Als 1948 der Staat Israel sprichwörtlich wie eine Phönix der Asche des Holocausts entstieg, war es für zahlreiche Christen auf der ganzen Welt ein Zeichen der Treue Gottes für sein Bundesvolk Israel. Gleichzeitig erwachte in vielen Christen das Bewusstsein, dass wir in Tagen leben, in denen sich uralte biblischer Vorhersagen vor unseren Augen erfüllen. In den letzten 60 Jahren ist viel passiert, und das Israel von heute ist ein anderes als das von 1948.
Postzionistisch oder Zionistisch?
Es war der Wiener Journalisten Theodor Herzl, der die Zionistische Bewegung ins Leben rief. Ausgelöst durch den während der Dreyfus-Affäre neu aufflammenden Antisemitismus propagierte er in seinem Buch „Der Judenstaat“, dass ein Land entstehen müsste, in dem Juden sicher vor Verfolgung leben könnten. Es waren weniger religiösen, als vielmehr pragmatisch-politische Erwägungen, die ihn dazu erwogen. Ob dieser Staat in Palästina oder Uganda entstehen sollte, war für ihn zunächst zweitrangig. Schnell gründeten sich jedoch in ganz Europa „Hovevei Zion“ Gruppen – Freunde Zions - die sich die Rückkehr nach Zion auf die Fahne geschrieben hatten. David Grün, der sich später David Ben Gurion nannte, war einer von ihnen. Mit großem Idealismus machte er sich zusammen mit tausenden anderen jungen, meist aus Osteuropa stammenden Juden auf den Weg nach Palästina, um dort in enormer Aufopferungsbereitschaft jüdisches Leben im Lande der Bibel neu erblühen zu lassen. 50 Jahre nach dem ersten Zionistenkongress in Basel rief Ben Gurion in Tel Aviv die Gründung des Judenstaates aus. Als er sich als erster Ministerpräsident Israels in den Ruhestand verabschiedete, zog er sich mit seiner Frau Paula in eine Pioniersiedlung in der Negev-Wüste zurück. Dort in Sde Boker verabschiedete der Staatsmann sich von der Öffentlichkeit, als ein Pionier, der seinen Idealen bis zuletzt treu blieb.
Immer mehr Israelis sehnen sich heute Staatsmänner vom Kaliber eines Ben Gurion zurück. Gerade in den letzten zwei Jahren wurde die politische Führung in Israel von zahlreichen Sex- und Finanzskandalen erschüttert. Das Vertrauen in die Politiker schwindet hier in Israel ebenso wie in vielen Europäischen Ländern. Ebenso wird 60 Jahre nach Gründung des Judenstaates in Israel laut diskutiert, ob die zionistischen Ziele überhaupt noch relevant sind. Die sog. „Postzionistische Bewegung“ gewinnt dabei immer mehr an Anhängern. Die „Hatikva“, die Nationalhymne, in der das „Sehnen nach Zion“ besungen wird, ist für viele nicht mehr zeitgemäß. Selbst das Einwanderungsgesetz soll geändert werden, zulasten von Immigranten mit „ungeklärtem Hintergrund“, wie die Falasch Mura oder andere Gruppierungen aus Äthiopien oder Indien.
Die rückläufigen Alijah-Zahlen, d.h. die Zahl der Juden, die aus aller Welt nach Israel einwandern wollen, scheinen dies zu unterstreichen. Im Jahr 2007 verließen mehr Israelis das Land als Neueinwanderer in Israel ankamen. Wenn es nach dem Willen des derzeitigen Innenministers geht, sollten nur noch wohlhabende oder gut ausgebildete Juden aus der westlichen Welt nach Israel einwandern.
Intel Chips statt Jaffa Orangen
Wer seinen Acker bebaut, wird reichlich Brot haben. Sprüche 12:11
Als 1948 der Staat Israel aus dem Nichts entstand, war es in vielerlei Hinsicht ein „Bauern und Arbeiterstaat“, der inspiriert durch die zahlreichen osteuropäischen Einwanderer, sozialistischen Idealen folgte. Die legendäre Kibbuzbewegung schien für lange Zeit die weltweit einzige harmonisch funktionierende kommunistische Lebensgemeinschaft zu sein. In diesen landwirtschaftlichen Kommunen wurde jegliches Einkommen geteilt und die Kinder gemeinsam in Kinderhorten erzogen. Der Hauptexportschlager des jungen Staates Israels waren die Jaffa Orangen oder andere landwirtschaftliche Produkte, so dass 1950 über 60% des Gesamtexports der israelischen Wirtschaft aus dem Agrarbereich stammten.
Dieses Bild hat sich gewandelt. Sozialistische Lebensvorstellungen sind für die Mehrheit der Israelis längst passé. Stattdessen gelten heute in Israel die Prinzipien einer freien Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild. Die Kibbuzbewegung kämpft ums Überleben, wobei die wenigen noch lukrativen Kibbuzim ihr striktes sozialistisches Ideal mehr und mehr ablegen. Agrarexporte machen nur noch 2% des Exportvolumens aus. Der Hauptexportschlager Israels sind heute nicht mehr Orangen, sondern Mikrochips und Computersoftware. Die israelische Hightechbranche macht heute 70% der industriellen Produktion aus.
Während die israelische Inflationsrate in den 80er Jahren mehr als 400% erreichte, ist der israelische Schekel heute eine höchst stabile Währung. Die Tageszeitung Ha’aretz bezeichnete den Schekel im Juli dieses Jahres als stärkste Währung der Welt, die nicht nur gegen den ohnehin schwachen Dollar, sondern auch gegen den Euro kontinuierlich an Wert gewinnt.
Dennoch steigt, trotz boomender Wirtschaft, auch die Anzahl der Armen in Israel rapide an. Die ärmste Stadt Israels ist heute Jerusalem, wo 25% der Bewohner unterhalb der Armutsgrenze leben. Besonders betroffen sind dabei die Kinder, Tendenz steigend.
Vom David zum Goliath
Das Ross ist trügerisch und kann nicht retten, und trotz seiner großen Stärke kann man nicht entfliehen. Siehe, das Auge des HERRN achtet auf die, welche ihn fürchten, die auf seine Gnade harren. Psalm 33:17-18
Als sich im Unabhängigkeitskrieg 1948 die israelischen Streitkräfte gegen Angriffe einer massiven Übermacht aus sechs benachbarten Ländern wehren mussten, gab es bis auf sechs Doppeldecker keine nennenswerte Luftwaffe. Mit nur ein paar tausend Gewehren ausgerüstet, war die Haganah gerade in der Lage, sich mühevoll gegen die Angreifer zur Wehr zu setzen. Manche Kibbuzniks hatten nur landwirtschaftliches Werkzeug zur Verfügung, um sich gegen die Angreifer zu verteidigen.
In sechs Jahrzehnten musste sich Israel in sechs Kriegen behaupten. Besonders spektakulär waren die Siege im Sechs-Tage-Krieg und dem Jom – Kippur - Krieg. Nach dem Sechs-Tage-Krieg kam zum ersten Mal nach knapp 2000 Jahren das größte Heiligtum des jüdischen Volkes wieder unter israelische Kontrolle, der Tempelplatz samt der Altstadt Jerusalems. Vielerorts in Deutschland läuteten Kirchenglocken, und spontan kam es zu Solidaritätsbekundungen aus aller Welt.
Heute, 60 Jahre nach Staatsgründung, gilt die israelische Zahal als eine der schlagkräftigsten und am besten ausgebildeten Armeen der Welt. Dass Israel es trotzdem nicht geschafft hat, im vergangenen Libanonkrieg die Freischärler der Hisbollah auszuschalten oder den Raketenbeschuss der Hamasmiliz zu stoppen, sorgte nicht nur bei israelischen Kommentatoren für Verwunderung.
„Land für Frieden“
Insbesondere nach Gründung des Staates Israel und den spektakulären und wundersamen Siegen des Sechs-Tage- und des Jom – Kippur - Kriegs verstärkte sich bei vielen Christen die Auffassung, dass Israel sich in einem Prozess ständiger Gebietsvergrößerung befand. Es waren unvergessliche Bilder, als 1967 israelischen Soldaten nach fast 2000 Jahren zum ersten Mal den Tempelberg mit der Westmauer wieder unter israelische Kontrolle brachten. Für viele Israelis und Christen zugleich hatte es heilsgeschichtliche Bedeutung.
Seit den 90er Jahren ist Israel jedoch dabei, sich nach und nach aus Gebieten zurückzuziehen, die zwar biblisches Kernland sind, jedoch für die israelische Regierung militärisch und politisch nicht mehr haltbar waren. Mit „Jericho zuerst“, dem Abzug aus der uralten biblischen Stadt, begann der schrittweise Prozess der Landaufgabe, der „Land für Frieden“ hieß. Hebron und andere Städte der Westbank folgten und wurden an die palästinensische Autonomie abgegeben, dann kamen im Jahr 2000 der Abzug aus dem Südlibanon und zuletzt die Abkoppelung aus Gaza.
Dass die Formel „Land für Frieden “ nicht aufging, zeigte sich schnell. Der Abgabe von Teilen der Westbank in den 90er Jahren an die Palästinensische Autonomie folgten zahlreiche Terroranschläge, die schließlich in der blutigen zweiten Intifada gipfelten, die im September 2000 begann. Das Ergebnis des Gaza-Abzugs ist ein bis heute andauernder Beschuss israelischer Städte durch Kassam-Raketen.
Jüdisch-Christliche Zusammenarbeit
Was den Umgang mit dem Staat Israel von christlicher Seite anbelangt, gab und gibt es viel aufzuarbeiten. Wohl gab es bereits vor dem Krieg christliche Initiativen, die dem Aufbau Zions und dem Dienst am jüdischen Volk gewidmet waren. Als jedoch 1948 der Staat Israel – ein Jahr vor Gründung der Bundesrepublik – ausgerufen wurde, waren die Krematorien von Ausschwitz noch kaum verloschen. Die Gräuel- und Schandtaten von Christen am jüdischen Volk hatten mit dem Holocaust ihren tragischen Höhepunkt erreicht. An jüdisch-christliche Zusammenarbeit war daher am Anfang des jungen Staates nicht zu denken. Christliche Initiativen – besonders zu erwähnen die von Mutter Basilea Schlink und den evangelischen Marienschwestern – setzten bereits früh Zeichen der Buße und der Umkehr. Es waren jedoch nur wenige. Später folgten Werke wie z.B. das Liebeswerk Zedakah (gegründet durch Pfarrer Nothacker), um die Versöhnung zwischen Juden und Christen zu fördern.
Um 1980 kamen weitere Initiativen hinzu: Bridges for Peace, Christian Action for Israel oder die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (um nur einige zu nennen), wurden in dieser Zeit gegründet. Viele weitere folgten in den Jahren danach. Immer mehr Christen - hauptsächlich aus der weltweit schnell wachsenden Evangelikalen Bewegung – begannen, die biblische Bedeutung der Wiederherstellung Israels zu erkennen. Neue Initiativen, Solidaritätskundgebungen und Hilfsinitiativen entstanden in wachsender Zahl. Zunehmendes Interesse am Volk und Staat Israel begann Anfang dieses Jahrtausend sogar ganze Religionsgemeinschaften zu erfassen, mit dem Ergebnis, dass es in Israel zu einer wachsenden Zahl von jüdisch-christlichen Partnerschaften kommt. Der Rabbiner Yechiel Eckstein wies auf einer jüngsten Konferenz in Israel die anwesenden Knessetabgeordneten und Geschäftsleute auf die wachsende Zahl von heute über einer halben Milliarde „Evangelicals“ hin. „Dies sind die Partner der Zukunft für den Staat Israel“, erklärte er den Zuhörern.
Der Knessetausschuss für jüdisch - christliche Zusammenarbeit, die Partnerschaften mit Yad Vashem oder der Jerusalem Post zeigen in der Tat, dass sich einiges geändert hat. Es gibt jedoch noch viel zu tun. Genauso wie der Staat Israel noch viele Herausforderungen vor sich hat, so erwartet auch die christlich-jüdische Zusammenarbeit noch so manche Herausforderung.
Fazit
Der Staat Israel heute ist ein anderer als zur Staatsgründung. Selbst seit 1980, dem Gründungsjahr der Internationalen Christlichen Botschaft, hat sich viel geändert. Doch der uralte Aufruf aus Jesaja 40, „Tröstet, tröstet mein Volk“ und die Aufforderung, als Wegbereiter Gottes, Gräben zu füllen, Gekrümmtes zu begradigen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, dass „die Herrlichkeit des Herrn sich offenbare“ ist heute noch so aktuell wie vor 60 Jahren. Trotz vieler Veränderungen in Israel bleibt dieser Auftrag derselbe. In Vers 7 kommt eine fast ernüchternde Feststellung „Das Gras wird dürr, die Blume fällt ab; denn der Hauch des HERRN hat sie angeweht. Wahrhaftig, das Volk ist Gras! ... aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit!" Die Blume des Zionismus und der Pioniergeist der Gründerväter sind am verwelken. Der ewige Wunsch des Volkes Gottes „ein Volk wie alle anderen Völker“ zu sein besteht nach wie vor. „... aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit!“ Trotz aller Veränderungen, Gott verändert sich nicht. Er wacht über sein Wort, um es zu erfüllen (Jer. 1,12) und zugleich ist er der Hüter Israels, der weder schlummert noch schläft (Ps. 121,4). Gottes Auftrag, sein Volk zu segnen, ist trotz aller Entwicklungen unveränderlich. Es sind spannenden Zeiten, und wir vertrauen Gott, dass uns sein Geist nicht nur leitet, sondern auch vermehrt dazu ausrüstet, in Zeiten des Wandels dem Volk Israel in der Kraft Gottes zu dienen.









