen keine militärische oder politische Macht und dachten nicht an Eroberung. Sie waren Flüchtlinge, die einen tausende Jahre alten Traum Wirklichkeit werden ließen. Auch wenn sie sich auf dem Weg dorthin dem Hass ihrer Nachbarn erwehren mussten, denen eine jüdische Existenz im muslimischen Nahen Osten ein Dorn im Auge war.
Das hat sich auch nach der Staatsgründung im Jahr 1948, die von den Vereinten Nationen international anerkannt wurde, nicht geändert. Und auch wenn Israel heute aus einer Position wirtschaftlicher und militärischer Stärke agiert, die es sich selbst erarbeitet hat, so war es immer wieder bereit, Gebiete, die es in den zahlreichen Kriegen, die seine arabischen Nachbarn begonnen oder provoziert haben, erobert hat, zurückzugeben, um in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben.
Israel war immer bereit, territoriale Kompromisse einzugehen, um im Gegenzug Sicherheit und Frieden zu bekommen. Und es ist bereit, seine Nachbarn an seinen kulturellen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen teilhaben zu lassen, anstatt sie auszubeuten. Israel mag also vieles sein. Aber eins ist Israel definitiv nicht: ein imperialistischer Staat.
Über den Gastautor
Unser Gastautor Daniel Neumann ist Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Darmstadt und im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der Frankfurter Rechtsanwalt ist außerdem Autor für die „Jüdische Allgemeine“ und Mitglied im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks sowie Vorsitzender des Programmausschuss Hörfunk und Fernsehen.






